„Wie malt man die Finsternis?“

Gary Victor Soro

© litradukt

Es beginnt mit einer der denkwürdigsten Szenen dieses Buchjahres: Inspektor Dieuswalwe Azémar kommt in einem Hotelbett zu sich, die Sinne noch völlig vom Soro vernebelt, als er bemerkt, dass er anscheinend gerade mit der Frau seines Vorgesetzten schläft. Ihm bleibt kaum Zeit, diese Information zu verdauen, denn auf einmal bebt der ganze Raum. Haiti wird von einem der schlimmsten Erdbeben in der Geschichte des Landes heimgesucht. Ein Stück Zimmerdecke bricht heraus und erschlägt die arme Frau, die den verwirrten Polizisten mit ihrem massigen Körper vor dem sicheren Tod bewahrt. Er kriecht unter ihr hervor und flüchtet sich nach draußen. Als er sich am nächsten Tag durch die zerstörte Stadt zur Arbeit schleppt, ahnt er noch nicht, dass sein Chef, Kommissar Solon, längst über den Seitensprung seiner Frau Bescheid weiß. Und über ihren Tod. Inspektor Azémar wird damit beauftragt, den Mann zu finden und auszuliefern, mit dem Solons Frau bis zuletzt das Bett geteilt hat: Sich selbst.

Die dunkle Brille, die er ständig trug, nicht um sein Schielen zu verbergen, sondern um die Hässlichkeit der Dinge abzumildern, die ihm ständig in den Blick kamen, konnte gegen die Wirklichkeit um ihn herum nichts mehr ausrichten. Das Stadtzentrum war nur noch eine Ansammlung von Ruinen.

Ein schräger Vogel, dieser Dieuswalwe Azémar. „Dieusoitloué“, so sein eigentlicher Vorname, war ihm zu Französisch, weshalb er die kreolische Schreibweise in seinen Pass eintragen ließ. Damit bezeugt er seine Liebe zum postkolonialen, unabhängigen Haiti, einem der ärmsten und am wenigsten entwickelten Länder der Erde. Gleichzeitig hasst er die meisten seiner Landsleute, die sich mit Aberglauben und Schamanismus der brutalen Wirklichkeit und damit ihrer Verantwortung, etwas an den katastrophalen Zuständen im Land zu ändern, entziehen. Er ist ein integrer, idealistischer und vor allem vernunftbegabter Polizist in einem mystisch angehauchten Irrenhaus. Deshalb trinkt er. Am liebsten „Soro“, der dem großartigen Roman von Gary Victor auch seinen Namen gibt. Ein Zuckerrohrschnaps, der mit Bittermelonenblättern aromatisiert wird. Dieuswalwes Körper funktioniert nur noch auf Basis dieses eigentlich der Unterschicht vorbehaltenen Getränks, das Kämpfen hat er längst aufgegeben. Alles, was ihm in dieser Welt noch etwas bedeutet, ist seine kleine Adoptivtochter Mireya.

Armut und Leid waren das Gold Haitis, das die Reichen des Landes auf den öffentlichen Plätzen der großen Hauptstädte der westlichen Welt trefflich zu vermarkten verstanden.

Es kommt noch dicker für den haitianischen Polizisten: Nicht nur, dass er seine eigenen Taten aufklären und damit sein Todesurteil unterschreiben soll. Nein, es gibt auch noch einen Zeugen. Den Hotelportier. Den haben die herabstürzenden Trümmerteile zwar ins Koma befördert, doch eine rasche Genesung scheint sehr wahrscheinlich. Inspektor Azémar gerät ganz schön ins Schwitzen, da bräuchte es nicht noch seine aufgeregte Ex-Freundin, die mit einem toten Maler geschlafen haben will. Er kämpft plötzlich sowohl gegen den dem Voodoo-Kult entsprungenen Zombie-Mythos, der für ihn das Flaggschiff der Idiotie seiner Mitbürger darstellt, als auch gegen die ungewohnten Folgen seines übermäßigen Soro-Konsums. Motorrad-Taxis, deren Fahren er mit dem bloßen Anblick seiner Marke bezahlt, fahren ihn durch die Überreste der Hauptstadt Port-au-Prince, und schon bald sieht er sich selbst gezwungen, mit schwarzer Magie herumzuhantieren.

