Schrottplatz der Scheintoten

crews florida fever

© Metrolit

Mit sechsundfünfzig, einem der hässlichsten Stümpfe, die er je gesehen hatte, und obendrein einem über beide Arschbacken laufenden Tattoo, das ihm peinlich war, seit er in Korea aus seinem Heroin-Koma erwacht war und gesehen hatte, was er angerichtet hatte, hatte Stump mit Sex mehr oder weniger abgeschlossen.

Er kam vor Jahren einigermaßen unverletzt aus Korea zurück, nur um wenig später einen seiner Unterarme an eine Häckselmaschine zu verlieren. Nun besitzt „Stump“, wie er seitdem wegen seiner Verletzung genannt wird, ein Altenheim der ganz besonderen Art. In seinem Trailerpark „Florida Forever“ leben Rentnerinnen und Rentner, für die sich niemand mehr interessiert, und denen das nötige Kleingeld fehlt, um ihren Lebensabend in Würde verbringen zu können. Der verbitterte Veteran genießt die gespenstische Ruhe, krümmt keinen Finger und ruht sich auf seinem Finanzpolster aus, das ihm die Versicherung beschert hat. Die meisten Bewohner seiner Anlage sind ihm unbekannt und er verspürt keine Lust, daran etwas zu ändern. Doch dann platzt Too Much in die Szenerie. Eine bildhübsche, blutjunge Frau, die ihn in ihren Bann zieht. Sie pulsiert förmlich vor Lebensenergie, und schon bald reicht es ihr nicht mehr, ihre gottgegebenen Gaben nur an den griesgrämigen Stump zu verschwenden. Florida Forever erwacht aus der Leichenstarre.

„Ihr alten versteinerten Säcke, macht euch über den Tod keine Gedanken. Ich trage das Feuer des Lebens in mir, und ich werde jeden von euch damit beglücken. Macht euch keine Sorgen.“

Harry Crews ist in Deutschland weitestgehend unbekannt. 2012 verstarb er im Alter von 76 Jahren und hinterließ der Welt stolze 17 Romane, eine Vielzahl an Kurzgeschichten und eine Autobiographie. Zeitlebens versuchte man seine exzentrischen Werke verzweifelt in eine Schulbade einzuordnen. Auch heute noch fallen, wenn es um die Kategorisierung seines Schaffens geht, Worte wie „Southern Gothic“, „Grit Lit“ und „Country Noir“, aber zum Kern des Phänomens Crews dringt man damit nicht wirklich vor. Simone Salitter und Gunter Blank, Herausgeber der Noir-Reihe bei Metrolit, möchten uns diesen Autor nun etwas näher bringen. Drei seiner Bücher wurden bereits beim kleinen Bremer Mox & Maritz Verlag herausgegeben, somit ist „Florida Forever“ der vierte Roman von Harry Crews, der ins Deutsche übertragen wird. Ein Roman, der aus der Masse der aktuellen Erscheinungen heraussticht wie ein Augenklappe tragender Psychopath mit Goldzähnen auf Großmütterchens Teeparty.

Er verschränkte seine knorrigen Finger im Schoß und starrte auf sie hinab. „Ich erledige keine Jobs. Außer alt sein. Alt sein ist mein Job.“

Too Much möchte die neue Ära im Trailerpark mit einem Maifest einleiten. Dafür braucht man traditionell einen passenden Baum. Wie ein Wirbelwind fegt sie durch Florida Forever und entreißt die vor sich hin siechenden Bewohner der Lethargie, erinnert sie daran, wer sie einmal waren, welche Berufe sie ausgeübt haben und kitzelt heraus, was davon noch in ihnen steckt. Auf diese Weise treibt sie nicht nur einen ausgebildeten Baumkletterer auf, der sich um den Maibaum kümmern soll, sondern auch allerhand nützliche Handwerker und Künstler. Sie bringt einen alternden Betrüger, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Sumpf zu töten, seiner Frau wieder etwas näher und lehrt einen alkoholkranken Afroamerikaner auf unorthodoxe Art, was Selbstachtung bedeutet. Immer mehr Leute, darunter eine zombieartige Meute stumpfsinniger Zahnloser, schließen sich der messianisch auftretenden Too Much an. Bis Stump irgendwann einsehen muss, dass er längst nicht mehr Chef im eigenen Laden ist.

„Du bist der Apfelsamen des Glücks. Niemand wird das mögen, weil niemand es versteht. Die Welt weiß, wie sie mit Kummer umzugehen hat. Aber sie hat noch nie gewusst, was sie mit Glück und Freude anfangen soll.“

Harry Crews ist ein Meister der lakonisch-philosophischen Dialoge. Er verbindet schier unendliche Doppelbödigkeit und bis ins Absurde verdrehte Ironie mit allerlei Flüchen und Obszönitäten und lässt so Gespräche entstehen, die man sich einrahmen möchte. Seine Figuren sind entweder körperlich verunstaltet, seelisch vernarbt oder haben unkontrollierbare, absonderliche Ticks. „Florida Forever“ ist eine Freakshow und liefert damit das vielleicht passendste Bild, das man sich von einer Welt wie der unseren machen kann. Crews rechnet nicht nur mit dem American Dream ab, der nur mittellose alte Menschen hervorgebracht hat, denen nur noch der Tod bleibt, sondern auch mit dem Umgang der Gesellschaft mit dem Älterwerden – und dem angeblichen Gegenmittel Jugendwahn. Seine Protagonistin eröffnet dem Leser eine Alternative: Die ultimative Möglichkeit. Eine Art Chaos-Prinzip. Was hat man auch schon groß zu verlieren?

Alles ist Zufall, und der Zufall ist alles, hatte sie ihm erklärt. Die meisten weigerten sich, das zu akzeptieren, weil sie den Zufall fürchteten. Denn der Zufall beinhaltete jedwede Möglichkeit.

Gunter Blank schreibt in seinem lesenswerten Nachwort, dass es sich bei dem vorliegenden Buch nicht um einen Krimi handelt. Man kann ihm da kaum widersprechen. Selbst das Noir-Label will nicht so richtig haften bleiben – auch  dann nicht, wenn man ein „Country“ voranstellt. Angesichts der Qualität dieses im Original bereits 1998 erschienen Werks kann man diesen Umstand aber getrost ignorieren. „Florida Forever“ ist ein obskures Buch voll sexueller Ausschweifung und nicht zur Nachahmung empfohlener Praktiken, das jeden, der es in die Hand nimmt, entweder köstlich unterhalten und zugleich zum Denken anregen, oder aber zutiefst verstören kann. Hängt ganz von der Person ab. Wenn sich überhaupt ein adäquater Vergleich für dieses Leseerlebnis anstellen lässt, dann der mit den „Binewskis“ von Katherine Dunn. Und das ist in jeder Hinsicht ein Kompliment.

„Florida Forever“ von Harry Crews ist gerade bei Metrolit im Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Gunter Blank.

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