Findet Thomas Cavar

Bottini Der kalte Traum

© Dumont

Im schwäbischen Rottweil fragt ein Mann vom Balkan nach einem gewissen Thomas Cavar. Die Einwohner erinnern sich – Thomas war dort aufgewachsen, hatte dort gewohnt, bis er, so heißt es, 1995 in Bosnien ums Leben kam. Er soll im Krieg um die kroatische Unabhängigkeit gefallen und seine Leiche in einem Massengrab gelandet sein. Der Fremde hakt nicht weiter nach. Nur drei Tage später bittet der Ex-Politiker Richard Ehringer, ehemals ein hohes Tier in der Bonner Republik, seinen Neffen, den Kripobeamten Lorenz Adamek, einen ganz bestimmten Namen durch die Datenbank der Polizei zu jagen: Thomas Cavar. Währenddessen durchstreift die deutsche Journalistin Yvonne Ahrens die kroatische Hauptstadt Zagreb mit einem alten Foto in der Tasche. Es zeigt einen jungen Soldat, der einem alten Mann eine Pistole an den Kopf hält und stammt aus der Zeit des Unabhängigkeitskriegs. Sie glaubt, ein Indiz für ein Kriegsverbrechen in den Händen zu halten. Um an Beweise zu kommen, herauszufinden, was damals wirklich geschehen ist, muss sie aber erst einmal herausfinden, wer die beiden Männer auf dem Foto sind.

„Wenn wir da reingehen, wissen wir von nichts, okay? Und stellen vor allem keine unbewiesenen Behauptungen auf.“

Oliver Bottini ist die erste Anlaufstelle, wenn es um deutsche Politkrimis geht. Mit seinem Roman „Der Kalte Traum“, der von den Konflikten der Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens erzählt, erreichte er 2013 den dritten Platz beim Deutschen Krimipreis. Der Autor verwickelt seine Protagonisten darin in ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Vergangenheit. Sein akribisch recherchiertes Buch beleuchtet, nein durchleuchtet ein dunkles Kapitel neuerer europäischer Geschichte und befreit es so gut es geht von vergangenen Ideologisierungsprozessen. Ein ambitioniertes Projekt, das vor allem durch die Fähigkeit des Autors besticht, sich dezent im Hintergrund aufzuhalten. Denn während der Leser in diesem Sumpf aus politischen Verstrickungen und medial vermittelten Scheininformationen, persönlichen Schicksalsschlägen und internationalen Verschwörungen instinktiv nach Halt, nach Orientierung, nach der führenden Hand eines Meinungsgebers verlangt, zeigt Bottini ihm die kalte Schulter und reißt unbarmherzig längst verdrängte Wunden auf.

Thomas interessierte Politik nicht, Heimat schon gar nicht. […] Jugoslawien war ihm ein dunkles, unerklärliches Reich fern im Süden, in dem die grauen, verknitterten Großeltern in schlecht isolierten Häusern wohnten und sich über Pakete mit Kerzen freuten, weil dauernd der Strom ausfiel.

Die Geschichte um den mysteriösen Thomas Cavar wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Den Haupterzählstrang macht die Ermittlung von Lorenz Adamek aus, der nach Rottweil reist, um die Angehörigen des angeblich verstorbenen jungen Mannes aufzusuchen. Sein Onkel, der Politiker, sitzt im Rollstuhl und ist, wenn er nicht gerade sein Zimmer im Heim nach Wanzen absucht, derweil damit beschäftigt, sich zu erinnern. An seine mittlerweile verstorbene Frau, der eine vielversprechende politische Karriere bevorstand, die sich aber ihren Idealismus bewahrt hatte, und an seine eigene Zeit im Auswärtigen Amt, kurz vor dem Umzug in die neue Bundeshauptstadt Berlin, als Genscher und Kohl kurz davor waren, sich für die Anerkennung der kroatischen Unabhängigkeit auszusprechen. Auch die Geschichte von Thomas Cavar, einem Deutschen, der in der Provinz aufwuchs, um später hunderte Kilometer weit weg im Krieg für die Heimat seiner Eltern zu kämpfen, wird in Form von Rückblenden erzählt. Und dann ist da noch die unbequeme Journalistin in Zagreb, die einfach nicht locker lassen will und damit die Mächtigen des Landes in Alarmbereitschaft versetzt.

Stumm standen sie da und lauschten dem serbokroatischen Stimmengewirr. Ein Dutzend kroatische Bekannte waren gekommen. Auch Thomas‘ Mutter und sein Bruder Milo waren da. In der Mitte des Raumes drehte sich sein Vater um die eigene Achse und schrie: „Sie stehlen uns die Heimat!“

Relativ früh wird der Leser hier mit einer Schlüsselszene konfrontiert: Zwei ehemalige Militärs treffen sich im beschaulichen Rottweil, der eine Serbe, der andere Kroate, und beginnen, ihre nationalistischen Bestrebungen rechtfertigen. Im Endeffekt erzählen sie sich die gleiche Geschichte. Schließlich begnügen sie sich damit, der jeweils anderen Seite die Verschleierung der Tatsachen durch Propaganda vorzuwerfen. Ein Gespräch, das symptomatisch für jeden Argumentationsversuch im Zusammenhang mit Nationalismus steht, das aber auch noch ein anderes Problem aufzeigt: Gekämpft wird zwar immer noch mit Kugeln und Granaten, gewonnen werden Kriege allerdings mit einer geschickten Marketingstrategie und der richtigen PR. Bottini sensibilisiert seine Leser für die Mechanismen der medialen Kriegsberichterstattung und nimmt dabei Presse und Politiker des eigenen Landes nicht aus. Auch Deutschland hat seinen Teil zur Eskalation dieser Krise beigetragen.

„Die halbe Welt schickt zurzeit Waffen und Soldaten nach Kuwait. Ist Kroatien weniger wert?“ Ja, dachte Ehringer, so war es nun einmal, Kroatien stand nicht auf der Agenda der Regierung. Wie hatte Margaret einmal gesagt? Schöne Küste, aber zu wenig Öl.

 „Ein kalter Traum“ ist ein über alle Maßen beeindruckender Politthriller, der den internationalen Vergleich nicht zu scheuen braucht, ein Buch, das man nach den ersten paar Sätzen trotz des unhandlichen Themas nicht mehr zur Seite legen möchte. Selten wurden Fakten und Fiktion so stimmig verbunden. Oliver Bottini hat ein untrügliches Gespür für Timing, Sprache und das, was Menschen antreibt, und er setzt es ein, um Geschichten der Vergessenheit zu entreißen, die sonst kaum einer erzählen möchte. Er bringt „den Krieg in das hübsche Tal“ und erinnert uns daran, dass die Welt auch im 21. Jahrhundert noch weit entfernt davon ist, ein friedlicher Ort zu sein – und daran, dass wir mit unserer Politik- und Geschichtsverdrossenheit hierzulande, unser Flucht ins Heimat- und Familienidyll nur das Unweigerliche hinauszögern. Die Vergangenheit holt uns alle irgendwann ein.

„Der kalte Traum“ von Oliver Bottini ist bei Dumont als Taschenbuch erschienenen.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Findet Thomas Cavar

Diesen Artikel kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s