War on Drugs im Wohnzimmer

Es gibt Experten die behaupten, dass das goldene Zeitalter der TV-Serie bereits vorbei sei. Egal ob Twin Peaks, The WireSopranosLost, Six Feet Under oder, gar nicht mal so lange her, Breaking Bad – die Qualität, die sich in diesem Medium erreichen lasse, sei ausgeschöpft, man werfe jetzt nur noch Hollywood-Größen und jede Menge Geld in den Topf, um sich noch ein paar Reste zu sichern, solange, bis das nächste große Ding kommt. Nichtsdestotrotz gibt es immer wieder ambitionierte Serien, die ganz oben mitmischen wollen. Wie zum Beispiel das momentane Netflix-Prestige-Projekt Narcos, eine lateinamerikanische Produktion über den Aufstieg und Fall des berühmten Drogenbarons Pablo Escobar.

Narcos 1

© Netflix

Die Handlung ist schnell erklärt: Der kolumbianische Schmuggler (gespielt von Wagner Moura) wird zum größten Kokain-Exporteur der Welt und die US-amerikanische Drogenbehörde DEA, in Gestalt der Agents Murphy (Boyd Holbrook) und Peña (Pedro Pascal), möchte ihn hinter Gittern sehen. Das stellt sich jedoch als schwierig heraus, denn die Kolumbianer lieben ihren Pablo, der überall Schulen und Brunnen bauen lässt, und die USA will eigentlich lieber Kommunisten jagen und stellt kaum Mittel zur Verfügung. Was dann passiert ist sozusagen Geschichte.

Regisseur José Padilha und sein Team halten sich meistens an die tatsächlichen Ereignisse. Immer wieder wird aber mithilfe von Original-Bildmaterial daran erinnert, dass die Gewalt, die in der Serie gezeigt wird, realen Personen das Leben kostete. Damit unterscheidet sich Narcos wohltuend von der Konkurrenz, bei der exzessive und vor allem explizite Gewalt oft unreflektiert auf den Zuschauer losgelassen wird. Doch natürlich gibt es hier auch jede Menge fiktive Elemente und Übertreibungen, alleine schon um dem Format und der Erwartungshaltung der Zuschauer gerecht zu werden. Dieser Umstand wird zusätzlich noch mit einer Art Leitmotiv gerechtfertigt – man sieht sich, und das erfährt das Publikum gleich zu Beginn, in der Tradition des Magischen Realismus.

Narcos 2

© Netflix

Wer einmal einen Roman von Gabriel García Márquez oder seinem mexikanischen Kollegen Juan Rulfo gelesen hat, weiß, dass man sich den Zugang erarbeiten muss. Auch Narcos hat dieses Moment der Irritation. Ganz im Stil der herbeizitierten literarischen Tradition hat die Erzählweise dieser Serie nichts mit dem zu tun, was man von anderen Formaten gewohnt ist. Agent Murphy schlüpft gleich zu Beginn in die Rolle eines klassischen Erzählers und handelt manchmal ganze Jahre in Form von wenigen Sätzen ab. Das wird in Hollywood, aber auch anderswo, eigentlich kaum noch gemacht. Man erzählt in Bildern. Nicht so hier. In der ersten Hälfte von Narcos gibt es ganze Abschnitte, in der Ereignisse nur ganz kurz angeschnitten werden, um dann direkt zum nächsten Schauplatz zu springen. Von Station zu Station in rasendem Tempo, und immer wieder dokumentarische Einschübe, ein Gegenentwurf zur gefeierten Langsamkeit von Konkurrenten wie True Detective. Doch wie ein alter Märchenonkel zieht auch diese Form des Erzählens einen früher oder später in den Bann. Sie legt den Fokus auf ein ganz anderes Element des Filmischen: Das gesprochene Wort.

Narcos 4

© Netflix

Die größte Qualität dieser Serie ist die Figur des Pablo Escobar, herausragend gespielt von Wagner Moura. Mit minimaler Mimik und ausdrucksstarker Sprache (die spanischen Dialoganteile werden nur untertitelt, nicht synchronisiert) stellt jeder seiner Auftritte ein Highlight dar. Bis man irgendwann bemerkt, wie einem dieser größenwahnsinnige Massenmörder ans Herz wächst. Ein Mann, der aus Launen heraus tötet und mit einem Heben seiner Augenbraue Anschläge befiehlt. Das mag auch an seinem Antagonisten, dem eigentlichen Hauptdarsteller dieser Serie liegen. Agent Murphy bleibt nämlich eine erstaunlich blasse Figur, die nicht nur andauernd vom eigenen Partner in den Schatten gestellt wird, sondern auch – zumindest im Kontext dessen, was auf der Leinwand zu sehen wird – schwer nachvollziehbare Entwicklungen durchmacht. Kurzum: Er taugt nicht wirklich zum Sympathieträger, was gar nicht schlimm wäre, wenn er wenigstens irgendeine Art von Anziehungskraft auf den Zuschauer ausüben würde. Tut er aber nicht.

Nach zehn Folgen bleibt die Erkenntnis, dass Narcos zwar nicht alles richtig macht, aber dafür sehr vieles anders. Die Serie fordert unsere Sehgewohnheiten heraus und trumpft mit größtenteils guten bis sehr guten Darstellern. Außerdem holt sie den O-Ton aus dem Programmkino ins moderne Streaming-TV, was man den Machern wahrscheinlich gar nicht hoch genug anrechnen kann. Und apropos rechnen: Die Rechnung von Netflix geht so gut auf, dass bereits eine zweite Staffel bestellt wurde. In der Internet Movie Database erreicht Narcos ein User-Ranking von über neun Punkten, und einige Neu-Abonnenten dürften durch das Drogenepos erst auf den Netflix-Zug aufgesprungen sein. Es fragt sich nur, wie eine Fortsetzung aussehen soll, denn die Escobar-Story wird in Staffel Eins bereits fast zu Ende erzählt.

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3 Gedanken zu “War on Drugs im Wohnzimmer

  1. Ich hab die Serie auch im Auge, aber sie klingt für mich von der Umsetzung her doch stark nach „Breaking Bad“ nur ohne den kindsköpfigen Methkoch und eben von der mexikanischen Seite erzählt. Bin gespannt, ob mich die Serie überzeugen kann, ich fürchte, sie wird es schwer haben! 😉

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    • Da musst du dir keine Sorgen machen, alleine schon durch die Erzählweise und den dokumentarischen Charakter hat das wenig miteinander zu tun. Zumal die Serie eigentlich ausschließlich in Kolumbien spielt, lange bevor die Mexikaner überhaupt in dieser Dimension Drogen in die USA gebracht haben. Pablo hat das Konzept Drogenkartell überhaupt erst erfunden. Der „Breaking Bad“ Vergleich hat sich mir zu keiner Minute aufgedrängt, da kannst du guten Gewissens einen Blick riskieren.

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      • Ja, das Don Pablo Kolumbianer ist, ist klar. 😉 Ich meinte, wäre Breaking Bad aus der anderen Sicht erzählt worden, in dem Falle die mexikanische Seite. Hab mich umständlich ausgedrückt, sorry!

        Aber die Serie wird in jedem Fall angetestet! 🙂

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