Waldsterben

Percy Wölfe der Nacht

© btb

Country Noir hat seine Wurzeln ohne Frage in den Südstaaten. Doch auch in anderen ländlichen Gegenden der USA werden Bücher geschrieben, die sich diesem Subgenre zurechnen lassen. „Wölfe der Nacht“ von Benjamin Percy ist eines davon. In den kleinen Städten und riesigen Wäldern Oregons angesiedelt, erzählt der junge Autor in seinem Romandebüt von Vätern und Söhnen und dem Verhältnis von Zivilisation und Natur. Er schickt seine Figuren auf eine folgenschwere Jagd und ist dabei auf eine ganz bestimmte Art von Beute aus: Den Leser. Mit einer einfachen, poetischen Sprache und einem gnadenlosen Spannungsbogen bewaffnet stellt er uns eine Falle, aus der wir nicht mehr entkommen können.

Es war diese Zwischenzeit des Tages, nicht mehr Nachmittag und noch nicht Abend, in der die Luft allmählich purpurn und dicht wird. Sobald sie den Wald betraten, legten die Kiefern Schwarz auf alle Dinge, und durch ihre Nadeln fiel ein feuchter Wind, der den Geruch der nahen Berge, der Cascades, mit sich brachte.

Paul möchte mit seinem Sohn Justin und dessen Sohn Graham ein paar Tage in den Wäldern verbringen, um seinem Enkel das Jagen beizubringen. Ein Männerausflug, mit allem was dazugehört: Zelten, Lagerfeuer, Bier. Karen, Justins Frau und der Inbegriff der suburban mom, hält das für eine Schnapsidee. Sie traut ihrem Schwiegervater nicht, findet ihn verantwortungslos und lehnt dessen John-Wayne-Männerbild zutiefst ab. Erst als ihr Mann ihr verspricht auf Graham aufzupassen und Paul nichts durchgehen zu lassen, gibt sie ihr Einverständnis.  Und während die Männer sich immer weiter von ihr entfernen, immer tiefer in die Natur vordringen, wird nicht nur immer unklarer, wer hier eigentlich wem auf den Fersen ist, sondern auch Karen plötzlich zur Beute einer ganz anderen Jagd. Das große Umkreisen beginnt.

Sie eilt die Stufen hoch und fährt sich mit der Hand über die Stirn, um den Regen wegzuwischen. „Sie sind mein Retter!“ Sie lächelt. Er wird das Gefühl nicht los, dass an diesem Lächeln etwas Freudloses ist. Ihre Lippen sind rot. Ihre Zähne sind lang und weiß, sie erinnern ihn an Knochen, die man in einer Wunde sieht.

Du dunkelnder Grund, geduldig erträgst du die Mauern/ Und vielleicht erlaubst du noch eine Stunde den Städten zu dauern/“, hieß es schon bei Rilke. Auch bei Benjamin Percy scheint die Natur sich gegen die Menschen aufzulehnen, die Wälder roden um dort Vergnügungsparks und Einkaufszentren zu errichten. Mittendrin in diesem uralten Kampf befindet sich der naturverbundene Paul, der Jäger, der sich aufgrund der Wirtschaftslage gezwungen sieht mit denen gemeinsame Sache zu machen, die von dieser Entwicklung profitieren. Hier prallen Lebensentwürfe und Generationen aufeinander – jene, die sich von dem ernähren, was das Land zu bieten hat, und jene, die gar nicht mehr wissen, wie das geht. Die Leistungs- und Selbstoptimierungsgesellschaft wird mit dem Ursprünglichen konfrontiert. Doch keine Angst, „Wölfe der Nacht“ ist kein romantischer, undifferenzierter Kitsch. Der Wald hat Krallen und Zähne und ist bereit, sie zu benutzen.

Paul gehört nicht zu den Vätern, die in die Kirche gehen und Golf spielen und das ganze Jahr Weihnachtslieder pfeifen. Er ist ein Vater, der gern Sachen sagt wie: „Schmerz ist eine Schwäche, die den Körper verlässt“ und „Weil man weiß, dass man am nächsten Tag sterben kann, sollte man keine grünen Bananen essen“.

Benjamin Percy versteht etwas von zwischenmenschlichen Beziehungen. Ihm ist eine archaische Vater-Sohn-Geschichte von solcher Intensität gelungen, wie ich sie seit David Vanns „Im Schatten des Vaters“ nicht mehr gelesen habe. Er geht sogar das Wagnis ein, den Großvater noch mit ins Boot zu holen. Zwischen den drei Männern der Familie, die sich, so hat es zumindest den Anschein, nah und doch völlig fremd sind, entwickelt sich eine ungeheure Dynamik. Jedes Gespräch erzeugt Reibung, knistert bedrohlich und verrät ein Fünkchen Ende. Aber auch das restliche Buch ist emotionaler Terror allererster Güte. Der Erzählstrang um den Irak-Veteranen Brian, der sich auf unheimliche Art an Justins verbitterte Ehefrau Karen ranmacht, würde wahrscheinlich selbst David Lynch um den Schlaf bringen. Der kurze Ausflug in die außenpolitische Realität des Krieges steht dem Roman gut zu Gesicht.

Wenn man gesehen hat, was er gesehen hat, wenn man weiß, dass in einer anderen Welt die Menschen ins Einkaufszentrum gehen und Frisbees werfen und Kaffee in einem Straßencafé trinken, akzeptiert man irgendwann, dass alles, wovon man glaube, dass es einen Sinn hat, keinen Sinn hat.

Wie beinahe alle großen Romane des Country Noir hat auch „Wölfe der Nacht“ eine übersinnliche Komponente. Sei es das seltsame „Haarkostüm“, mit dem Brian versucht sich zu transformieren, Justins wiederkehrender Alptraum von dem zähnefletschenden Bären oder der Hauch von indianischer Mystik, der aus einer Schlucht im Wald dringt – immer wieder gibt es ein Moment des Surrealen, das zwischen Mensch und Natur in der Schwebe hängt. Percy reiht diese Momente an seiner straffen, dicht erzählten Geschichte auf wie an einer Perlenschnur. Geschickt verkürzt er immer wieder den Handlungsspielraum seiner Figuren und lenkt sie direkt und bestimmt auf die Katastrophe zu. Nach 367 Seiten ist „Wölfe der Nacht“ dann zu Ende, und der Puls sinkt langsam wieder Richtung Normalniveau. Die Begeisterung aber bleibt. Wenn es hier überhaupt etwas auszusetzen gibt, dann die Tatsache, dass die im Titel versprochenen Wölfe ausbleiben. Dafür muss man schon „Roter Mond“, Percys zweiten Roman bemühen.

Menschen sind tot, aber nichts hat sich verändert. Nichts ist anders bis auf den Kloß in seiner Kehle.

„Wölfe der Nacht“ von Benjamin Percy ist bei btb im Taschenbuch erschienen und wurde zuvor bei Luchterhand im Hardcover veröffentlicht. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Klaus Berr.

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3 Gedanken zu “Waldsterben

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