Kiss Your Ass Good-Bye

Charles Willeford

© Vice

Charles Willeford wird am 2. Januar 1919 als Charles Ray Willeford III in Little Rock, Arkansas geboren. Bereits drei Jahre nach der Geburt stirbt sein Vater an Tuberkulose, Charles‘ Mutter folgt ihrem Ehemann nur fünf Jahre später mit der gleichen Diagnose nach. Die Großmutter, die im Süden von Los Angeles wohnt, nimmt den Waisenjungen bei sich auf. Doch angesichts der Wirtschaftskrise, der sogenannten „Großen Depression“, fällt es ihr zusehends schwer, für ihn zu sorgen. Bis er 1932, im Alter von gerade mal dreizehn Jahren, Los Angeles verlässt und in einen Zug steigt, um sich entlang der mexikanischen Grenze als jugendlicher Landstreicher mit gefälschter Identität durchzuschlagen.

Im Jahr 1935 schreibt Willeford sich bei der US Army ein. Er wird auf den Philippinen stationiert und wechselt später zur kalifornischen Kavallerie, wo er das Reiten und die Pflege von Pferden erlernt. 1942 heiratet er Lara Bell Fridley, die erste seiner drei Ehefrauen. Er ist zu dieser Zeit im berühmten Fort Benning stationiert, wo er seine Grundausbildung absolviert. Am Ende seiner Ausbildung wird er einem Panzerbataillon zugeteilt und kämpft in Europa gegen die Deutschen. Er nimmt an der sogenannten „Ardennenoffensive“, auch bekannt als Operation „Herbstnebel“ teil, dem Versuch von Hitlers Truppen, den Hafen von Antwerpen zurückzuerobern. Sein Einsatz bringt ihm mehrere militärische Orden ein. Nach dem Sieg der Alliierten kehrt er in die USA zurück.

1948 erscheint mit der Lyriksammlung „Proletarian Laughter“ Willefords erstes Buch. Niemand nimmt Notiz davon. 1949 lässt er sich von seiner Frau scheiden und kehrt auch der US Army den Rücken, um in Peru ein Studium in den Fächern Kunst und Geschichte zu beginnen. Da er nie eine Zugangsberechtigung für irgendeine Art von Hochschule erworben hat, dauert es nicht lange, bis er der Universität verwiesen wird. Nach diesem Rückschlag kehrt Willeford in die USA zurück und lebt für kurze Zeit in New York City, bis er sich schlussendlich wieder bei seinem alten Arbeitgeber einschreibt. Diesmal will der immer noch junge Autor zur Air Force.

1952 heiratet Charles Willeford seine zweite Ehefrau, Mary Jo Norton. Ein Jahr später erscheint mit „High Priest of California“ sein erster Roman, der später auch unter dem Titel „Full Moon“ veröffentlicht werden wird. Da sein Name in der Literaturszene noch kein Gewicht hat, wird das Buch im Doppelpack mit dem Roman eines anderen Autors angeboten – und floppt. 1955 folgt mit „Pick-Up“, das hierzulande unter dem Titel „Sperrstunde“ bekannt ist, sein zweiter Roman, der heute vielen als Klassiker gilt. Auch diesmal bleibt der Erfolg aus, genau wie beim Nachfolger „Wild Wives“ aus dem Jahr 1956. Im selben Jahr tritt Charles Willeford aus der Army aus, diesmal endgültig.

In den kommenden Jahren hält er sich mit Gelegenheitsjobs als Boxer, Schauspieler, Pferdetrainer und Radiosprecher über Wasser. Immer wieder versucht er zu studieren, bis er 1960 endlich die nötige Zulassung dafür bekommt. Innerhalb von vier Jahren macht er seinen Master in englischer Literatur, was er sich durch einen Job als Rezensent beim Miami Herald sowie durch seine Mitarbeit an Alfred Hitchcock’s Mystery Magazine, einer damals sehr populären Zeitschrift voller kurzer Kriminalgeschichten, finanziert. Während seines Studiums schreibt er weiterhin Romane, wie zum Beispiel „The Woman Chaser“ und das in Deutschland unter dem Titel „Hahnenkampf“ erschienene „Cockfight“, die beide später verfilmt werden. Es ist eine der produktivsten Phasen seiner Autorenlaufbahn.

Willeford arbeitet ab 1967 als Dozent für Englisch und Philosophie am Miami Dade Community College. Er schreibt weiterhin erfolglos Bücher, darunter auch „The Burnt Orange Heresy“, „Ketzerei in Orange“, das unter Experten als sein bester Roman gehandelt wird. Trotzdem, der Durchbruch stellt sich nicht ein und er muss teilweise unter Pseudonym veröffentlichen oder mitansehen, wie Herausgeber Teile seiner Werke einfach umschreiben. Manchmal erscheinen sogar Romane ohne sein Wissen. Bis 1984 mit „Miami Blues“, dem ersten Teil der Hoke-Moseley-Reihe, plötzlich der lang ersehnte Durchbruch kommt.

Plötzlich ist Willeford in aller Munde. Seine insgesamt vier Hoke-Moseley-Bücher sind finanzielle Erfolge, und Leute wie Elmore Leonard und Quentin Tarantino loben den Autor in den höchsten Tönen. Die Kritiker überschlagen sich förmlich und keiner kann sich erklären, dass man Willefords Genialität nicht schon früher bemerkt hat. Er selbst genießt die Annehmlichkeiten, die sein neues Leben ihm bietet und freut sich über die, wenn auch späte, Anerkennung. Endlich wird er in einem Atemzug mit seinen Vorbildern genannt. Doch sein Glück ist nur von kurzer Dauer. 1988, nur vier Jahre nach „Miami Blues“, stirbt Charles Willeford in eben jener Stadt an den Folgen eines Herzinfarkts. Er wird auf dem Militärfriedhof Arlington, dem sogenannten “Heldenfriedhof“, in der US-Hauptstadt Washington begraben. Als Held hat sich Charles Willeford zu Lebzeiten nie verstanden. Für die Fans besonderer Kriminalliteratur ist er es bis heute, auch wenn die meisten von ihnen tragischerweise erst nach seinem Tod mitbekamen, dass es ihn überhaupt gegeben hat.

Bei „Kiss Your Ass Good-Bye“ handelt es sich um den ursprünglichen, vom Autor angedachten Titel von „Miami Blues“. Dieser Beitrag wurde in der Sendung vom 12.07.2015 gesendet. Beim vorliegenden Text handelt es sich um das Skript, die O-Töne und Sounds, die die einzelnen Teile verbunden haben, sind aus urheberrechtlichen Gründen nicht enthalten. In Deutschland erschienen Willefords Hoke Moseley Romane gerade in einer überarbeiteten Neuauflage im Alexander Verlag.

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2 Gedanken zu “Kiss Your Ass Good-Bye

  1. Pingback: Sendung vom 12.07.2015 | Der Schneemann

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