Was für eine Entdeckung!

Zownir Umnactung

© Mox & Maritz

In der Sendung vom Juli habe ich mein erstes Interview geführt. Um das nicht zu versauen, wollte ich mich im Vorfeld gründlich über die Person informieren, um die es in dem Gespräch letztendlich gehen sollte: Harry Crews. Dabei stieß ich auf den Bremer Mox & Maritz Verlag, der bereits drei Romane von Crews auf Deutsch veröffentlichte, lange bevor mir dessen Name erstmals begegnen sollte. Ehrlich gesagt hatte ich vorher auch noch nie etwas von diesem Verlag gehört. Also nichts wie ab auf die Homepage. Der aktuellste Titel, „Umnachtung“ von Miron Zownir aus dem letzten Jahr, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich mochte, was dort darüber zu lesen war. Außerdem war ich gerade dabei, Titel für das Osteuropa-Spezial zu sammeln, und der Name des Autors klang, als könnte das Buch dort durchaus reinpassen. Dass es sich dabei um einen Deutschen handelt, fiel mir erst während der Lektüre auf, und diese Tatsache verwirrte mich: Wie kann es sein, dass allerorts die mangelnde Qualität des deutschen Krimis bemängelt wird, wenn wir es uns leisten, solche Autoren zu ignorieren?

Er sah, dass sie keine Angst vor ihm hatte, obwohl das Zimmer voller Waffen und Werkzeuge war, mit denen man ein herrliches Blutbad hätte anrichten können.

In Berlin geht ein Frauenmörder um, der seine Opfer nachts in düsteren Parks erwürgt. Kommissar Berger vom Morddezernat soll sich um diese Angelegenheit kümmern, und er braucht dringend einen Erfolg, ruht er sich doch schon seit Jahren auf den Lorbeeren alter Großtaten aus. Doch Berger hasst seinen Job, hasst seine Kollegen, seine Ex-Frau, den gemeinsamen Sohn und vor allem sich selbst. Er ermittelt lustlos, hat immer einen zynischen Spruch in der Hinterhand und ist permanent besoffen. Sein junger Kollege Schmidka wittert die Chance, dem alten Hasen den Rang abzulaufen. Auf einmal muss sich Berger nicht nur mit seiner eigenen Unlust und einem ausgewachsenen Alkoholproblem herumschlagen, sondern hat auch noch einen Feind in den eigenen Reihen, der jeden gegen ihn aufhetzt. Zu all dem Übel kommt noch, dass sein Sohn Nick, ein selbsternannter Künstler, der vor allem vom Geld seiner Mutter lebt, plötzlich meint, die Nähe seines Vaters suchen zu müssen. Da bleibt dem depressiven Gesetzeshüter nur eines: Whiskey auf die Leber gießen bis der Arzt kommt.

Er hatte keine Lust mehr zu saufen, aber was waren die Alternativen? Am liebsten wäre er wieder zurück, hätte dem Hippie in die Cola gespuckt, seine picklige Fresse geknipst und sie auf die gegenüberliegende Wand projiziert, wo ein Anarcho „Deutschland verrecke“ hingeschmiert hatte. Von mir aus können alle verrecken, dachte er, nicht nur die Deutschen.

Miron Zownir lässt die Geschichte abwechselnd von Berger und seinem Sohn Nick erzählen, die, beide am Rande des Wahnsinns, durch schäbige Kneipen, öffentliche Toiletten und zwielichtige Nachtclubs taumeln. Höchst unzuverlässige Erzähler, die sich permanent das Gehirn vernebeln und morgens oft nicht mehr wissen, was sie am Tag davor getan haben. Das Wort „schonungslos“ ist für die Beschreibungen, mit denen der Leser hier konfrontiert wird, noch euphemistisch gewählt. Zownirs Figuren sind verwahrloste, einsame, in die Barbarei zurückgefallene Menschen, die nur noch an der eigenen Verelendung interessiert sind und dabei möglichst in Ruhe gelassen werden wollen. Der Autor selbst bleibt im Hintergrund, für den Lesers unsichtbar, er breitet seine schreckliche Welt ganz unkommentiert vor uns aus und zwingt uns hinzuschauen. Das geht an die Substanz. Man muss schon einen starken Magen und eine belastbare Psyche mitbringen, um diesen Roman unbeschadet zu überstehen. Der Begriff „Pulp“ scheint trotz der unübersehbaren Anleihen seltsam deplatziert für die Düsternis von Zownirs Bildern.

