Kulturterrorismus und Zwangsprostitution

Popovic Spieler

© btb

1987 gehörte die Sozialistische Republik Kroatien noch zu Jugoslawien. In diesem Jahr erschien der Roman „Mitternachtsboogie“ eines gewissen Edo Popović, der, dem Titel angemessen, über Nacht zum Kultbuch avancierte. Dann kam der Zerfall der Sowjetunion – und damit das Referendum vom Mai 1991, bei dem sich über 90 Prozent der Kroaten für eine Loslösung vom jugoslawischen Staatenbund aussprachen. Der Beginn des kroatischen Unabhängigkeitskampfes, eines von vielen Konflikten, die man heute unter dem Begriff „Jugoslawienkrieg“ zusammenfasst. Er dauerte bis 1995 an und endete mit der Eingliederung der umkämpften Gebiete in die unabhängige Republika Hrvatska. Ein Mann verfolgte diesen Krieg von seinen blutigen Anfängen bis zum Abkommen von Erdut aus nächster Nähe, und machte sich als ebenso furchtloser wie unbestechlicher Berichterstatter einen Namen: Ein gewisser Edo Popović. Underground-Literat, Journalist und Kriegsreporter. Heute gilt er als wichtigster Schriftsteller des Landes, wenn nicht gar des ganzen Balkans, und gibt jenen eine Stimme, die vom gesellschaftspolitischen Wandel in Osteuropa nicht profitiert konnten.

Denn schaut mal, wie viele Menschen im Krieg gut zurechtgekommen sind, es gibt sogar einen, der ganz hervorragend zurechtgekommen ist. Er hat fünf bis fünfhundert oder fünftausend Unschuldige abgemurkst, und jetzt spricht er vor lauter Hochachtung von sich selbst in der dritten Person.

 „Die Spieler“ ist streng genommen mehr eine Ansammlung einzelner Erzählungen als ein Roman. Die drei Teile, aus denen das Buch besteht, wurden allesamt zuerst einzeln veröffentlicht, bevor der Zagreber Ocean More Verlag sie 2006 in Romanform zusammenführte. In Teil Eins, „Konzert für Tequila und Valium“, wird die kafkaeske Geschichte eines jungen Autors erzählt, der durch Willkür in die Mühlen des Staatsapparats gerät und plötzlich mit Bin Laden in Verbindung gebracht wird. Im zweiten Teil, „Die Tänzerin aus der Blue Bar“, versucht ein für Korruptionsbekämpfung zuständiger Politiker, der in einen Korruptionsskandal verwickelt wird, seine Weste mit allen Mitteln wieder rein zu waschen. Den Abschluss macht „Bulle, Bube, Dame, Trottel“, eine Liebesgeschichte zwischen einer ukrainischen Zwangsprostituierten, die vor ihrem Zuhälter flüchtet und einem kauzigen, in die Jahre gekommenen Polizisten, der sich als Privatdetektiv versucht. Zwischen allen drei Teilen besteht ein loser Zusammenhang, der vor allem durch die wiederkehrenden Figuren zustande kommt – allen voran Mladen Folo, Chef der Abteilung für Kulturterrorismus.

Mach dir keine Sorgen, es ist nicht so schlimm, hatte Natascha Boris getröstet, der sich deswegen anfangs schreckliche Sorgen gemacht hat. Ich habe nur ein bisschen viel Wirklichkeit gefressen, es geht schon vorüber, wenn ich rülpsen kann.

Es sind düstere Erzählungen aus dem Großstadtsumpf, die Popović hier auffährt. Nur einer bringt immer wieder Licht in die Szenerie und perforiert die bedrückende Schwärze mit ironischen Kommentaren: Der Erzähler. Eine spitzfindige Frohnatur, die alles der Lächerlichkeit preisgibt, und im lustlosen Vorbeischlendern die Absurdität des Geschehens aufzeigt. Ein Clown, der, mit einem lachenden und einem weinenden Auge von Gabelstaplerfahrern erzählt, die zu blechbehangenen Generälen werden, von sensationsgeilen Journalisten, die wichtige Meldungen zwischen nackten Frauen und Gebrauchtwagen-Anzeigen verstecken, oder von Polizisten, die es verlernt haben, ihre Vermutungen im Singular zu äußern. Im Stile der großen europäischen Satiriker verpackt er seine Gesellschaftskritik in unterhaltsame Possen, die so überdreht sind, dass man sie ihm einfach abkaufen muss. Erst im dritten Teil kommen dann die Figuren selbst zu Wort. Der Erzähler zieht sich zurück, er hat ohnehin zwischendurch aufgehört, seine Sätze zu Ende zu führen, und lässt den Leser alleine.

