Sonntagsfrühstück mit dem „Crime“ Magazin

IMG_8241

Krimis sind ja schön und gut – aber was ist mit den wirklichen Verbrechen? Als 1924 mit „True Detective Mysteries“ (Beispielausgabe vom Oktober 1930) das erste sogenannte „True Crime“-Magazine auf den Markt kam, war diese Frage zur Geschäftsidee geworden. Vor allem in den USA erfreuten sich die meist nur wenige Cent teuren Pulp-Heftchen großer Beliebtheit. Viele große Autoren haben ihre Karriere mit dem Schreiben von „Schurkengeschichten“ begonnen, oder sich so über längere Durststrecken der eigenen Karriere hinweghelfen können. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs änderte sich jedoch die Marktlage. Die vergleichsweise irrelevanten Verbrechen im eigenen Land wurden zunehmend uninteressanter, und die Herausgeber sahen nur einen Ausweg: Den Fokus mehr auf das Thema Sexualität zu lenken. Doch auch seitenweise  nackte Haut konnte den Abstieg dieses Zeitschriftengenres nicht bremsen. Irgendwann verschwand das True Crime Magazine still und leise aus dem Sortiment.

taschen true detective

© Taschen

Wer sich für diese Magazine interessiert, dem sei der wunderschöne Band „True Crime Detective Magazines“ aus dem Taschen Verlag ans Herz gelegt. Denn wir wollen ja auch noch zur Sache kommen: Gruner+Jahr hat beschossen, diese alte Geschäftsidee wieder auszugraben, und legt mit „Crime – Wahre Verbrechen“ einen Hochglanzableger des „Stern“ vor, der sich mit internationalen Kriminalfällen beschäftigt – ein Hybrid aus der Mutterzeitschrift und dem Gänsehaut-Voyeurismus der historischen Schundhefte. Ob das gut geht? Ein Lesebericht.

„ […] in jedem braven Inneren gibt es unvermutete Abgründe“, heißt es im Editorial. Da schüttelt es mich, und ich rede nicht von dem wohligen Schaudern, das solche Magazine hervorrufen wollen. Mein Sprachgefühl hämmert auf den Kotz-Knopf. Was für ein Geschwurbel. Ich will das Ding direkt in die Ecke pfeffern. Danach erstmal eine Doppelseite mit ästhetischem Bild. Buchstaben, Unschärfe. Ich bin besänftigt. Schöne Fotos können die beim Stern, das ist bekannt. Inhaltsverzeichnis? Nein, ich will mich überraschen lassen.

Es beginnt mit einem Essay. Finde ich gut. Frauke Hunfeld schreibt über die Kulturgeschichte des Mordes. Es geht um K. und A. und ich denke erst, ich bin bei Kafka gelandet. Fehlanzeige. Es geht um Kain und Abel, die biblische Geschichte des Brudermords, die Anfänge der Menschheit. Nach einem kurzen Exkurs zu Durkheim und einem eher erzwungenen Vergleich von Journalismus mit „Lagerfeuer-Erzählungen“ geht dann das Fragen-Bombardement los: Wieso, weshalb, warum. Fast der halbe Text besteht aus Fragezeichen. Und dann kommt zu allem Übel noch die Kinderkeule. Natürlich ist es schlimm, wenn Kinder sterben, aber genauso schlimm ist es, eine solche Tragödie zu verwenden, um beim Leser Betroffenheit hervorzurufen. Was bleibt ist ein ekelhafter Nachgeschmack.

Dann das Herzstück. Die Coverstory „Die Strasse der Tränen“, mehrere Seiten voller großartiger Landschaftsfotografien und kleiner Passbildchen der Opfer, die leider rein qualitativ gar nicht zu den restlichen Bildern passen wollen. Geschenkt. Es geht um einen Highway in Kanada, an dem immer wieder indianische Frauen verschwinden. Der Artikel führt den Leser zurück zur Entstehung des Highways, der angeblich „das Böse“ erst in die abgeschiedene Idylle des Hinterlands geführt hat. Die meiste Zeit erzählt die Tochter eines Opfers. Eine großartige, feinfühlige Geschichte, die mit einer gesellschaftskritischen Note zu überraschen weiß. Am Ende bleibt eine atmosphärische Anklageschrift gegen den „Indian Act“ und die Erkenntnis, dass die Menschen sich regelrecht wünschen, es mit einem Serienmörder zu tun zu haben, um nicht über die Alternative nachdenken zu müssen. Echter, differenzierter Journalismus.

