Irgendein Krieg ist immer

Winslow Tage der Toten

© Suhrkamp

Im Jahr 2005 veröffentlichte Don Winslow mit „Tage der Toten“ einen Meilenstein der jüngeren Kriminalliteratur. Sein Buch ist ein Epos über den amerikanischen „War on Drugs“, den „Krieg gegen Drogen“, der bis heute vor allem im direkten Nachbarland Mexiko ausgetragen wird. Seit  2010 ist der über 500 Seiten umfassende Wälzer dank dem Suhrkamp Verlag auch für ein deutschsprachiges Publikum zugänglich. Chris Hirthe, der für die Übersetzung verantwortlich war, änderte den Originaltitel „The Power oft he Dog“ – eine Anspielung auf den Höllenhund Kerberos, der in der griechischen Mythologie den Eingang zur Unterwelt bewacht – in „Tage der Toten“. Auch hierbei handelt es sich um eine Anspielung, die sich auf den „dia de los muertos“, den mexikanischen Gedenktag für die Verstorbenen bezieht. Die Fortsetzung des Drogenthrillers, „Das Kartell“ ist gerade bei Droemer erschienen.

Drogenfahnder Art Keller von der DEA versucht in „Tage der Toten“ über drei Jahrzehnte lang ein mexikanisches Kartell zu Fall zu bringen. Was anfangs durchaus von Erfolg gekrönt ist, verwandelt sich schnell in einen Alptraum ungeahnten Ausmaßes, der sich über ganz Mittel- und Lateinamerika und sogar darüber hinaus erstreckt. Der Ex- Soldat mit mexikanischen Wurzeln lernt auf die harte Tour, dass das Land, für das er im täglichen Einsatz sein Leben riskiert, ebenso viele Leichen im Keller hat wie die übelsten Drogenbosse – und dass Geschichte nur selten dort gemacht wird, wo man es vermuten würde. Nicht umsonst ist das einzige „Weiße Haus“, dass für Kellers Ermittlungen relevant ist, ein amerikanisches Edelbordell, in dem sowohl die italienische Mafia als auch die mexikanischen Narcos gern gesehene Gäste sind. Die schwarz-weiße Welt des Hurra-Patriotismus zerfällt Kapitel für Kapitel und bald weiß Keller nicht mehr, wofür oder für wen er überhaupt noch kämpft. Oder wogegen. Doch Aufhören kommt nicht in Frage. Er hat mit dem Boss des Drogenkartells noch eine Rechnung offen.

Die Vereinigten Staaten von Amerika kommen in diesem Roman nicht sonderlich gut weg. Ein besonderes Augenmerk legt Don Winslow auf die sogenannten „Operation Condor“, die in den 70ern und 80ern den Grundstein für die heutigen Zustände in Lateinamerika legte. Es handelt sich dabei um die Zusammenarbeit mehrerer lateinamerikanischer Geheimdienste zur Ausschaltung politischer Gegner aus dem linken Spektrum. Oppositionsführer und ihre Anhänger wurden im Zuge dieser Operation ermordet und eine riesige Zahl von Menschen verschwand unauffindbar von der Bildfläche der Weltgeschichte. Welche Rolle die USA dabei spielte ist bis heute ungeklärt. Man kann aber mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass sie dieses Bündnis zumindest unterstützt haben, um damit die Ausbreitung kommunistischer Staaten zur Hochzeit des kalten Krieges zu verhindern. Es existieren Dokumente die nahe legen, dass die beteiligten Staaten von den USA nicht nur finanziell unterstützt wurden, sondern auch Hilfe bei der Ausbildung von Soldaten und Agenten erhielten. Auf dieser Grundlage erzählt Don Winslow die Geschichte dieser mittlerweile teilweise bekannten und aufgearbeiteten Operation und stellt darüber hinaus eigene Vermutungen über deren Folgen und das weitere Vorgehen der amerikanischen Geheimdienste an.

Winslows Roman zeichnet sich vor allem durch seine Nähe zur Realität aus. Der Autor arbeitet eine Unmenge von Fakten in die Geschichte ein, die er über die Jahre in ausgiebiger Recherchearbeit und etlichen Gesprächen angesammelt hat. Vom Guerra Cristera, dem mexikanischen Bürgerkrieg in den 20ern, über das große Erdbeben von Mexico City bis zur Ermordung des mexikanischen Präsidentschaftskandidaten Luis Donaldo Colosio im März 1994 entwirft Winslow das detaillierte Bild eines Landes, dass sich spätestens mit dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen völlig den USA  ausgeliefert hat. Immer wieder führt er Versatzstücke der jüngeren Geschichte ins Feld, die sich unter seiner Feder zu einem erschreckend stimmigen Bild eines Krieges zusammenfügen, dessen Ende noch lange nicht in Sicht ist. Der Leser kann daraus seine eigenen Schlüsse ziehen. Anknüpfungspunkte bieten sich in „Tage der Toten“ zu Genüge.

„Tage der Toten“ ist eine Mischung aus ausgeklügeltem Politkrimi, blutigem Agententhriller und allerschwärzestem Noir. Mal fühlt man sich, als würde man die mexikanische Version von „Der Pate“ schauen, nur um sich kurz darauf in dem ebenfalls von Coppola inszeniertem surrealem Fiebertraum „Apocalypse Now“ wiederzufinden. Don Winslow verbindet eine direkte, schnörkellose Erzählweise mit den großartigen Dialogen eines Elmore Leonard, dem Geschichtsbewusstsein und der epischen Anlage eines James-Ellroy-Romans, sowie der scharfen Kritik an den gesellschaftspolitischen Gegebenheiten, wie man sie sonst von Autoren wie Ross Thomas kennt. Für viele gilt „Tage der Toten“ als der beste Roman Winslows. Für andere ist es sogar DER Genreroman des 21. Jahrhunderts. Mit Sicherheit ist das Buch aber eines dieser seltenen Werke, in dem Wirklichkeit und Fiktion so sehr verschwimmen, dass man sie nicht mehr voneinander trennen kann. Don Winslow selbst sagt, dass nichts in seinem Roman komplett seiner Fantasie entsprungen ist. Wenn man sich die Konsequenz dieses Satzes bei der Lektüre vor Augen führt, kann sich wahrscheinlich auch der letzte Leser der Faszination seines brutalen Epos nicht mehr entziehen. „Tage der Toten“ ist einer der wichtigsten und gleichzeitig auch gelungensten Spannungsromane des letzten Jahrzehnts. Und das ist wahrscheinlich noch ein Understatement.

„Tage der Toten“ von Don Winslow ist bei Suhrkamp im Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Chris Hirthe.

In der Kategorie „Meilenstein“ werden ab sofort regelmäßig Bücher vorgestellt, die nicht nur beim Leser einen bleibenden Eindruck hinterlassen, sondern auch die Krimi-Landschaft nachhaltig geprägt haben.

Advertisements

6 Gedanken zu “Irgendein Krieg ist immer

    • Vielen Dank! Ja, ich finde es auch spannender nicht mit Hammett oder Chandler einzusteigen.Außerdem hat es sich wegen des Sequels geradezu aufgedrängt das Buch noch einmal zur Hand zu nehmen und auf Langlebigkeit zu überprüfen.

      Gefällt mir

  1. Pingback: Sendung vom 06.09.2015 | Der Schneemann

  2. Pingback: Jenseits der Grenze | Der Schneemann

  3. Pingback: Don Winslow – Tage der Toten | 1001 Bücher - das Experiment

Diesen Artikel kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s