Alkoholisiertes Schlafwandeln

Mennen Schwarze Sonne

© dtv

Tobi und Malte spielen mit einer Frisbee im Park. Es ist heiß. Tobi ist nicht ganz bei der Sache, immer wieder wandert sein Blick zu der schönen Fremden, die dort regungslos im Gras liegt. Sein pubertierender Körper scheint irgendwie auf sie zu reagieren. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Scheibe irgendwann an ihm vorbeisegelt. Direkt auf die Frau zu. Erst als sie auch auf die wiederholten Entschuldigungsversuche der beiden nicht reagiert, bemerken sie, dass sie nicht mehr lebt. Hinter der Sonnenbrille steckt ein totes Paar Augen. Die Jungs rufen die Polizei, doch als die Beamten eintreffen, ist die Leiche schon nicht mehr da. Da liegen nur noch ihre Sonnenbrille und ein paar gerauchte Zigaretten. Hat es die mysteriöse Frau gegeben? Oder war alles bloß Einbildung? Und vor allem: Wer lässt am helllichten Tag mitten in Berlin eine Tote verschwinden?

In embryonaler Stellung erwachte Banuscha auf den heißen Steinen. Er war nackt. Die Sonne stand im Zenit, brannte auf ihn runter. Er lag in einem ausgetrockneten Flussbett, wie ein gestrandeter Fisch. Er hatte Durst.

Die Vita von Felix Mennen, dem Autor von „Schwarze Sonne“, zeigt auf schmerzhafte Weise, warum Schreiben in diesem Land immer noch selten für den Broterwerb reicht. Der Autor hat Verlage über den Jordan gehen sehen, die seine Bücher veröffentlichten und durfte im TV-Dschungel der Unterhaltungsgiganten erleben, wie fragil Wörter wie „Bezahlung“ und „Vertrag“ manchmal sein können. Er schrieb Drehbücher für Telenovelas wie „Anna und die Liebe“ oder Serien wie „Polizeiruf 110“ und scheiterte immer wieder an den Anforderungen der Produzenten: Das nächste Mal bitte etwas flacher. Die Taschenbuchausgabe von „Schwarze Sonne“ stellt nun seinen ersten Titel dar, der bei einem großen Publikumsverlag erscheinen ist. Eine Chance, den eigenen Bekanntheitsgrad zu steigern und vielleicht endlich den Durchbruch zu schaffen, weg von den Auftragsarbeiten der Fernsehmacher. Wäre da nicht die ignorante Presse. Dabei ist dieser fiebrige Krimi Noir, der ursprünglich im Schweizer Salis Verlag erschienen ist, wirklich beachtenswert.

Banuscha nahm einen Schluck Wein und versuchte sich auf den Fall zu konzentrieren. Seinen Job zu machen – das Einzige, was seine kleine Welt noch zusammenhielt.

 Kommissar Hanuscha nimmt die Ermittlungen auf, dabei hat er eigentlich ganz andere Probleme: Seit ein paar Tagen wohnt er bei einem Freund, weil er sich mit seiner Frau gestritten hat. Seiner Frau, die der Phantombildzeichnung, welche die Jungs von dem vermeintlichen Mordopfer angefertigt haben, verblüffend ähnlich sieht. Hanuscha weiß nicht mal, wo sie sich gerade rumtreibt und schafft es trotz wiederholter Versuche nicht, sie telefonisch zu erreichen. Wenn er nicht ermittelt betrinkt er sich in der ihm fremden Wohnung und schaut in die Wohnungen gegenüber, zu dem einsamen Mann, der Nacht für Nacht mit einem Glas Wein vor seinem Computer sitzt und tippt, oder dem Yuppie-Pärchen, das die großen Fenster ihres Zuhauses als Leinwand für die Zurschaustellung ihrer perfekten Beziehung nutzt. Er schläft kaum, und wenn wird er von Alpträumen heimgesucht, die sich realer anfühlen als der seltsame Fall, an dem er arbeitet.

„Guter Bulle, böser Bulle“, grummelte er nur, während er mit zittrigen Stäbchen Ingwer und Meerrettichpaste auf ein Sushiröllchen fummelte, es in das Schälchen mit Sojasoße tunkte und dann schnell in seinen Mund stopfte, um es gierig herunterzuschlingen.

Das klingt ja alles noch nach einem ganz regulären Krimi. Von Anfang hat man das Gefühl zu wissen, worauf es hinausläuft. Die Hinweise darauf, dass die Frau im Park irgendetwas mit der Frau des Protagonisten zu tun hat, werden nicht gerade subtil eingestreut, und die zahlreichen Traumsequenzen füllen auf wundersame Weise einige Lücken in der Logik des Kriminalfalls. Ein Whodunnit mit einem persönlich involvierten Kommissar? Öfter mal was Neues. Doch der Leser merkt schnell, dass er sich mit dieser Vermutung auf dem Holzweg befindet. Dafür ist das Ganze nämlich viel zu surreal. Mennen unterfüttert seine Geschichte mit dem Mythos eines Jungfrauen raubenden, mörderischen Dämons aus der indianischen Sagenwelt und gießt jede Menge sinnesbetäubenden Wein darauf. Sein Protagonist schlafwandelt durch instabile Bildwelten, die wie eine Mischung aus „Mulholland Drive“ und „Vanilla Sky“ daherkommen, und tut sich dabei zunehmend schwer, eine trennscharfe Linie zwischen Realität und Wahnvorstellungen zu ziehen. Sein Gehirn schwappt förmlich über.

Er versuchte sich an den Albtraum, aus dem er vorhin erwacht war, zu erinnern. Doch da war bloß ein großes, schwarzes Loch.

Sie sind leider immer noch viel zu selten: Die deutschen Krimiautoren, die sich etwas trauen. Felix Mennen geht in „Schwarze Sonne“ seinen eigenen Weg, und auch wenn ihm die visionäre Kraft eines David Lynch abgeht, gelingt es ihm, eine beklemmend surreale Atmosphäre zu erzeugen. Seine Bilder fußen stärker auf der Realität als die des sich aufdrängenden Vorbilds, sie sind nüchterner, und entfalten daher erst spät ihre perfide Wirkung. Zu diesem Zeitpunkt ist der Leser, sofern er sich nicht von der meist eher unspektakulären Sprache hat entmutigen lassen, längst in der Geschichte um den traurigen Kommissar und seiner verschwundenen Frau gefangen. Ein Alptraum, bei dem man nie genau weiß, ob man noch schläft oder schon wieder wach ist. Nach etwas mehr als 160 Seiten ist der Spuk dann vorbei – und man will mehr.

P.S.: Was für ein herrliches Cover! (Das musste mal gesagt werden).

„Schwarze Sonne“ von Felix Mennen ist gerade bei dtv im Taschenbuch erschienen. Die Originalausgabe wurde bereits 2012 beim Salis Verlag veröffentlicht.

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Ein Gedanke zu “Alkoholisiertes Schlafwandeln

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