Die Zukunft steht in den Sternen

Olga Tokarczuk Gesang Fledermäuse

© Schöffling

Mir nach, Leser!“ heißt es am Ende des ersten Teils von Michail Bulgakows fantastischer Farce „Der Meister und Margarita“, einem der bedeutendsten Werke moderner russischer Literatur. Ich gehe davon aus, dass die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk sich dessen bewusst war, als sie den Titel für das Eröffnungskapitels ihres Romans festlegte: „Und jetzt aufgepasst!“, ermahnt sie uns direkt zu Beginn der Lektüre. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass wir es hier mit einer Hommage an den großen Satiriker Bulgakow zu tun haben – die Autorin stellt gleich auf der ersten Seite klar, in welcher Tradition ihr Roman steht. Denn auch wenn „Der Gesang der Fledermäuse“ keineswegs den Zynismus des viel zu jung verstorbenen Regimegegners und Ausnahmeschriftstellers versprüht, ist Olga Tokarczuk ein überaus skurriler, witziger und hintersinniger Krimi voll gesellschaftskritischer Untertöne gelungen. In jeder Zeile spürt man die Auflehnung gegen bestehende Normen und Werte und das stumpfe Verfolgen traditionsreicher Verhaltensmuster, die derart in die Köpfe der Menschen eingewachsen sind, dass sie niemand mehr in Frage stellt. Unser Blick auf die Welt wird ordentlich durchgeschüttelt.

Mein Alter und auch mein Zustand erfordern es mittlerweile, dass ich mir vor dem Zubettgehen ordentlich die Füße wasche, für den Fall, dass ich in der Nacht von einem Krankenwagen abgeholt werden muss.

Die Erzählerin mit dem ihr verhassten Allerweltsnamen Janina wird von ihrem Nachbarn aus dem Bett geklopft. Bigfoot ist tot. Also nicht das Fabelwesen, sondern der andere Nachbar, der unbeliebte Verwahrloste mit den großen Füßen. Er ist scheinbar am Knochen eines Rehs erstickt, dass er gerade geschossen und zubereitet hatte. Vor seinem Haus stehen die anderen Rehe im Schnee und schauen verschwörerisch. Und während die Polizei von einem Unfall ausgeht, wittert Janina einen eiskalten Mord. Die Tiere wollen sich an den Menschen rächen, davon ist sie überzeugt. Gründe dafür gibt es ja zur Genüge. Also macht sie sich auf in die Stadt, um auf der Wache ihre Theorie darzulegen. Zu ihrer Überraschung muss sie jedoch feststellen, dass sie dort keiner ernst nimmt. Man behandelt sie wie eine verwirrte alte Frau, die unter Wahnvorstellungen leidet. Aber so leicht will sie sich nicht abwimmeln lassen.

„Sie haben mehr Mitleid mit den Tieren als mit den Menschen.“ „Das stimmt nicht. Beide tun mir gleich leid. Aber kein Tier schießt auf wehrlose Menschen“, erwiderte ich dem Beamten der Stadtpolizei am selben Abend und fügte hinzu: „Jedenfalls jetzt.“

Janina ist eine äußerst ungewöhnliche Figur mit ganz eigenen Vorstellungen von der Welt. Die meisten Namen, die die Menschen offiziell und amtlich beglaubigt mit sich herumtragen, hält sie für unpassend. Sie verpasst ihren Mitmenschen gerne eine neue Identität, die sie mit Bedacht und im Hinblick auf die Eigenschaften ihres jeweiligen Gegenübers wählt. Noch wichtiger ist ihr allerdings, das Geburtsdatum jeder Person auf die Minute genau zu kennen. Dafür übertritt sie auch schon mal die Grenze der Privatsphäre. Nach einem Blick in die Ephemeriden, den astronomischen Jahrbücher, die ihr die Position von Sonne, Mond, Planeten und Kometen verraten, berechnet sie dann den exakten Todeszeitpunkt inklusive der Umstände, die zum Tod führen. Deshalb ist sie auch der Überzeugung, der Mord an ihrem Nachbarn ließe sich auf diese Weise erklären. Ihre Beweisführung schickt sie in Briefform ans Präsidium, versehen mit der Bitte, man möge das Dokument schnellstmöglich an den „Polizeiastrologen“ weiterleiten. Doch in dieser „Stätte Plutos“ ist keiner bereit, ihre Ermittlungsmethoden anzuerkennen.

