Warsaw by Night

Szolc Ein Stiller Mörder

© Prospero

Ein 17-jähriger Junge ist seit Tagen nicht mehr Zuhause aufgetaucht und seine Eltern machen sich langsam Sorgen. Kommissarin Anna Hwierut und ihr Kollege Szelig wollen gerade die Ermittlungen aufnehmen, als die Weichsel die Leiche eines alten Mannes anspült. Nun haben die beiden Ermittler einen Vermissten, dessen Aufenthaltsort sie nicht kennen, von dem sie aber wissen, von welchen Ort er weggelaufen ist, und einen Toten, der in der Gerichtsmedizin liegt, bei dem aber unklar ist, wo er überhaupt herkommt. Wenn das keine guten Voraussetzungen sind. Nebenbei kämpft Anna mit ihrem pubertierenden Sohn, der sich ebenso nach ihrem Ex-Mann sehnt, wie er ihn als Vater ablehnt, und den Großeltern, die darum werben, den Jungen über die Ferien bei sich aufnehmen zu dürfen. Einen psychopathischen Killer, der sie aus irgendeinem Grund unbedingt sprechen möchte, hätte es da wirklich nicht auch noch gebraucht.

„Frau Kommissarin …“ Sie drehte sich um, aber zu langsam, unentschlossen, da hatte er seine Meinung schon geändert. Er verkroch sich vor ihr und der ganzen Welt wieder unter der Decke. Eine Muschel in einer angeknacksten Schale.

Izabela Szolc wurde in ihrem Heimatland Polen vor allem mit Fantasyromanen bekannt. Ihr Einstieg ins Krimi-Genre gelang ihr mit der Trilogie über die ebenso hübsche wie toughe Kommissarin Anna Hwierut, die mit „Ein stiller Mörder“ ihren Anfang nahm. Der zweite Band, „So dunkel die Nacht“, ist, wie der Erstling, im Prospero Verlag erschienen, den Krimifans möglicherweise mit der Veröffentlichung der überarbeiteten Ausgabe von Nele Neuhaus‘ „Unter Haien“ in Verbindung bringen. „Aus fremder Hand“, der dritte Band, wurde, abgesehen vom Titel, noch nicht ins Deutsche übersetzt. Im Original ist er 2013 erschienen – zumindest laut Autorenporträt im Buch. Und da wird es interessant: In dem Infoblatt, das der Verlag auf seiner Homepage zu Izabela Szolc anbietet, steht als Veröffentlichungsdatum nämlich 2011. Fragt man Wikipedia, so gelangt man zu noch seltsameren Informationen. Dort steht, der zweite Band sei bereits 2005, also drei Jahre vor dem ersten erschienen. Oder ist „Ein stiller Mörder“ gar nicht der Auftakt der Reihe? Fragen über Fragen.

Sinnlos, hier herumzustehen. Es gibt kein Zurück. Das einzige, was er in der Situation tun kann, ist, sie zu beschleunigen. Und aus dem Schatten zu rennen.

Der Anfang dieses Romans ist ebenso wirr wie die unübersichtliche Informationslage. Manche Handlungsstränge kommen aus dem Nichts, und scheinen keinem anderen Zweck zu dienen, als sang- und klanglos wieder dorthin zu verschwinden. Die Konturen des Geschehens verlaufen Seite um Seite und man hat das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben. Hier wird eine recht einfache Geschichte unnötig komplex erzählt. Die stellenweise ungelenke Übersetzung macht das Ganze dann noch zusätzlich holprig. „Auch Besoffene, Clochards und Desperate hängten sich an sie.“ Höchst seltsam mutet auch die Passage an, in der sich die nicht unbedingt Lebensfreude ausstrahlende Anna Hwierut sich so gar nicht erklären kann, wieso jemals ein Mensch Selbstmord begehen sollte. Oder die,  in der sie eine Platte von Amy Winehouse als „Junkie-Musik“ bezeichnet, als wäre die millionenschwere Sängerin der Inbegriff von Verruchtheit. Irgendwann packt die Geschichte einen aber trotzdem und ein kräftiger erzählerischer Sog setzt ein, der den misslungenen Start vergessen lässt. Das liegt vor allem an der Protagonistin.

