Mind your Manners!

bruen kaliber

© Polar

Der Mörder in mir“ von Jim Thompson zählt wahrscheinlich zu meinen Top Five of All Time was Kriminalliteratur angeht. Die Geschichte über den Kleinstadtsheriff Lou Ford, einem Marke tragenden Psychopathen und Killer, ist an Abgründigkeit kaum zu überbieten. Der irische Autor Ken Bruen, den die meisten sicherlich durch seine Jack Taylor Reihe kennen, hat diesem Meisterwerk nun ein Denkmal gesetzt. Und was für eins! Es hört auf den Namen „Kaliber“ und ist neben James Ellroys Epos „Perfidia“ vielleicht der dreckigste Polizeiroman, den man dieses Jahr zu Lesen kriegen wird. Als hätte Ed McBains fieser Zwillingsbruder den Versuch gestartet, das legendäre 87. Polizeirevier ins größtmögliche Unheil zu stürzen.

Den Ersten hab ich letzten Dienstag umgebracht, nicht zu fassen, wie leicht das ging. Reue? Kein Stück. Tut mir nur leid, dass ich nicht früher losgelegt hab.

In London geht ein Killer um. Seine Opfer: Menschen ohne Manieren. In seinem Tagebuch hält er sein Werk für die Nachwelt fest und schwallt mit einer Anhäufung auffällig absurder Alliterationen vom Sittenverfall und seinem literarischen Vorbild. Nebenbei setzt er sich auch noch für bekannte wie in Vergessenheit geratene Pulp- und Noir-Autoren ein. Er gibt sich selbst den Namen „Ford“. Logisch. Ford schickt der Polizei Briefe, in denen er sie auf vergangene und noch kommende Morde hinweist und die anfallende Polizeiarbeit gleich mitliefert. Nun nehmen sich aber ausgerechnet Chief Inspector James Roberts und sein völlig durchgeknallter Kollege, Inspector Brant diesem Fall an. Und wer bis dato noch geglaubt hat, Lou Ford himself sei die psychopathischste Figur, den das Genre je gesehen hat, oder der Meinung war, Ellroys Dudley Smith wäre der Inbegriff des Bösen, der kann sich auf was gefasst machen.

Porter hatte nie ein Geheimnis aus seinem Schwulsein gemacht. Im Gegenteil, er stellte es durch Äußerlichkeiten eher zur Schau, durch kleine Gesten, die nach Meinung der Bullen in der Carter Street bewiesen, dass man schwul war: Mentholzigaretten, Barbara-Streisand-Musik, ein goldenes Armband und, todsicheres Indiz, ätzende Ironie.

Inspector Brant, ein Ire, der gerne Australier wäre, liebt es, Gott und die Welt zu ärgern. Oder richtig heftig zu beleidigen. Sein Treibstoff ist die Wut anderer Leute. Wenn er mal niemanden beleidigt, dann stiftet er höchstwahrscheinlich Chaos, in dem er die niedersten Instinkte seiner Kollegen weckt. Ach, was winde ich mich herum: Brant ist ein Arschloch, die Nachgeburt der Hölle, die übelste Figur, die mir bisher in einem Kriminalroman begegnet ist. Kein Wunder, dass der Autor ihm und seinem Chef Roberts, der gegen Brant wirkt wie ein Messdiener beim fünfzehnten Ave Maria, gleich eine ganze Serie gewidmet hat. „Kaliber“ ist bereits der sechste Band der siebenteiligen Reihe und der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde. Auch Bruens Protagonist Brant möchte gerne ein Buch veröffentlichen. Am liebsten einen Roman, wie ihn sein Vorbild, Ed McBain, schreiben würde. Er hat auch schon einen Titel dafür: „Kaliber“. Dumm nur, dass er – im Gegensatz zu seinem Schöpfer – völlig talentfrei ist.

„Lernt ihr Typen denn nicht Manieren auf der Schwuchtelschule?“

Wie immer bei Ken Bruen wird auch hier mit popkulturellen Referenzen um sich geworfen, als gäbe es kein Morgen. „Kaliber“ ist eigentlich mehr eine Hommage als ein eigenständiger Roman. Auch wenn es hervorragend als solcher funktioniert. Brant & Co holen zum Rundumschlag gegen den snobistischen Literaturbetrieb und seine preisträchtigen Vertreter aus und feiern eine große Party für Pulp-Liebhaber. Das Buch ist sexistisch, rassistisch und so politisch unkorrekt wie irgendwie möglich. Hier wird alles derart oft ironisch gebrochen, dass man das Gefühl hat, es wäre wieder ernst gemeint. Obendrein ist „Kaliber“ das vielleicht witzigste Buch der Saison. Lachkrämpfe sind vorprogrammiert, jeder erboste Zeigefinger wird mit absoluter Zielsicherheit von dem erhobenen Mittelfinger getroffen, der einen aus den herrlich komischen Dialogen entgegenspringt. Oder wie die Inschrift au Grants Pullover so treffend kommentiert: „FRISS SCHEISSE.“

„Hier ist der Deal. Ich will, dass du dich in der nächsten Zeit außerhalb des Reviers wie ein komplettes Schwein verhältst, Leute wie Dreck behandelst, sie bei jeder Gelegenheit beleidigst, dich so fies aufführst, wie es irgendwie geht, als wärst du permanent prämenstruell. Kriegst du das hin?“

Eine bis ins Mark verdorbene Polizeidienststelle gegen einen Killer, der sich die Verteidigung der guten Sitten auf die Fahnen geschrieben hat. Man muss kein Sherlock Holmes sein, um die Ironie dahinter zu erkennen. Hier werden Kinder geschlagen, Kollegen sexuell ausgenutzt und Flüche auf die Mitmenschen losgelassen, die selbst den übelsten Pausenhofschlägern ein anerkennendes Nicken abtrotzen würden. In Zusammenhang mit dem intertextuellen Überbau ergibt sich eine unwiderstehliche Mischung, die Hardboiled-Herzen höher schlagen lässt. Ein rasanter Ritt, den man in wenigen Stunden hinter sich hat. Da bleibt nur zu hoffen, dass der Polar Verlag noch weitere Bücher dieser Reihe veröffentlicht. Denn eines ist sicher: Brant & Roberts schlagen ihren Kollegen Jack Taylor um Längen – und das in jeder Disziplin. Außer vielleicht am Tresen.

„Kaliber“ von Ken Bruen ist gerade im Polar Verlag als Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Karen Witthuhn.

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3 Gedanken zu “Mind your Manners!

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