„Und was machen Sie?“, fragte er. Berger zuckte die massigen Schultern und rülpste eine Fahne Wurstbrote aus. „Ich gehe ins Leichenschauhaus um mir nochmal die Frau anzusehen.“ „Was erwarten sie sich davon?“ „Etwas Bewegung und bessere Luft. Hier drin ist es stickig. Sie wissen, ich rauche.“

Apropos Bilder. Zownir ist vor allem als Fotograf international bekannt geworden, seine Werke wurde schon in Metropolen wie New York, Berlin und London ausgestellt. Zownirs visuelles Schaffen ist ebenso gesellschaftskritisch, düster und kompromisslos, wie es sein neuster Roman geworden ist. Das Thema seiner Arbeiten ist seit je her die soziale Ungerechtigkeit und ihre Folgen. Er lichtet die Menschen ab die erst nachts, wenn die gutbürgerliche Realität für ein paar Stunden auf Standby steht, aus ihren Löchern kriechen um ihr Schattendasein zu fristen. Egal ob die Punkszene in London Ende der 70er, die geheimen Treffpunkte für Homosexuelle in den USA unter Reagan, oder die Sterbenden, die kurz nach den Zerfall der Sowjetunion die Unterführungen Moskaus bevölkerten – Zownir dokumentiert alles, ohne sich dabei um gesellschaftliche Tabus oder bestehende Vorstellungen von Ästhetik zu kümmern. Davon kann man sich beispielsweise in seinem zuletzt erschienen Fotoband „Ukrainische Nächte“ über die Maidan-Revolution überzeugen, der per Crowdfunding finanziert wurde.

Mit über 100 Millionen Handys auf dem Markt war Fotografie die inflationärste Kunstform der Welt. Das hätte ihn abschrecken können, aber Nick dachte an die 100 mal höhere Anzahl von Kugelschreibern, die auf die Lyrik oder Belletristik des 21. Jahrtausend ohne jegliche Wirkung blieben. Wenn er die Wahl gehabt hätte, sich ein Talent auszusuchen, wäre er Pornodarsteller oder Börsenmakler geworden. Kunst war die letzte Ausrede derer, die für das wahre Leben nichts taugten.

Auch Nick ist besessen von Bildern. Er knipst nahezu alles, was er auf seinen nächtlichen Streifzügen durch Berlin entdeckt, und stellt seine Fotos dann in der Toilette einer Eckkneipe aus. Vielleicht ist es ja nötig, diese Perspektive einzunehmen, ein Objektiv zwischen sich und die Welt zu schieben, um zu erkennen, was wirklich ist und was nicht. Die Schreibe von Miron Zownir ist ein solches Objektiv. Und so sehr er sich auch vor dem Genre verneigt, vor all den Puplp- und Hardboiled-Romanen, so gerne man ihn in einem Atemzug mit nationalen Größen wie Fauser, Miehe und Göhre nennen möchte – irgendwie passt er nicht so recht hinein. Denn „Umnachtung“ ist zuallererst eine Milieustudie. Eine Milieustudie, die der Autor in einen tiefschwarzen Roman voll galligem Humor gepackt hat, wie ihn die deutsche Krimigemeinde lange nicht gelesen hat. Wahrscheinlich werde ich in ein paar Jahren, wenn mich jemand nach den deutschen Krimiautoren fragt, die mich ganz besonders beeindruckt haben, meine gerade angestellten Überlegungen ignorieren und antworten: „Fauser, Miehe, Göhre, Zownir.“ Wir werden sehen.

„Umnachtung“ von Miron Zownir ist bei Mox & Maritz als Broschur erschienen. Dem Buch sind einige Fotografien des Autors vorangestellt.

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