Wie ein Spaziergang auf der Autobahn

Thornburg Cutter und Bone

© Polar

Es gibt Bücher, auf deren Seiten das Gewicht der Welt lastet. Die sie in all ihrer Dunkelheit, ihrem Wahnwitz, aber auch ihrer nie wirklich fassbaren Schönheit abbilden. Viele davon tragen große Namen und finden sich in jedem Literaturkanon und jeder gut sortierten Buchhandlung wieder. Aber was geschieht mit denen, die vergessen werden? Im Idealfall, und das muss man so zynisch sagen, stirbt der Autor. „Don’t forget Newton Thornburg hieß es 2011 nach dem Tod des amerikanischen Noir-Autors im Guardian – ein Aufruf, dem hier in Deutschland kaum jemand Aufmerksamkeit schenkte. Abgesehen von Wolfgang Franßen und seinem Polar Verlag, die gerade Thornburgs bekanntestes Werk exhumiert haben: „Cutter und Bone“. Wer an dieses Buch unbedarft rangeht, wird überrollt. Ich spreche aus Erfahrung.

Angst durchströmte ihn, kalt wie sein Drink. Und es war die Art von Angst, die Mittelklasseamerikaner eigentlich nicht kennen sollten, Angst vor Dingen wie Hunger und Kälte und Zahnschmerzen, Dinge, die nebensächlich waren, außer man besaß gerade mal zwölf Dollar, von denen man am Abend fünf für Alkohol auf den Kopf hatte.

Santa Barbara in den 70er Jahren: Richard Bone, ein am Existenzminimum herumkrebsender Sunnyboy, hält sich mit One Night Stands über Wasser. Welche unzufriedene, vernachlässigte oder einfach nur abenteuerlustige Frau das Meer auch anspült – Bone lässt sich ein paar Tage von ihr aushalten. Den Rest der Zeit wohnt er bei seinem einzigen Freund, dem zutiefst depressiven Vietnam-Veteran Cutter, der mit seiner Frau Mo und dem gemeinsamen Baby eine Bruchbude am Stadtrand bezogen hat. Cutter, der für seine Mitmenschen nur Häme übrig hat, vertreibt sich seine Zeit mit Alkohol und Affären, während Mo sich bereits am frühen Morgen in Medikamentenmissbrauch übt. Bone hingegen lechzt verzweifelt nach ihrer Nähe, während das Kind, das zwischen ihnen herumkrabbelt, besser gar nicht erst geboren worden wäre.

Als er ging wäre er beinahe über das Babygestolpert, das auf dem Fußboden saß und fröhlich mit der leeren Wodkaflasche vom Vorabend spielte.

Als Bone mal wieder von einer seiner Gönnerinnen rausgeworfen wird, beobachtet er einen Mann, der, wie sich später herausstellt, die Leiche einer jungen Frau in einer städtischen Mülltonne entsorgt. Am nächsten Tag nimmt er die Zeitung zur Hand und hat für einen kurzen Moment das Gefühl, dem Mann erneut zu begegnen: Ein Foto des Unternehmers J.J. Wolfe weckt seine und somit auch Cutters Aufmerksamkeit. Stellt sich nur die Frage, wie die beiden bettelarmen Außenseiter daraus Kapital schlagen können – und ob sie das überhaupt wollen. Auf Erpressung können sie sich nämlich einigen, nur nicht darauf, ob sie der Aufklärung des Falls oder der Verbesserung der eigenen wirtschaftlichen Lage dienen soll. Und während der Kampf zwischen Moral und Selbstsucht tobt, drohen Cutter und Bone zunehmend ihrem eigenen Wahnsinn zum Opfer zu fallen.

„Wir werden sie uns vorknöpfen.“ Cutter fiel nicht auf ihn herein. „Wen?“, fragte er. Bone grinste. „Das bestimmst du, Kumpel. Ich übernehm das Vorknöpfen.“ „Du weißt gar nicht, wen ich meine, oder?“ „Sie.“ Cutter lachte. „Natürlich sie. Wen sonst?“

Der Vietnamkrieg ist nach wie vor eines der größten Traumata der US-amerikanischen Geschichte. Nicht nur, dass er eine ganze Generation körperlich und psychisch versehrt zurückließ, es war gleichzeitig auch die erste medial begleitete Katastrophe dieses Ausmaßes. Jahrelang flackerten Explosionen über den Wohnzimmerbildschirm, drangen Todesschreie und Mündungsfeuer aus den eingebauten Lautsprechern. „Nam“ war allgegenwärtig, es veränderte die Menschen und ihre Wahrnehmung der Welt, warf, wie Jahrzehnte zuvor der Holocaust, die Frage auf, in was für einer Welt wir leben. Newton Thornburg gelingt es meisterhaft, diesen Moment der Geschichte einzufangen: Die Ratlosigkeit angesichts des Unvorstellbaren und die Unfähigkeit der Menschen, sich damit auseinanderzusetzen. Um dem entgegenzuwirken hat der Autor Charaktere geschaffen, die sich auf ewig in das Gedächtnis derer einbrennen werden, die sein Buch zur Hand nehmen.

Bone stand auf, um sich einen weiteren Drink zu mixen und ließ zwei Eiswürfel in sein Glas fallen, ein Marmeladenglas. In der Stille klang das Knacken des Eises wie ein Kommentar. Und er fügte hinzu: „Ist das alles, was du hast?“

Selten passte die Bezeichnung „character driven“ so gut zu einem Roman wie hier. Die simple Handlung scheint nur die Rennstrecke zu sein, auf der sich Cutter, Bone, Mo und Konsorten austoben können. Die Zielgerade auf dem Weg zur Selbstzerstörung. Und Newton Thornburg peitscht seine Protagonisten mit einer ungeheuren Verzweiflung zum Ende. Die Düsternis, die der Autor in zynischen Sätzen verpackt, die Verzweiflung, die hier aufs Blatt gehämmert wurde, ist überwältigend. Es fühlt sich ein bisschen so an wie das erste Mal „Das Buch der Unruhe“ von Fernando Pessoa zu lesen oder die Entstehung eines schlimmen Unfalls zu beobachten. Man weiß nicht so recht, ob man noch liest, oder gerade bei Nacht auf der Autobahn spazieren geht. Es macht letztendlich kaum einen Unterschied.

Cutter und Bone ist gerade im Polar Verlag als Premium Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Susanna Mende.

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2 Gedanken zu “Wie ein Spaziergang auf der Autobahn

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