Country Noir – Versuch einer Annäherung

Alles begann mit einem Missverständnis. Um der Einordnung in bestehende Genre-Schubladen zu entgehen, veröffentlichte Daniel Woodrell 1996 seinen Roman „Give Us A Kiss“ („Stoff ohne Ende“) mit dem Zusatz „A Country Noir“. Einer Bezeichnung, von der er sich später distanzierte, als ihm bewusst wurde, was er da losgetreten hatte. Doch wie es in einem alten schottischen Sprichwort so schön heißt: „Du bist Herr deiner Worte, doch einmal ausgesprochen beherrschen sie dich.“ Woodrell drückte nicht nur seinem eigenen, sondern gleich einer Vielzahl von Büchern verschiedenster Autoren einen Stempel auf, der bis heute ein ganzes Subgenre bezeichnet. Country Noir wurde zum geflügelten Wort, später sogar zum Verkaufsargument. Grund genug also sich zu fragen, was es damit auf sich hat.

1996 mag das Geburtsjahr der Bezeichnung sein, der Ursprung des Country Noir als literarische Gattung liegt jedoch weiter zurück. Je nachdem wen man fragt sogar viel, viel weiter. Einig ist man sich im Allgemeinen nur darüber, dass ein anderes Genre maßgeblich an der Entstehung dieser Form von Kriminalliteratur beteiligt war: Southern Gothic. Ein Sammelbecken für die Werke berühmter Südstaaten-Autoren wie William Faulkner („Als ich im Sterben lag“, „Die Freistatt“), Harper Lee („Wen die Nachtigall stört“), Carson McCullers („Das Herz ist ein einsamer Jäger“), Mark Twain („Eine Bluttat, ein Betrug und ein Bund fürs Leben“), Flannery O’Connor („Die Gewalt tun“) und die Frühwerke eines Cormac McCarthy („Draußen im Dunkeln“). Ein Genre, das sich vor allem durch exzentrische, oft verstörende Charaktere auszeichnet – man denke an McCarthys nekrophilen Protagonisten Lester Ballard aus „Ein Kind Gottes“ -, die in groteske, makabre, in jedem Fall aber erinnerungswürdige Ereignisse verwickelt werden. Ein Genre das, aus heutiger Sicht fast nur aus Klassikern zu bestehen scheint, die von Gewalt und Armut erzählen. Klassiker voll ambivalenter Figuren, die Geschlechterrollen infrage stellen, sich kritisch mit der Rassentrennung auseinandersetzen oder auf andere Weise den southern way of life aufs Korn nehmen.

Wichtig ist für ein Genre, das den Süden im Namen trägt, natürlich ganz besonders der regionale Bezug. Die Leute wollten Autoren lesen, die etwas von dem verstehen, worüber sie schreiben, die dort verankert waren. Man kann sich die Südstaaten in diesem Zusammenhang vielleicht wie eine große Familie vorstellen – wer dazugehört, darf ruhig schlecht über sie reden, aber wehe, ein Außenstehender tut es, dann halten plötzlich alle wieder zusammen und buhen ihn aus. Nun war und ist Southern Gothic jedoch streng genommen kein Subgenre des Kriminalromans. Es musste in den 1950er Jahren erst in eine Ehe mit dem Noir gedrängt werden. Verantwortlich dafür zeichnen sich vor allem die Herren James M. Cain („Wenn der Postmann zweimal klingelt“) und der Großvater des modernen Country Noir, Jim Thompson („1280 schwarze Seelen“). Letzter schuf in „Der Mörder in mir“ den Prototyp einer Kleinstadt-Idylle, über der Wahnsinn ausbricht wie eine sich entladende Gewitterwolke. Thompson dreht die Rolle der Staatsgewalt auf links und zeigt eine amerikanische Landbevölkerung, deren Alltag von der prekären wirtschaftlichen Lage und verschiedenen Formen der Besessenheit bestimmt wird.

Man sollte sich das Setting des Country Noir jedoch nicht als etwas vorstellen, dass aus einer theoretischen Überlegung entstand. Natürlich ist nicht jede Kleinstadt, deren kaputte Straßen verfallene Häuser säumen, gleich ein Thompson-Zitat. Vielmehr ist dieses sich wiederholende Motiv Ausdruck einer von den Autorinnen und Autoren vorgefundenen Realität, die sich weit über die Grenzen der Südstaaten hinaus erstreckt. Leerstehende Geschäfte, ungenutzte landwirtschaftliche Flächen und volle Kneipen, auf deren Hinterhöfen man sich mit selbstgebranntem Fusel die Lichter ausknipst sind die Schattenseite des Turbokapitalismus, dessen Zentren sich in den Metropolen des Landes befinden. Armut ist hier sowohl Realität als auch Handlungsmotiv. In Frank BillsDer Geschmack der Gewalt“ führt sie beispielsweise dazu, dass verzweifelte Hungerleider sich für ein paar Dollar die zugedröhnten Schädel einschlagen. Doch wie in allen Formen des Noir ist es den Figuren der Romane und Erzählungen unmöglich, aus dieser brutalen Welt auszubrechen.

