„Die Nacht ist ein Typ mit Kapuze auf dem Kopf“

Kecmanovic Sibiren

© Matthes & Seitz

Die Nacht ist ein Typ mit einer Kapuze auf dem Kopf.“ So beginnt „Sibiren“ von Vladimir Kecmanovic. Dann folgt erstmal eine Leerzeile. Danach wieder ein Satz. Eine Leerzeile. Nächster Satz. Leerzeile. Geht das jetzt immer so weiter? Nein, nicht ganz, manchmal teilen sich auch zwei oder drei Sätze einen Zwischenraum. Aber im Prinzip: Ja, der ganze Roman ist nach diesem Muster gesetzt. Das erinnert an Jennifer Egans Twitter-Agententhriller „Black Box“, der aus 140-Zeichen-Schnipseln, wie sie über den Kurznachrichtendienst versendet werden, zusammengeklebt wurde. Nur dass man bei der Pulitzer-Preisträgerin Egan wusste, warum das Endergebnis so aussah, wie es aussah. Der Matthes & Seitz Verlag, bei dem dieses kleine Büchlein mit dem Untertitel „Ein serbischer Liebesthriller, in den sich Kroaten eingemischt haben“ erschienen ist, schweigt sich über den Grund für das ungewöhnliche Erscheinungsbild aus. Auch das Nachwort von Übersetzerin Mirjana Wittmann lüftet das Geheimnis nicht. Dem Leser bleibt nichts anderes übrig, als sich schulterzuckend in die Szenerie zu stürzen.

Eine junge Frau torkelt völlig verstrahlt durch die nächtliche Stadt. Ein Typ im Kapuzenpullover stellt sie zur Rede. Nach einem kurzen Geplänkel ist klar, dass es sich bei dem Typen um ihren Vater handelt. Der von Interpol gesucht wird. Sozusagen: Vorzeige-Familie. Der Vater befiehlt seiner Tochter, für eine Weile die Füße still zu halten und sich nicht mehr so zuzudröhnen. Nur so lange, bis sich die Sache mit dem Haftbefehl erledigt hat. Doch er kennt seine Tochter. Miki, laut eigenen Angaben halb Ganove halb Polizist, soll auf sie aufpassen und lädt das protestierende Partygirl kurzerhand ins Auto. Als sie am nächsten Morgen einigermaßen ausgenüchtert zu sich kommt, befindet sie sich in einem Haus irgendwo am Ende der Welt, wo der Fernseher nicht funktioniert und niemand ihre Fragen beantwortet. Bis Miki, der gesprächsunwillige Serbe mit der steinernen Miene, aufs Dach klettert, um die Antenne neu auszurichten – und plötzlich ein Nachrichtenkanal über den Bildschirm flackert.

Die Landschaft, bloß Kühe und Gras, wie ein alter Kiffer sagen würde. Ein unglaublich eingebildeter und langweiliger.

Vladimir Kecmanovic, Autor, Journalist und Filmemacher, gilt als große Hoffnung der serbischen Literatur. Seine Anhänger sehen in ihm einen der bedeutendsten Autoren dieses Jahrhunderts. Seine Kritiker halten ihn für einen Nationalisten. In seiner Heimat ist er vor allem für seinen Roman „Top je bio vreo“ bekannt, der sich mit der Belagerung seiner ehemaligen Heimatstdat Sarajevo im Bosnienkrieg beschäftigt. Eine Belagerung, die, obwohl sie mit beinahe vier Jahren die längste des vergangenen Jahrhunderts war, gerne unter den Teppich der Geschichtsschreibung gekehrt wird. Mit „Sibirien“ liegt nun der erste Roman dieses Autors in deutscher Übersetzung vor, und trotz des auf den ersten Blick irreführenden Titels geht es auch hier um die Probleme der postjugoslawischen Balkangebiete. Es ist nur für den deutschen Leser nicht so einfach zu erkennen.