Die nächste Geschichte ist ebenfalls fantastisch erzählt. Es geht um einen Rentner mit einem Herz für hilfsbedürftige Mitbürger und Flüchtlinge. Er erhält eine Spam-Mail von einer angeblichen Tochter eines US-Soldaten, die dringend Geld braucht. Natürlich möchte er helfen, er glaubt sogar ihren Vater zu kennen. Als er dann „Aktenzeichen XY“ sieht kommt ihm die Idee: Er könnte eine Bank überfallen. Es wird noch richtig absurd. Eine irrwitzige Story mit melancholischem Unterton, hat mich sehr gut unterhalten.

Wie schön erwähnt, sind Bilder eine Stärke des „Stern“. Die nächste Story wird daher fast nur in Form von Fotografien erzählt. Es geht um ein Dorf in Guatemala, das Gefallen am Konzept der Blutrache gefunden hat. Auge um Auge, die alte Leier. Ein Textblock am Ende ordnet das Ganze ein. Harte Geschichte, bleibt aber trotz Hochglanzbildern etwas farblos. Ich stelle mir vor, wie jemand das Zuhause liest, dabei den Kopf schüttelt und „diese Wilden…“ vor sich hinmurmelt.

Die Geschichten scheinen auszugehen, oder wie kann man sich sonst erklären, dass jetzt auf den uralten „Dagobert“-Fall zurückgegriffen wird? „Aus der Asservatenkammer“ nennt sich das Ganze. Arno Funke zeigt eine seiner Erfindungen, die nie zum Einsatz kam. Ein Mini-U-Boot, das Platz für eine Million bietet. Gibt es das „Yps“-Heft eigentlich noch?

Es wird wieder interessant. Ein Gespräch mit dem Verhörspezialisten Dieter Bindig in Form eines Verhörs. Bindig ist ein interessanter Gesprächspartner und räumt mit einigen Mythen auf, die Literatur, Film und Fernsehen seit Jahrzehnten hartnäckig transportieren. Wer wissen möchte, warum man seinen Gesprächspartner immer auf einem Stuhl ohne Armlehnen sitzen lassen sollte, oder was eine Frau damit zu tun hat, dass Bindig heute Spezialist für diesen Bereich der Kriminalistik ist, der kommt an diesem Artikel nicht vorbei. Charmant, geistreich, witzig und informativ.

Aufmacher können die. „Als ich 13 war, schoss er mir in den Kopf“ steht auf der Stirn der Frau, deren obere Kopfhälfte die Doppelseite ziert.  Ihre Geschichte ist Teil von „Shot“, einem Projekt der Fotografin Kathy Schorr, das sich mit Menschen befasst, die eine Schussverletzung überlebt haben. Die Stern-Redakteure haben einfach eine dieser Stories übersetzt. Herausgekommen ist ein Plädoyer für die Änderung der US-amerikanischen Waffengesetze und eine Geschichte, die einem irgendwie nicht so richtig nahe gehen will. Liegt möglicherweise daran, dass die Protagonistin selbst erzählt und ihr dafür einfach die nötigen Mittel fehlen.

Ein Polizist und sein Land“ heißt der nächste Artikel, der mit Statistiken über die Kriminalität in Liechtenstein aufwartet. Gähn. Ich mach nochmal Kaffee.

Jetzt kommt der Sex. „Sklavin und Master“ nennt sich das nächste Stück (wieso nicht „Shades of Pain“? Das wäre noch reißerischer), in dem es um eine sado-masochistische Affäre mit tödlichem Ausgang geht. Voyeuristisch, ohne jegliche Einordnung und mit billigen Effekten erzählt. Sein Bild ist rot eingefärbt, ihres blau, am Ende kommt auch noch Gott ins Spiel. „Das ist ja einer von uns!“ scheint mir die einzige Erkenntnis zu sein, die der Leser hier herausziehen kann.

Datenjournalismus wird ja immer beliebter. Eine Doppelseite widmet sich daher der Kriminalstatistik Berlins und listet Delikte nach Art, Häufigkeit und Bezirk auf. Was fürs Auge. Da ich nicht in Berlin wohne ist mir der Inhalt herzlich egal. Und selbst dann…

Noch mehr fürs Auge. Makrofotografien von giftigen Substanzen und deren Trägern, dazu jeweils die zu erwartenden Symptome und ein exemplarischer Fall. Am Ende folgt ein einordnender Text, der neben interessanten Hintergrundinformationen auch völlig kommentarlos den Text eines Göttinger Rechtsmediziner aus den 1920ern zitiert:

Die starke Beteiligung des weiblichen Geschlechts wird verständlich, wenn man erwägt, dass der Giftmord körperliche Kraft, Gewandtheit und Mut nicht fordert. Die fehlenden Eigenschaften ersetzt die Frau durch List. Hierbei kommt ihr eine Eigenschaft zustatten, durch die sie den schwerfälligen Mann übertrifft, die Kunst der Verstellung.