Die Mädchen amüsierten sich, die Mädchen verliebten sich. Anna hatte Angst um sie, obwohl sie deren Kleinstadtgeschmack verachtete. Für jene war es fünf vor zwölf. Noch ein Jahr oder zwei. Wenn dann die Uhr Mitternacht schlug, war alles vorbei. Die Prinzessinnen alterten, während sie schreiende Kinder gebaren, ihren Mechaniker-Männern das Mittagessen kochten, mit Osterkörbchen zur Segnung in die Kirche rannten und daheim „Frau und Lifestyle“ lasen.

Anna Hwierut ist eine fantastische Hauptfigur. Vielschichtig, ambivalent und vor allem authentisch. Hier bekommt der Leser keine übertriebene Powerfrau vorgesetzt, die Familie und Beruf locker unter einen Hut bringt, und dabei noch reihenweise die Männerwelt verzaubert, sondern einen zweifelnden, oft unglücklichen Menschen, der den Anforderungen, die das Leben an ihn stellt, so gut es geht gerecht werden möchte. Anna ist eine alleinerziehende Mutter, die sich nach der Nähe, aber auch der Unterstützung eines Lebenspartners sehnt, die immer noch mit ihren Eltern ringt und sich dem Elend, dass sie während ihrer Tätigkeit als Kommissarin erfährt, nur schwer erwehren kann. Packend schildert die Autorin das Privatleben ihrer Protagonistin und lässt den etwas zu konstruierten Kriminalfall schnell zur Nebensache werden. Selten gab es eine so glaubwürdige Ermittlerin zu bewundern.

Während sie die Unterführung im Bahnhof betrat, in der der Geruch nach Pisse sich mit dem von „türkischem“ Kebap vermischte, dachte sie an jene, die gar nichts hatten. „Freiwillige Obdachlose“ – erst in der Polizeischule hatte sie erfahren, dass es diese Kategorie überhaupt gab.

Nicht nur Anna Hwierut, auch das Milieu, das Izabela Szolc hier zeichnet, machen „Ein stiller Mörder“ zu einem lesenswerten Roman. Sie erlaubt uns einen Einblick in ein trostloses Polen, das sich selbst im Weg steht und den Menschen wenig Perspektiven bietet. Sie führt uns an abgelegene Orte, Nachtclubs, in denen die Jugendlichen sich betrinken, Frauenhäuser, die von rauchenden Nonnen geführt werden und die verborgenen Winkel verlassener Bahnhöfe, in denen Familienväter ihren sexuellen Vorlieben frönen. Mit ruhiger, poetischer Sprache gelingt ihr ein nüchternes, bisweilen trotziges Porträt des eigenen Landes. Wenn es ihr in den Folgebänden dann auch noch gelungen ist, die eigentliche Handlung übersichtlicher zu gestalten, dann steht einer aussichtsreichen Zukunft im Krimi-Genre eigentlich nichts mehr im Wege.

„Ein stiller Mörder“ von Izabela Szolc ist im Prospero Verlag als Broschur erschienen. Die Übersetzung aus dem Polnischen stammt von Barbara Samborska.

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2 Gedanken zu “Warsaw by Night

  1. Interessant, dass der polnische Krimi („Warschauer Verstrickungen“ von Zygmunt Miloszewski), den ich vor ein paar Wochen gelesen habe, ganz ähnlich gestrickt war. Eine dominierende Hauptfigur, überzeugend und authentisch porträtiert. Der eigentliche Fall geriert dadurch etwas ins Hintertreffen.

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  2. Pingback: Übersicht: Beiträge zum Osteuropa-Spezial | Der Schneemann

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