Wenn es nach mir ginge, dann käme es nach dem Tod zur Annihilation der Materie. Das wäre die passendste Art, mit ihr umzugehen. Die annihilierten Leichen würden auf diese Weise direkt in die schwarzen Löcher zurückkehren, aus denen sie gekommen waren.

Rehe, Füchse, Fledermäuse, Käfer, Hasen, Wildschweine, Fasane und Hunde tummeln sich in den Wäldern an der polnisch-tschechischen Grenze, in einem kleinen Ort, der offiziell gar keinen Namen mehr hat, weil er nur aus einem Weg und ein paar Häusern auf einem Hochplateau besteht. „Luftzug“ haben ihn die Deutschen damals genannt. Dieser Flecken Erde ist mehr Wildnis als Zivilisation und wirkt wie ein Relikt. Die Beziehung der Menschen zur Natur steht im Mittelpunkt des Romans. Die Erzählerin wird zur modernen Schamanin, die technische Geräte wie den Fernseher nur nutzen möchte, um sich über das Wetter zu informieren. Ihr urtümliches Wesen ermöglicht ihr Gedankengänge, die dem domestizierten Hirn nur unter Höchstanstrengung gelingen. Sie schwört auf die Kraft des Zorns, mit dem sie ihren Weltschmerz kompensiert und den sie immer dann entfesselt, wenn die Dummheit der anderen sie in die Ecke drängt. Wie ein Gewitter, das die Luft reinigt. Sie fühlt sich mit allem Leben verbunden und verurteilt jedes Unrecht, egal wie klein das Lebewesen sein mag, dem es geschieht.

Eine bewährte Art und Weise, um Albträume loszuwerden, ist es, sie einer offenen Kloschüssel laut zu erzählen und dann die Spülung zu betätigen.

Der geistige Vater des Romans ist, neben Bulgakow, der englische Dichter und Maler William Blake, der hier vor allem in seiner Rolle als Naturmystiker auftritt. Zusammen mit einem ehemaligen Schüler übersetzt die Protagonistin dessen Gedichte ins Polnische – ohne zu ahnen, dass sie selbst in gewisser Weise einem Brief von Blake entsprungen ist. Und das ist längst nicht alles, was sich in diesem Buch entdecken lässt. „Der Gesang der Fledermäuse“ ist ein einfühlsamer, auf schrullige Art und Weise melancholischer Roman, der Hirn und Lachmuskeln gleichermaßen strapaziert und uns daran erinnert, dass es selbst in einem traditionsreichen Genre wie dem Kriminalroman immer noch möglich ist Figuren zu schaffen, die mehr sind als archetypische Abziehbilder. Olga Tokarczuks Werk besticht durch lyrische Sprache, mythische Bilder und den nie abreißenden Bezug zur trostlosen Realität einer sich immer mehr entmenschlichenden Gesellschaft. Manchmal reicht es schon, die Dinge von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten. Einem Hochplateau zum Beispiel.  Oder einfach nur den Sternenhimmel anzuschauen.

In der Dämmerung passieren die interessantesten Dinge, denn dann verschwimmen die einfachen Unterschiede. Ich könnte in ewiger Dämmerung leben.

„Der Gesang der Fledermäuse“ von Olga Tokarczuk ist bei Schöffling im Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Polnischen stammt von Doreen Daume.

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2 Gedanken zu “Die Zukunft steht in den Sternen

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