Einige Bürger schmierten sich bereits Zahnpasta unter die Nase, wenn sie auf die Straße gingen, andere hielten sich ein alkoholgetränktes Tuch vor. Leichen lagen an allen Straßenkreuzungen. Es war Donnerstagmorgen, über 36 Stunden nach dem Erdbeben, und man wartete immer noch auf eine Ansprache des Staatsoberhauptes an die Nation.

Die Reihe um Inspektor Azémar, die mit „Soro“ in die zweite Runde geht, ist in Gary Victors Heimat sehr beliebt. Das mag vor allem daran liegen, dass der Autor, was die politischen Zustände auf Haiti angeht, kein Blatt vor den Mund nimmt. Munter pinkelt sein Protagonist jedem, der in diesem Land etwas zu sagen hat, ans Bein. Egal ob Lokalpolitiker, Funktionäre, Regierungsmitglieder, NGOs, die UNO, x-beliebige Staatschefs oder gar der eigene Präsident höchstpersönlich – der gallig-zynische Wortschwall prasselt auf sie alle herab wie saurer Regen. Dieuswalwe bleibt unversöhnlich und offenbart dem Leser die korrupten Strukturen eines Systems, das nur auf den Schultern einer ungebildeten, bettelarmen Bevölkerung bestehen kann, die sich widerstandslos ausnutzen lässt. Er reißt die Mächtigen regelrecht mit Worten in Stücke.

Drei Jugendliche lehnten an einer Wand mit den Bildern von Jesus Christus, Bob Malrey und Jean-Bertrand Aristide und reichten sich einen Joint weiter.

Ein echtes Juwel, was litradukt uns da zugänglich macht. Der kleine Trierer Verlag unter der Leitung von Herausgeberin Manuela Zeilinger-Trier widmet sich ausschließlich haitianischer Literatur. Dort ist bereits 2013 „Schweinezeiten“, das erste Abenteuer des Inspektor Azémar, in deutscher Sprache erschienen. In Haiti selbst stellen die im eigenen Land angesiedelten Kriminalromane ein absolutes Novum dar, und auch für den nicht-haitianischen Leser ist Gary Victors Roman „Soro“ etwas Einzigartiges, etwas Besonderes. Die Mischung aus exotischer Kulisse, fremdartiger Mystik, Katastrophenszenario und alkoholbedingtem Delirium entpuppt sich als Pulverfass, das in den Synapsen hochgeht und trotz der gerade mal 140 Seiten einen riesigen Knall erzeugt. In jeder Hinsicht spannend.

„Komm zu dir, Dieuswalwe … Es muss eine Lösung geben … Lass das Tier in dir nicht die Oberhand gewinnen, das Tier, dem es überall gelungen ist, die Männer und Frauen in diesem Land zu domestizieren. Wozu sind wohl die zwei W in deinem Namen gut?“

Als „Schweinezeiten“ vor zwei Jahren veröffentlicht wurde, hatte ich es mehrere Male in der Hand. Der Untertitel „Ein Voodoo-Krimi“ hat mich aber letztlich so irritiert, dass ich es liegen ließ. Wollte man mir da etwa eine folkloristische Touristen-Schwarte unterjubeln? Wollte man nicht. Man wollte denen, die nach folkloristischen Touristen-Schwarten suchen, einen richtig guten, harten Kriminalroman andrehen. Nachdem ich „Soro“ gelesen habe, bereue ich natürlich meine damalige Kurzsichtigkeit. Nun bleibt mir nichts anderes übrig, als dieses Versäumnis schleunigst nachzuholen. Vielleicht, und das vermute ich fast, wart ihr ja von Anfang an klüger als ich. Wenn nicht kann ich euch nur raten, es mir gleich zu tun. Lest Gary Victor! Fehlt eigentlich nur noch der passende Schnaps. Ihr kommt da nicht zufällig ran?

„Soro“ von Gary Victor ist gerade bei litradukt als Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Peter Trier. 

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8 Gedanken zu “„Wie malt man die Finsternis?“

  1. Deiner Empfehlung „Lest Gary Victor!“ schließe ich mich an und…. den Untertitel „Voodoo-Krimi“ halte ich ebenso wie du für irreführend, für „Soro“ sogar verfehlt.

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  2. Ich hatte bereits das Vergnügen mit „Schweinezeiten“. Ich gebe zu, dieses Voodoo-Zeugs hat mich schon irritiert, aber dieser Inspector und vor allem die Schilderung des gescheiterten Landes sind wirklich lesenswert.

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