Ist das euer Ernst?

Eine Frau in orangener Gefängniskluft, verbunden mit der Frage an die Leser: Könnt sie ihr verzeihen? Die Frau ist Mutter einer autistischen Tochter und hat versucht, sich und ihr Kind umzubringen. Der Artikel erzählt diese Tragödie differenzierter, als der Aufmacher vermuten lässt. Ein Glück.

Jetzt müssen sie schon eigene Stories recyclen. „Ich muss dich haben“ stand bereits 2010 im „Stern“ und erzählt von einem Internet-Stalker. Auch wenn es „StudiVZ“ meines Wissens gar nicht mehr gibt, ein bisschen Grusel vor moderner Technologie ist hier schon noch zu holen, zumindest für Unbedarfte.

Gladbecker Geiseldrama. Ehrlich jetzt? Fotograf Peter Meyer kommt zu Wort und sagt in etwa: „Ja, die Presse hat versagt, aber mimimi die Polizisten immer einmal mehr“. Zum Abgewöhnen.

Ein Polizist, den der Fall eines 13-jährigen Jungen nicht loslässt, bebildert mit allerlei Kinderfotos. Das mag mein persönlicher Geschmack sein, aber ich kann diese Betroffenheits-Bilder nicht mehr sehen. Der Artikel wird übersprungen.

So langsam vergeht mir die Lust, weiterzulesen. Nach einer Geschichte über einen jungen Mann mit wechselnden Identitäten, die sich, zugegebenermaßen noch ganz nett liest, folgt der Artikel einer forensischen Phonetikerin. Spannender Beruf, keine Frage, aber mit der Schleyer-Entführung haben wir nun glaube ich alle wichtigen Kriminalfälle Deutschlands in diesem Heft mal kurz gestreift. Dann kommt eine richtig geschmacklose Bildstrecke, inklusive blutbespritztem Kinderbett, die höchstens Leser von Erik Axl Sund interessant finden dürften. Ich springe zum Interview mit Friedrich Ani. Manche Fragen sind interessant, andere nicht. Ähnlich verhält es sich mit den Antworten. Im Anschluss gibt es ein paar Buch- und Filmtipps. Nichts für mich dabei. Die Mitarbeiter stellen sich vor. Ist es vorbei? Nein, ein Polizeifoto von David Bowie mit der dazugehörigen Geschichte schließen die Akte endgültig. Ich lege „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“ auf und räume das Geschirr in die Spülmaschine.

So durchwachsen wie diese Ausgabe von „Crime“ war, werde ich bei der nächsten Ausgabe im August wohl nicht mehr dabei sein. Schade eigentlich, denn es gab durchaus Geschichten mit Potential. Die Qualität der Artikel schwankt aber leider viel zu stark, um richtig in dem Heft versinken zu können. Vielleicht ist es auch einfach nicht mein Genre. „Crime“, das muss am Schluss noch gesagt werden, ist natürlich qualitativ Lichtjahre entfernt von den alten Pulp-Magazines und führt streckenweise richtig guten Journalismus als Kaufargument ins Feld. Aber eben nur streckenweise.

„Crime – Wahre Verbrechen“ ist ein Ableger vom „Stern“ und erscheint bei Gruner+Jahr. Die vorliegende Besprechung bezieht sich auf die erste Ausgabe des Magazins.

Advertisements

4 Gedanken zu “Sonntagsfrühstück mit dem „Crime“ Magazin

  1. „Durchwachsen“ charakterisiert den Inhalt des Magazins treffend. Wie ich an anderer Stelle geschrieben habe: „Bleibt abzuwarten, wie sich das Projekt entwickelt.“ Sicherlich gibt es genug Stoff und Fälle, über die in diesem Magazin berichtet werden kann. Banale Füllsel, um das Magazin voll zu bekommen, interessieren mich jedoch nicht.

    Gefällt mir

  2. Ich hab schon aufgegeben… das Magazin konnte mich nicht fesseln. Irgendwann werde ich als sparsamer Schwabe das Magazin wohl noch auslesen, damit sich die Geldausgabe noch gelohnt hat, aber so richtig begeistert bin ich nicht. Die nächste Ausgabe brauch ich mir nicht zu besorgen…

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Zugfahrt mit dem „Krimi“-Magazin | Der Schneemann

Diesen Artikel kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s