Rauchen, Saufen, Prügeln und ein Sonnenuntergang am Meer

Miller Freedoms Child

© Rowohlt

Eine junge, frische Stimme der amerikanischen Kriminalliteratur entlockt mit ihrem Debüt den eigenen Kollegen und der versammelten Presse ekstatische Jubelschreie. Ihr Name: Jax Miller. Naja, eigentlich Aine O’Dohmnaill, aber in einem Genre, in dem die Konkurrenz Karin Slaughter heißt, muss man sich eben was einfallen lassen. Eine Sensation, so hört man, die man zwar noch nicht mit Preisen, dafür aber mit jeder Menge Geld überhäuft hat. Wenn dann die Konkurrenz, die Karin Slaughter heißt, noch einen markigen Spruch ablässt, den der Piper-Verlag auf das deutsche Cover zu „Freedom’s Child“ drucken kann, dann ist der Hype perfekt und hohe Verkaufszahlen eigentlich vorprogrammiert. Also nimmt man das Buch zur Hand um dem Phänomen auf den Grund zu gehen – und nach etwa 350 Seiten fragt man sich, ob der Rest der Welt wirklich den gleichen Roman gelesen hat.

Die Klamotten, in denen ich vergewaltigt wurde, habe ich immer noch. Was soll ich sagen? Bin eben eine Masochistin.

Die Protagonistin, eine tätowierte Barkeeperin die flucht wie ein Schulhof und ihre gesamte Kundschaft unter den Tisch trinkt, hat einen ähnlich glaubwürdigen Namen wie ihre Schöpferin: Freedom Oliver. Freedom Oliver bedient den ganzen Tag Redneck-Biker und verprügelt gerne mal doppelt so schwere Männer, ohne dabei ihre Kippe wegzulegen oder gar den Kürzeren zu ziehen. Doch Alkohol und Adrenalin können nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre Vergangenheit an ihr nagt. Eine Vergangenheit, in der sie angeblich ihren Ehemann, einen Cop, ermordet haben soll, wofür aber ihr Schwager letztlich verantwortlich gemacht wurde. Eine Vergangenheit, die ihr den Geburtsnamen geraubt hat, und sie stattdessen mit dieser Talkshow-Blaupause von Identität zurückgelassen hat. Eine Vergangenheit, die ihr beide Kinder nahm. Als ihr Schwager aus dem Knast kommt, beginnt die Vergangenheit sich wieder in der Gegenwart breit zu machen – und während Freedom sich auf die Suche nach ihren Kinder begibt, eröffnet die Familie ihres toten Gatten die Jagd auf sie. Mutter Delany, eine fettleibige Karikatur von Frau, die tetrapakweise Rotwein trinkt und sich draußen nur per Segway fortbewegen kann, hat nicht vergessen, was man ihren Babys angetan hat.

Das ging Peter immer schon auf den Sack: fette Schweine wie seine Mutter, die Behindertenparkplätze und E-Mobile beanspruchen, nur weil sie zu faul sind. Er, er hat eine echte Behinderung, angeboren, ein Leiden, das er um jeden Preis loswerden wollen würde. Aber die? Die haben sich das selbst eingebrockt.

Eines der größten Probleme dieses Romans sind die fehlenden Grauzonen. Hier existiert es noch, das Böse, das keiner psychologischen Erklärung bedarf und von den Verfechtern der guten Sache, seien sie auch noch so abgehalftert, bekämpft werden kann. Dementsprechend platt sind die Figuren. Egal ob naive religiöse Eiferer, dumme Hinterwäldlern oder übergewichtige Fastfood-Junks – in diesem Buch wird man derart mit Klischees bombardiert, dass einem nur eine Schlussfolgerung übrig bleibt: Die meint das nicht ernst. Diese These wird allerdings weder sprachlich noch inhaltlich irgendwie gestützt. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, hier würde eine New Yorkerin, die mittlerweile in Irland lebt, einen auf Karl May machen und von Dingen erzählen, die mit ihrer eigenen Lebensrealität so wenig zu tun haben, dass sie es nicht einmal schafft, sie sich adäquat vorzustellen oder das Vorgestellte gar so zu versprachlichen, dass noch ein Funken Glaubwürdigkeit übrig bleibt. „Freedom’s Child“ ist ein Buch, das nicht so wirklich weiß, was es sein will.

„So was geht auch nur in Amerika“, spottet Gumm, „The Land of Freedom.“ Die Feds packen zusammen. „Wie Jesus gesagt hat: ‚Freedom’s just another word for nothing left to lose.‘“ Er grinst. “Das war doch Jesus, oder Howe?”

Betrachten wir die Ausgangssituation: Eine von Selbstmordgedanken geplagte Frau vegetiert in einer trostlosen Kneipe in einer lebensfeindlichen Umgebung vor sich hin und schwelgt in Erinnerungen. Klarer Fall von Noir. Denkt man. Diese anfängliche Düsternis wird aber ganz schnell durch die Sprache der Autorin zunichte gemacht, die einen fatalen Hang zum Kitsch hat. Überdeckt wird das mehr schlecht als recht durch eine extrem hohe Schimpfwortdichte, dass man für einen Moment auch vermuten könnte, man hätte einen Pulp-Roman vor der Nase. Doch wenn Pulp-Autoren mit Kugeln schießen, dann liefert Jax Miller schwarz angemalte Wattebällchen. Das mag wiederum zu ihrer Hauptfigur passen, die ebenfalls auf tough macht, aber eigentlich emotional und verletzlich ist, nur fehlt bei all dem Hartbolzen-Getue und all den überzeichneten Figuren jegliche ironische Brechung, was wiederum nur den Schluss zulässt: Die meint das ernst. Psychologische Tiefe trifft auf Eindimensionalität, Trash auf Rosamunde Pilcher und sprachliche Schwerstverbrechen auf lässige One-Liner. Und dann dieses unsägliche Ende.

„Das geht nicht“, sage ich. Ich weiß es, er weiß es. Und trotzdem nimmt der Abstand zwischen uns schon wieder ab, und die Scheiben beschlagen von unserem Atem. Wieder küssen wir uns. Ich schiebe die kalten Hände unter sein Hemd und spüre seine straffe Haut. Ich schmelze.

 „Freedom’s Child“ liest sich über weite Strecken wie eine dieser typischen testosterongeschwängerten Thrillerschwarten, bei der man den Protagonisten einfach durch eine Frau ersetzt hat, ohne dabei die Stellschrauben in Sachen Konventionalität, Plumpheit oder literarischer Qualität neu einzustellen. Das ist völlig in Ordnung. Was das Ganze jedoch zu einem Ärgernis werden lässt, ist der Umstand, dass Jax Miller an dem altbewährten Rezept herumpanscht, ohne ein Gespür dafür zu besitzen. So bleibt am Ende trotz mancher guter Idee (das „Selbstmordglas“!) ein fader Beigeschmack, denn die Zutaten, aus denen dieser romantische, pseudoharte Wohlfühlthriller mit der Lizenz zum unreflektierten Unterschichten-Bashing besteht, vertragen sich überhaupt nicht miteinander. Ein gutes Lektorat hätte hier wahre Wunder vollbringen können. Die Marketing-Maschinerie, das muss man anerkennen, hat dies jedenfalls bei diesem Buch getan.

„Freedom’s Child“ von Jax Miller ist bei Rowohlt im Premium Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Jan Schönherr.

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3 Gedanken zu “Rauchen, Saufen, Prügeln und ein Sonnenuntergang am Meer

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