Jenseits der Grenze

winslow das kartell

© Droemer

Schon als die ersten Gerüchte darüber durchs Netz geisterten, gab es in der Krimigemeinde kein Halten mehr: Don Winslows Meisterwerk „Tage der Toten“ soll einen Nachfolger erhalten. Unnötig zu erwähnen, dass die Erwartungen dafür von Anfang an astronomisch hoch waren. Nein, sein mussten. „Das Kartell“ erzählt nun, wie schon der Vorgänger, vom amerikanischen War on Drugs und dessen Auswirkungen auf das Nachbarland Mexiko. Die Geschichte um den DEA-Agenten Art Keller und seien ganz eigenen Krieg gegen den Drogenboss Adán Barrera geht in die zweite Runde und Winslow setzt auf sein bereits bewährtes Rezept: Stakkato-Sätze, Perspektivwechsel und ein durch Fakten und Recherche unterfütterter Bezug zur realen politischen wie sozialen Situation. Ein perfekter Nachfolger also, der die Fans durchaus überzeugen sollte. Trotzdem steht „Das Kartell“ im Schatten des Buches, das maßgeblich für Don Winslows Ruf als herausragender Krimiautor verantwortlich ist – und das nicht zu knapp.

„Liest du die Zeitung, Art? Hörst du die Nachrichten?“ „Weder noch.“ Er hat das Interesse an der Welt verloren. „Dann weißt du nicht, was in Mexiko los ist“, sagt Taylor. „Nicht mein Problem.“ „Es ist nicht sein Problem!“, ätzt Taylor mit einem Seitenblick auf Jimenez. „Das Kokain kommt tonnenweise über die Grenze. Heroin, Metamphetamin. Die Leute sterben wie die Fliegen, aber es ist nicht sein Problem.“

Art Keller von der DEA hat eigentlich mit seinem Leben als Drogenfahnder abgeschlossen. In einem Schweigekloster kümmert er sich um die ihm anvertrauten Bienen und versucht zu vergessen. Doch dort, wo mit immer billigeren und wirkungsvolleren Rauschmitteln gehandelt wird, flüstert man sich noch immer seinen Spitznamen zu: „Der Herr der Grenze“. Und so bleibt es nur eine Frage der Zeit, bis er sein ehemaliges Territorium zurückfordern wird. Währenddessen sitzt sein Erzfeind Adán Barrera, Kopf eines der mächtigsten Kartelle des Landes, in einem amerikanischen Knast und verhandelt mit den Behörden. Er möchte in ein mexikanisches Gefängnis verlegt werden und ist bereit, dafür wertvolle Informationen preiszugeben. Denn im Gegensatz zu Keller kann er es gar nicht erwarten, wieder ins Geschäft einzusteigen. Auch wenn sich dort einiges geändert hat.

Die Mexikaner haben endlich eine Droge gefunden, die beim White Trash – der weißen amerikanischen Unterschicht – beliebt ist und die sich jeder leisten kann. Und White Trash gibt es mehr als genug – der wird niemals knapp. Der produziert sich selbst. Auf den Rücksitzen von Schrottkarren.

Es ist unbeschreiblich surreal von dem Gefängnisausbruch eines fiktiven Drogenbosses zu lesen, nur um einen Tag später von einer ähnlichen Geschichte aus der Presse zu erfahren. Dass Joaquín „El Chapo“ Guzmán kurz nach Erscheinen von „Das Kartell“ seine Zelle satt hatte gehört zu den gelungensten ungewollten Marketing-Coups der Literaturgeschichte. Es zeigt wie gut Winslow die Korruption der mexikanischen Behörden und den Rückhalt, den die Drogenbosse in der Bevölkerung genießen, in seinem Werk auf den Punkt bringt. Ebenfalls beeindruckend ist es, wie er in einer Nebenhandlung schonungslos die vielleicht schlimmste Folge des gesamten Konflikts offenbart: Das Abhandenkommen der Kindheit. „Jesus the Kid“, ein schlachterprobter Heranwachsender ohne jegliche Skrupel, ist eine ebenso erschreckende wie faszinierende Figur, die, trotz ihrer grausamen Handlungen, das Mitleid des empathischen Lesers auf sich zieht.