Wie ist das so, sich an nichts zu erinnern?, fragte sie. Tja, das ist ungefähr so, wie sich das Gesicht mit dem Taschentuch abzuwischen, mit dem Bukowski sich gerade den Schwanz abgewischt hat, so ist das, sagte Boris.

Auch wenn Kapitelüberschriften wie „Konzeptloses Arschgewackel“ oder „Von einem Cocktail auf dem Bürgersteig und einem Virus, das Typen mit parlamentarischer Immunität befällt“ es nicht vermuten lassen, werden in „Die Spieler“ durchaus auch ernste Töne angeschlagen. Hinter der humorvollen Fassade tummeln sich tragische Gestalten, die vom Schicksal zu einer Existenz als lebende Pointen verdammt wurden. Die kroatische Hauptstadt Zagreb funktioniert nach den Gesetzen des Dschungels – einem Dschungel,  in dem sich die Stärke des Einzelnen aus der Funktionalität seines Netzwerks speist. Und das Netzwerk funktioniert umso besser, wenn man es mit der Integrität nicht so hat und bereit ist, für den persönlichen Vorteil die eigene Bevölkerung zu opfern. Das Wort „Gesellschaftsspiel“ bekommt bei Popović eine ganz neue Bedeutung. Sein Roman lässt sich als Weckruf an die Menschen lesen, die sein Erzähler abstrakt als „kroatische Intelligenz“ bezeichnet – Menschen, von denen er hofft, dass sie überhaupt noch irgendwo existieren.

Eine schlimme und schwere Depression legte sich über Zagreb und seine Bewohner. Tagsüber taten sie so, als wüssten sie von nichts, als hätten sie wirklich überhaupt keine Ahnung, aber nachts hatten sie hässliche Träume. Zumindest einige von ihnen.

Dieses Roman-Puzzles kommt einem, auch wegen des episodenhaften Charakters, wie eine farbig illustrierte Version von Frank MillersSin City“ vor. Der Stil dagegen erinnert – und ich lese den Titel von Teil Drei, „Bulle, Bube, Dame,Trottel“, als Reminiszenz – an die Kultfilme des Briten Guy Ritchie. Man merkt Popović an, dass er kein Genre-Schriftsteller ist, aber einer, der sich mit dem Genre beschäftigt hat, und dem es ebenso mühelos gelingt, dessen Konventionen nachzuahmen, wie sie vorsätzlich zu brechen. Ihm ist ein ebenso witziges wie scharfsinniges Buch gelungen, das mit einem Erzähler aufwartet, wie man ihn in der Kriminalliteratur höchstens von Wolf HaasBrenner-Romanen kennt. Und ganz nebenbei ist dieser kroatische Autor ein derart begnadeter Stilist, dass seine Sätze es vermögen, selbst die tiefsten Abgründe des menschlichen Daseins zum Leuchten zu bringen. Nach der Lektüre läuft man durch die Straßen und wünscht sich, ihn neben sich zu haben. Er könnte das Leben kommentieren, jeden Tag. Man hätte was zu lachen und es läge immer ein Hauch von Magie in der Luft.

„Die Spieler“ von Edo Popović ist gerade bei btb im Taschenbuch erschienen. Die deutsche Erstausgabe wurde bereits 2009 bei Voland & Quist veröffentlicht. Für die Übersetzung aus dem Kroatischen zeichnet sich Alida Bremer verantwortlich.

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2 Gedanken zu “Kulturterrorismus und Zwangsprostitution

  1. Pingback: Übersicht: Beiträge zum Osteuropa-Spezial | Der Schneemann

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