Es ist was faul im Sunshine State

wileford miami blues

© Alexander Verlag

Der Anfang von Charles WillefordsMiami Blues“ ist mittlerweile schon legendär: Der frisch aus der Haft entlassene Kleinganove Frederick J. Frenger Junior, genannt Junior, bricht einem bettelnden Hare Krishna am Flughafen von Miami ein paar Finger. Der Mann stirbt noch an Ort und Stelle an den Folgen des Schocks. Hoke Moseley vom Miami Police Department, ein Cop mit falschen Zähnen und einer Vorliebe für Cognac, den er meistens aus einem Zahnputzbecher trinkt, soll sich der Sache annehmen. Währenddessen spaziert Junior nichtsahnend ins nächstbeste Hotel, wo er sich vom zwielichtigen Hotelpagen Pablo ein Mädchen aufs Zimmer schicken lässt. „Pepper“ – oder Susan, wie sie im echten Leben heißt – ist ebenso hübsch wie unterbelichtet. Und ganz nebenbei ist ihr Bruder auch noch ein Hare Krishna. Oder besser gesagt: War es.

Sein Wunsch, anderen Gutes zu tun, war die Wurzel seiner Probleme gewesen und hatte sein Leben schlimmer statt angenehmer gemacht. Und wirklich geholfen hatte er dabei auch niemandem. Da beschloß er, sich nur noch um sich selbst zu kümmern.

Der Auftakt der vierbändigen Reihe um den heruntergekommenen Polizisten Hoke Moseley hat längst seinen Platz im Krimi-Olymp eingenommen. Das Buch bescherte dem bis dato unbekannten Vielschreiber Charles Willeford große Popularität und wurde 1990 mit Alec Baldwin, Fred Ward und Jennifer Jason-Leigh verfilmt. Die Filmrechte sollen für die, heute wie damals, lächerliche Summe von 4.000 US-Dollar über die Theke gegangen sein. Nun liegt im Alexander Verlag eine überarbeitete Neuausgabe des dort bereits 20002 erschienen Romans vor. Alleine für das journalistische Highlight, das dem eigentlichen Text vorangestellt ist, lohnt sich die Anschaffung dieses Klassikers schon. John Keasler, Kolumnist bei der Miami News, führte im Erscheinungsjahr von „Miami Blues“ nämlich das erste umgekehrte Interview der Welt mit dessen Autor: Willeford schrieb „schnell ein paar Antworten“ hin, und hinterher durfte Keasler sich dann Fragen dazu ausdenken. Es ist zum Niederknien.

Wie die Fliege sagte, als sie über den Spiegel krabbelte: „So kann man’s auch sehen.“

Wenn ich mir Hokey Moseley so anschaue, kann ich kaum glauben, dass dieser Protagonist noch drei weitere Romane ausfüllen soll. Im Gegensatz zu den modernen Helden der Kriminalliteratur ist er nämlich mitnichten in der Lage, die Handlung alleine zu tragen. Sein Antagonist, Junior, stiehlt ihm in allen Bereichen die Show. Er schleicht sich sogar in das Hotel, in dem Moseley wohnt und in seiner Freizeit auch den Hausdetektiv spielen darf, um ihm das unter die Nase zu reiben. Junior ist klüger, sieht deutlich besser aus und scheint ihm immer mindestens drei Schritte voraus zu sein. Er verkörpert den klassischen Psychopathen, der den Unterschied zwischen Gut und Böse, Gesetz und Unrecht zwar kennt, aber ihn einfach ignoriert. Wer hier also eine Identifikationsfigur sucht, der sollte lieber gleich aufgeben. Weder der lahme Polizist mit dem Faible für verschlissene Anzüge, noch der brutale, selbstsüchtige Verbrecher oder gar sein tödlich naives Anhängsel taugen als Projektionsfläche. Und das ist in Zeiten, in denen manche Leser die Geschichte ihrer Lieblingshelden besser kennen als die eigene Familie eine wahre Wohltat.

Der Raum war völlig schmucklos; nur ein Poster im Format 55 x 75 hing mitten auf der einzigen Wand, die nicht aus Glas war. Es zeigte eine Hand, die eine Pistole hielt, und die Pistole zeigte auf den Betrachter. Unter der Pistole stand in dicken schwarzen Buchstaben: MIAMI – SEHEN SIE’S MIT DEN AUGEN EINES EINHEIMISCHEN.

Die eigentliche Hauptrolle spielt sowieso die Stadt Maimi. Kriminalität gehört zu der Florida-Metropole wie das stets sonnige Wetter, und Menschen sterben hier mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass die Einheimischen es selbst aus der schützenden Deckung ihrer Sonnenbrille heraus keines voyeuristischen Blickes mehr würdigen. Ein Paradies für Verbrecher aller Art also. Während die Polizei noch diskutiert, ob es überhaupt einen Fall gibt und wenn ja, in wessen Zuständigkeitsbereich er fallen würde, plant die Gegenseite in aller Seelenruhe den nächsten Coup oder sonnt sich mit den erbeuteten Dollars am Strand von Miami Beach. Ermittelt wird hier nur, wenn es absolut notwendig ist. Es ist ja ohnehin zu heiß für richtige Polizeiarbeit.

Ein Teenager kam herein; Er trug Jeans, eine rote Red-Man Schirmmütze und ein T-Shirt mit der Aufschrift CLASH. Er sah, daß dem Mann am Boden das Blut schaumig aus Mund und Ohren quoll, und trat ans Pissoir.

In „Miami Blues“ gibt es Unmengen von denkwürdigen Szenen und versteckten Anspielungen. Die Szene mit dem Frosch und der Schlange beispielsweise – Stichwort „Bildungsfernsehen“. Oder die Tatsache, dass die minderbemittelte Susan ausgerechnet auf das Miami Dade Community College geht, an dem Willeford bei Erscheinen des Buchs noch Englisch und Philosophie unterrichtete. Die Diskussion über die beiden legendären Haikus, die der fiktive Collegeprofessor und der teilnahmslose Junior im Laufe der Geschichte verfassen, dauert bis heute an. Sie zeigt unmissverständlich, dass dieser Roman die amerikanische Popkultur geprägt hat – und das nicht nur in Gestalt von Quentin Tarantino. „Miami Blues“ ist Kult. Ein Hardboiled Roman allererster Güte, der eine Riege trauriger Gestalten durch eine völlig irrsinnige Geschichte peitscht, und ihnen zu allem Übel auch noch nur ein einziges Ideal mit auf den Weg gibt, an das sie sich alle auf unterschiedliche Art und Weise klammern: Den Traum vom gutbürgerlichen Leben. Lasst alle Hoffnung fahren.

Eine langbeinige rothaarige Kellnerin kam herüber, um seine Bestellung entgegenzunehmen. „Kaffee. Ist das okay, oder muss ich noch etwas dazubestellen?“ „Die meisten Leute tun’s, aber man muß es nicht.“ „Okay. Dann bringen sie mir ein Stück Kuchen.“ „Was für einen?“ „Ich werde ihn nicht essen, also kommt’s nicht darauf an.“

„Miami Blues“ von Charles Willeford ist gerade in einer überarbeiteten Neuauflage im Alexander Verlag als Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Rainer Schmidt.

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3 Gedanken zu “Es ist was faul im Sunshine State

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