„Im Tageslicht verblassen die Alpträume.“ „Ich habe Menschen getötet.“ „Du bist doch noch ein Kind!“ Chuy zuckt die Achseln. „Wie viele?“ „Sechs?“ „Du weißt es nicht?“

Im Zusammenhang mit Don Winslows neuem Buch hört man oft, es sei zu brutal. Das mag sein, aber gemessen an der Zahl der Toten, die der War on Drugs jedes Jahr fordert ist der „Body Count“ in diesem Roman wahrscheinlich noch unrealistisch niedrig. Dazu kommt, dass die unzähligen Tode, die Winslow seine Figuren sterben lässt, sich von Seite zu Seite abnutzen. Kaum ist eine neue Figur eingeführt, ist sie auch schon wieder weg, man hat kaum Zeit, sich an sie zu gewöhnen oder sich gar mit ihr zu identifizieren, weshalb ihr Ableben einen einfach kalt lässt. Das schadet auf Dauer auch der Atmosphäre. Dem Autor ist es diesmal nicht gelungen, den Spannungsbogen von Kapitel zu Kapitel zu halten, er wird vielmehr durch etliche Nebenhandlungen immer wieder zu Boden gedrückt und bricht mehrmals unter der Last der zu großzügig bemessenen Seitenzahl zusammen. Dazu kommt, dass sich die sprachlichen Highlights diesmal in Grenzen halten. Die poetischen Einschübe und die kräftig gezeichneten Bilder aus „Tage der Toten“ werden zugunsten noch schnellerer und kürzerer Hochgeschwindigkeitssätze gestrichen.

„Sie sind genau das, was man über Sie sagt: das seltenste aller Wesen – ein ehrlicher Cop.“ „Sie müssen es ja wissen“, sagt Keller. „Sie haben ja genug Cops gekauft.“

Man wird aus Don Winslow nicht so recht schlau. Hat man sich als deutscher Leser zuletzt noch über die grottige right-wing Söldnerschmonzette „Vergeltung“ aufgeregt, die so gar nicht zu der politischen Haltung passen wollte, die man aus „Tage der Toten“ herauszulesen meinte, oder das mittelmäßige „Missing New York“, scheint das in den USA keiner mitbekommen zu haben. Wie auch? Die Bücher werden nicht mal auf seiner Website geführt, es ist fast so, als hätte es sie nie gegeben. Ausschussware, die, sofern er sie überhaupt selbst geschrieben hat, nur für den ausländischen Markt produziert wurde. Man erspare uns bitte das demnächst erscheinende „Germany“. Wie auch immer. Winslow lässt sich in seiner Heimat für ein weiteres Meisterwerk feiern, das genau genommen keines ist, und die deutschen Fans können endlich wieder aufatmen – der Meister hat beinahe zur alten Form zurückgefunden. Denn selbst wenn er sich selbst nicht toppen konnte, ist ihm doch ein intensiver Roman zu einem der immer noch aktuellsten und heikelsten Themen gelungen, dass das Weltgeschehen zu bieten hat. Eines, das so oft und regelmäßig in Vergessenheit gerät, dass wir solche Bücher brauchen.

„Das Kartell“ von Don Winslow ist bei Droemer als Premium-Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem  Amerikanischen stammt von Chris Hirthe.

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6 Gedanken zu “Jenseits der Grenze

  1. Pingback: Sendung vom 06.09.2015 | Der Schneemann

  2. Pingback: [Sonntagsleserei]: September 2015 | Lesen macht glücklich

  3. Muss ich mir unbedingt vormerken, zumal „Tage der Toten“ auch schon aufm Wunschzettel steht. Allerdings schrecken mit die „Stakkato-Sätze“ etwas ab – in der Leseprobe von „Tage der Toten“ vom Anfang des Romans finde ich es noch okay. Nimmt das im Lauf des Romans zu?

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    • Dieser Stil wird in „Tage der Toten“ immer mal wieder aufgebrochen und wechselt sich mit ruhigeren Passagen ab, beim „Kartell“ aber knallhart von Seite Eins bis Ende durchgezogen. Mein Tipp daher: „Tage der Toten“ auf jeden Fall lesen, da kann man noch von „Stilmittel“ sprechen statt gleich von „Stil“, „Das Kartell“ vielleicht lieber in der Buchhandlung mal anlesen oder irgendwo ausleihen.

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