Kurze, aufeinanderfolgende Hauptsätze die sich nur selten mit Beschreibungen aufhalten – Kecmanovics Stop-Motion-Prosa liest sich, als wäre sie in einem Drehbuch besser aufgehoben. Wer tut was und sagt welche Worte zu wem? Hier wird mit wenigen Worten ein rasantes Tempo erzeugt, das kaum Zeit für Introspektive lässt. Die Figuren werden auf ein bis zwei Eigenschaften beschränkt, die für den Verlauf der weiteren Handlung vonnöten sind. Nichts stört den Erzählfluss. Wer auf der Suche nach Sätzen ist, bei denen das Auge hängen bleibt und der Verstand verweilt, der wird nach einer guten Stunde feststellen, dass sich in „Sibirien“ höchstens eine Handvoll finden lassen – und das nur mit gutem Willen. Abgesehen natürlich von dem immer wieder auftauchenden „sozusagen“, das der serbische Autor ähnlich einsetzt wie der Österreicher Wolf Haas sein „quasi“.

Ein Typ in einem weißen Anzug taucht auf. Er steht am Ufer. Und ganz von sich eingenommen kotzt er Blödsinn in die Kamera.

Sibirien ist in diesem Roman mehr Idee als Landschaft. Wenn man Kecmanovic glauben mag, dann finden osteuropäische Gangster in Haft ebenso sicher zu Dostojewski, wie amerikanische Knastbrüder Gott für sich entdecken.  Und für den Schöpfer der „fünf Elefanten“, der selbst als politischer Häftling in einem sibirischen Arbeitslager zusammen mit gewöhnlichen Straftätern gefangen gehalten wurde, war dieser karge Flecken Erde ein Symbol für Buße. Dorthin verbannte er seine Romanfiguren, wenn sie sich ihrer eigenen Verdorbenheit bewusst geworden waren. Trotz dieser Hintergrundgeschichte hat man bei Kecmanovic das Gefühl, Sibirien habe noch eine andere Funktion. Wenn seine Figuren davon sprechen, hat es etwas Wehmütiges, als erinnere es sie an eine vergangene Zeit, in der jeder noch wusste, wo sein Zuhause war, lange bevor der Krieg einem aufzeigte, wo dessen Grenzen lagen. Die einsame Kälte als Sehnsuchtsort einer undurchschaubar gewordenen Welt

Es ist leichter klug zu sein, wenn es um andere geht.

 Vladimir Kecmanovic ist ein kurzweiliger, rasanter Roman über die Kriminalität in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs gelungen, der vieles streift aber selten wirklich ins Schwarze trifft. Die „Lesehilfe“ am Ende des Buches ist nett gemeint, zeigt aber auch eine der großen Schwächen des Romans auf: Reißt man „Sibirien“ aus dem geographischen Kontext und verlegt es anderswo, gehen viele Zwischentöne verloren. Die universelle Geschichte selbst, die hier erzählt wird, die Liebesgeschichte, die Gangsterballade, der Thriller aus der Halbwelt, ist zu generisch und einfallslos, um für sich alleine im Haifischbecken der Kriminalliteratur bestehen zu können. Da hilft dann auch die avantgardistische Form nichts. Gute Unterhaltung für zwischendurch mit einigen Höhepunkten und einem allzu voraussehbaren Twist, weit entfernt von den sonstigen verlegerischen Großtaten von Matthes & Seitz. Lest César Aira! Oder ihr werdet früher oder später in einem literarischen Sibirien dafür Buße tun.

„Sibirien“ von Vladimir Kecmanovic ist bei Matthes & Seit im Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Serbischen stammt von Mirjana und Klaus Wittmann.

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2 Gedanken zu “„Die Nacht ist ein Typ mit Kapuze auf dem Kopf“

  1. Pingback: Übersicht: Beiträge zum Osteuropa-Spezial | Der Schneemann

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