Die Charaktere zeichnen sich im Country Noir vor allem durch zwei Dinge aus: Ihre Zugehörigkeit zur sogenannten „Unterschicht“, der niedrigsten aller sozialen Klassen, und ihre Verwurzelung innerhalb der Familie – und damit in der Geschichte des Ortes, an dem sie das Pech hatten, ins Leben gerissen zu werden. Es sind Orte, die, im Gegensatz zur Großstadt, so leergefegt sind, dass nur die unsichtbaren (Bluts-)Bande der Beziehungen, die zwischen ihren Bewohnern bestehen, sie noch vor der Auflösung bewahren, sie sogar trotz ihrer Weitläufigkeit nahezu eng wirken lassen. Trotzdem denkt hier niemand ans Fortgehen. Jene, die es versuchen, wie die junge Margo in Bonnie Jo Campbells Roman „Stromschnellen“, kommen sowieso maximal bis zur nächsten Ortschaft. Margo hat auch gar keinen Ansporn, die Welt um sie herum kennenzulernen oder gar zu verstehen, weil es ihr schon nicht gelingt, die eigene Gedanken- und Gefühlswelt zu durchdringen. Im Country Noir blickt man nicht über den Tellerrand, man ist in sich selbst oder zumindest dem Mikrokosmos des eigenen Horizonts gefangen

Die lebensfeindliche Umgebung, in der sich die Figuren wiederfinden, lässt nur eine Maxime zu: Überleben. Drogen, Alkohol und jede Menge Waffen schaffen ein chaotisches Milieu, in dem es nur einer falschen Entscheidung bedarf, um für immer das Zeitliche zu segnen. Und davon gibt es im Country Noir genug. Das mag daran liegen, dass die Menschen, die diese Entscheidungen treffen, so gut wie nichts zu verlieren haben – was Autorinnen und Autoren des Genres nicht davon abhält, es darauf ankommen zu lassen. Im Notfall hilft dabei die Polizei, die so willkürlich handelt, dass sie sie sich bei Bedarf als eine Art deus ex machina einsetzen lässt. Oder ein mythisches Element, das nahezu allen Romanen des Genres innewohnt. Mythos lässt sich in diesem Zusammenhang als das Unzivilisierte beschreiben, etwas, das aus der Natur geboren wurde, ein Flüstern in den Sümpfen, dem Wald, den Bergen, eine dunkle Macht, die drohend über allem schwebt. Sie tritt mal in Form von religiösen Kulten, mal in Gestalt von Fabelwesen auf und betont die tierische Seite der menschlichen Existenz. Homo homini lupus.

Country Noir fristete lange Zeit ein Schattendasein. Den Durchbruch verdankt das Genre seinem Namensgeber Daniel Woodrell – und einem Film. Als dessen Werk „Winter’s Bone“ („Winters Knochen“) 2010 in die Kinos kam, wurden nämlich nicht nur seine Bücher aus der Out-of-Print-Vergessenheit gerettet, sondern auch eine nie dagewesene Nachfrage nach ähnlichen Stoffen laut. In Folge dessen konnten Kolleginnen und Kollegen wie Donaldy Ray Pollock („Knockemstiff“), Benjamin Percy („Wölfe der Nacht“) und Tom Franklin („Smonk“), sowie die bereits genannten Bonnie Jo Campbell und Frank Bill mit ihren Büchern kleinere und größere Erfolge feiern. Ihre Geschichten sind in Form und Stil so unterschiedlich, dass man sich herrlich darüber streiten kann, wer von ihnen überhaupt noch diesem Genre zugerechnet werden darf. Letztendlich ist Country Noir daher ein dehnbarer Begriff. Es handelt sich nicht um eine ästhetische Schule, hier gibt es keine poetische Verzerrung, keine aus der sicheren Distanz der gewissen Zukunft erzählte Lagerfeuergeschichte – auch wenn manche Geschichten durchaus wie welche daherkommen. Gehört der großartige David Vann („Im Schatten des Vaters“) noch dazu, dessen trostlose Geschichten zwar nicht von Kriminalität, durchaus aber von emotionalen Verbrechen innerhalb der Familie handeln? Was ist mit Denis Johnson, dessen halluzinogene Werke sich jeder Einordnung verwehren? Und was mit David Peace und seinem „Red Riding“-Quartett, ich meine, der ist doch nicht einmal Amerikaner? Diese Entscheidung muss wohl jeder für sich selbst fällen.

Was am Ende jedes Definitionsversuches übrig bleibt ist ein flexibles Genre ohne klar abgesteckte formale Grenzen, jedoch voller sich wiederholender Inhalte. Country Noir ist ernsthafte, nackte Literatur, die sich in die unterschiedlichsten Gewänder hüllt. Die Schattenseiten der Zivilisation werden in ihr lebendig, in Form von grimmigen, verhärmten Gestalten ohne Zukunft, die den Zeigefinger in den leeren Taschen ausgebleichter Hosen stecken lassen und ihn nur herausholen, um damit den Abzug zu betätigen. Country Noir ist ein Genre wie eine stumme Anklage. Manche würden sagen: Literatur, die man liest um sich schlecht zu fühlen. Ich würde sagen: Literatur, die trotz des Elends, das sie beschreibt, von menschlicher Wärme nur so strotzt. Wenn man sich auf sie einlässt.

Weiterführende Links:

Sonja Hartl – Über Country Noir

Thomas Wörtche – Saboteure am Wertesystem

Peter Huber – Die dunkle Seite der US-Provinz

David Rice – Daniel Woodrell Puts Country Noir on the Map

Court Merrigan – New Genres: Country Noir

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7 Gedanken zu “Country Noir – Versuch einer Annäherung

  1. Oha. Sehr schöner Artikel, der gut erklärt und eine Menge fantastischer Beispiele bringt. Darf ich noch ein Country Noir Favoriten meinerseits hinzufügen? ‚Where All Light Tends To Go‘ von David Joy. Das zieht einem die Stiefel aus, besonders als Hörbuch im amerikanischen Original.

    Gruß,

    Ute vom buchstapelweise Blog

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