Literarisches Leinwandflimmern

Augusto Cruz Um Mitternacht

© Suhrkamp

Ein reicher Exzentriker beauftragt den ehemaligen FBI Agenten Scott McKenzie eine Kopie des Vampir-Stummfilms Um Mitternacht aufzutreiben. Er hat nicht mehr lange zu leben und möchte unbedingt noch einmal einen Blick auf diesen vergessenen Klassiker werfen, der ihn als Kind so über alle Maßen beeindruckt hat. Doch die Aufgabe ist nicht so einfach zu bewältigen: Alle, die sich bisher auf die Suche nach dem verschollenen Zelluloid aufgemacht haben, verschwanden spurlos, kamen zu Schaden oder gar ums Leben. McKenzie, der mit Filmen nichts am Hut hat, glaubt nicht an solchen Unfug. Bewaffnet mit jede Menge Berufserfahrung und den letzten Worten seines alten Freundes und ehemaligen Chefs, John Edgar Hoover, macht er sich daran, zwischen verstaubten Requisiten aus Jahrzehnten der Filmkunst nach Antworten zu suchen. Und während er durch die Gegend reist um ehemalige Schauspieler und fanatische Sammler zu befragen, lässt ihn das Gefühl nicht los, jemand wäre ihm auf den Fersen.

Forrest Ackerman lebte für die Monster, und einige von ihnen, die legendärsten, hatten es ihm zu verdanken, dass sie noch am Leben waren.

Um Mitternacht“ von Augusto Cruz ist ein Buch für jene, die sich der Magie der bewegten Bilder nicht entziehen können. Alles ist Kino. Der Plot, die Figuren, die Stimmung. Hyperrealismus war gestern – hier spricht man in ellenlangen Monologen anspielungsreich und pointiert über Kunst und Leben oder verfolgt die unglaublichsten Lebensgeschichten bis in den tiefsten Dschungel, wo man in unterirdischen Gängen auf geheimnisvolle Schätze stößt. Und immer hört man das Rattern des Projektors im Hintergrund. Das Debüt des mexikanischen Bäckers, der sich per Fernstudium zum Privatdetektiv hat ausbilden lassen, ist durch und durch eine Ode an die Fantasie, wie sie bunter nicht sein könnte. Mal ehrlich – ein geheimnisvoller, steinreicher alter Mann, der einen netten, älteren FBI Agenten auf die Jagd nach einem verfluchten Horrorfilm schickt? Man muss sich schon auf dieses Buch einlassen, und zum Glück gibt es dafür Gründe genug.

Was würden Sie machen, wenn Sie die einzige Kopie eines Films besitzen und plötzlich erfahren, dass es noch eine zweite gibt? Ich würde nach ihr suchen und sie zerstören. Ein Hund, der sich satt gegessen hat, hakte Skal ein, pinkelt auf das, was übrig ist.

Neben der eigentlichen Handlung erfährt der Leser immer wieder Details aus dem fiktionalisierten Leben Edgar Hoovers, der fast ein halbes Jahrhundert lang das Federal Bureau of Investigation leitete, und den nur der Tod seines Amtes entheben konnte. Anfangs wirkt dieser pragmatische, mürrische Politiker irgendwie fehl am Platz, scheint er doch nur von ausgestopften Monstern und bunt bemalten Latex-Masken umgeben. Doch auf den zweiten Blick erweisen sich die Gespräche zwischen McKenzie und Hoover, die in der Retrospektive geschildert werden, als ebenso absurd-fantastisch wie die eigentliche Handlung, wodurch sich alles zu einer riesigen Legende verbindet. Dabei schafft es der Autor trotz der offensichtlichen Mythologisierung  beim Leser Interesse für die Person Hoover zu wecken, der als eine Art moderner Baseball-Konfuzius mit fortschreitender Altersschwäche auftritt. Gänzlich ungefiltert dringt die Realität aber von anderer Seite in die Geschichte ein: Die Suche nach dem Film führt McKenzie in den Norden Mexikos, und damit mitten hinein in den Drogenkrieg, der in kurzen Schlaglichtern seinen Tribut fordert.

Ich hätte nicht gedacht, dass die Serie FBI so erfolgreich sein würde, seit sieben Jahren auf Sendung, können Sie sich das vorstellen? Das ist die beste Publicity gegen diese Politiker, die unsere Vollmachten beschneiden wollen. Unwichtig, dass das Volk aufgehört, an seine Politiker zu glauben, uns bleibt immer noch das Fernsehen.

„Um Mitternacht“ bewegt sich immer auf dem schmalen Grat zwischen Klischee und Magie, der so viele Hollywoodfilme groß gemacht hat. Es ist fast schon beängstigend, wie cineastisch dieses Werk anmutet. Mal ist es ein klassischer Krimi der alten Schule, dann wieder ein Abenteuerfilm á la Indiana Jones oder ein herzzereißendes Drama mit extra viel Licht auf den tränennass schimmernden Augen. Dass das Ganze nicht gehörig vor die Wand fährt verdankt der Roman der antiquierten, leicht angestaubten Sprache des Autors, die von so einer zeitlosen Schönheit ist, dass man ihr zwangsweise verfallen muss. Hier kann einer schreiben, daran besteht kein Zweifel, und er tut dies allen Trends zum Trotz auf die Art eines alten Geschichtenerzählers, der es mit der Wahrscheinlichkeit nicht so genau nimmt.

Nach ein paar Sekunden hielt er mir die Muschel in Form einer Heuschrecke ans Ohr und sagte: „Für Sie.“ Am anderen Ende der Leitung wiederholte eine Stimme wie ein Mantra die Worte: „Die Kunst erhält die Welt.“

Rätsel! Abenteuer! Schatzsuche! Mit kindlicher Freude verschlingt man diese literarisch-filmische Schnitzeljagd und hat dabei, sofern man kein Kinomuffel ist, einen Heidenspaß. „Um Mitternacht“ ist eine Hommage an das Kuriose, eine schillernde Reise in die Vergangenheit, aber auch in die eigene Jugend, in die abgelegensten Winkel der kindlichen Fantasie, die immer noch irgendwo im eigenen Bewusstsein schlummern. Am Ende schließt man den Buchdeckel, wie man sich von einem Kinosessel erhebt der beinahe geräuschlos zuklappt, watet durch knisternde Popcornreste über den limonadeverklebten Boden, kneift angesichts des hellen Scheins der Straßenlaternen die Augen zu und geht dann mit einem guten Gefühl nach Hause, das einem angenehm vertraut vorkommt.

Ich hasse Kriminalromane, Mr. McKenzie, wissen Sie warum? Weil die Auflösung eines Rätsels uns zwar einige flüchtige Glücksmomente beschert, ein gehütetes Geheimnis dagegen jahrhundertelang die Neugier der Menschen beflügeln kann.

„Um Mitternacht“ von Augusto Cruz ist gerade bei Suhrkamp im Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Spanischen stammt von Christian Hansen.

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Ein Gedanke zu “Literarisches Leinwandflimmern

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