Das Evangelium der Schlange

Cash Fürchtet Euch

© Fischer

Ein kleines Bergdorf in North Carolina: Der dreizehnjährige Christopher, der in seinem ganzen Leben noch nie ein Wort gesprochen hat, soll während eines Gottesdienstes in der Kirche von Prediger Carson Chambliss „geheilt“ werden. Sein jüngerer Bruder Jess, dem der Zugang zur Kirche verwehrt wurde, beobachtet das Geschehen durch einen Spalt in der Außenwand des abgedunkelten Gebäudes. Als sich während der Zeremonie plötzlich immer mehr Mitglieder der Gemeinde auf Christopher stürzen und ihn unter sich begraben, ruft Jess lauthals nach seiner Mutter, die scheinbar tatenlos zusieht. Ein folgenschwerer Schrei – denn alle Anwesenden gehen davon aus, gerade die ersten Worte eines vormals stummen Kindes vernommen zu haben. Voll Optimismus und religiösem Eifer unterzieht die Gemeinde den Jungen nochmal einer ähnlichen Prozedur. Nur dass er diese nicht überlebt. Und während das ganze Dorf in Sprachlosigkeit verfällt ist es an Jess, der erneut alles mitangesehen hat, der überhaupt mehr sieht, als er sollte, das Schweigen zu brechen.

Als ich die Hand in den Fluss tauchte, blieb mir fast die Luft weg, so kalt war das Wasser. Ich ließ das Handgelenk ganz locker werden und schlenkerte mit der Hand, so, wie eine Bachforelle in flachem, felsigem Wasser mit dem Schwanz hin und her schlägt, und ich sah, wie das Blut aus meiner Hand in den Fluss rann wie ein roter Rauch, der von einem Lagerfeuer aufsteigt.

Die Lektüre von Wiley Cashs Fürchtet Euch“ bescherte mir direkt zu Beginn ein starkes Déjà-vu-Erlebnis. Als ich vor ein paar Monaten durch „Florida Forever“ zum ersten Mal mit Harry Crews in Kontakt kam, begann ich, mich für dessen weiteres Schaffen zu interessieren. Eines seiner Bücher weckte besonders mein Interesse: „A Feast of Snakes“. Darin geht es um ein Dorf, in dem einmal jährlich eine Art Klapperschlagen-Festival stattfindet. Hunderte Menschen legen dort ihr Leben in die Hand Gottes, indem sie sich ganz bewusst diesen giftigen Tieren aussetzen. Ähnlich gestrickt ist auch die Kirche des selbsternannten Predigers Carson Chambliss. Auch dort geht es um den bedingungslosen Glauben, den man untere anderem beweisen kann, in dem man seine Hand in eine verdächtig zischende und klappernde Kiste steckt. Bleiben zwei Möglichkeiten – entweder hat Cash sich bei Crews inspirieren lassen, was angesichts dessen Status innerhalb der Südstaaten-Literatur nicht ungewöhnlich wäre, oder, so erschreckend das auch sein mag, beide haben sich schlichtweg an der Realität orientiert. Die ein oder andere Crews-Hommage meine ich in diesem Buch trotzdem zu erkennen (Christophers Spitzname ist „Stump“!).

Die Menschen hier in der Gegend können sich an Religion wie an eine Droge klammern,  von der sie nicht mehr lassen wollen, wenn sie erst einmal mit ihr in Berührung gekommen sind.

William Faulkner, Carson McCullers, Harper Lee, Flannery O’Connor und der gerade genannte Harry Crews – sie alle nutzen religiöse Elemente in ihren Geschichten, um damit etwas über die Normen, Werte, die Kultur und die sozialen Missstände der Südstaaten auszusagen. Southern Gothic nennt sich das Genre, in dem sich diese Autorinnen und Autoren tummeln, eine Art magischer Realismus  amerikanischer Prägung. Greg Iles, der dieses Jahr mit „Natchez Burning“ für Aufsehen sorgte, geht sogar noch einen Schritt weiter: „Southern Gothic is alive and well. It’s not just a genre, it is a way of life.” Liest man Autoren wie Joe R. Lansdale oder Daniel Woodrell, schaut man TV-Serien wie „True Detective“, kommt man nicht umhin, ihm zuzustimmen. Auch Wiley Cash dürfte einer der Gründe für diesen Satz sein. Man merkt seinem Buch auf jeder Seite an, in welcher Tradition es steht. Da ist beispielsweise die düstere Kirche, die sich mit Zeitungspapier in den Fenstern von der Außenwelt abschottet. Aber vor allem ist da Carson Chambliss.

Ich schloss die Augen und dachte darüber nach, dass Daddy ein Wunder erst sehen musste, um daran zu glauben, und dann dachte ich, dass das so ähnlich war wie eine Fata Morgana in der Wüste, wenn du vor laut Durst bereit bist, irgendwas zu sehen, das gar nicht da ist, nur weil du es brauchst.

Der Prediger Carson Chambliss verkörpert das Dunkle, die geheimnisvolle Gefahr, die von Gott geschaffene Versuchung. Nicht umsonst umgibt er sich mit Schlangen. Seine Predigten unterscheiden sich drastisch von den Lehren des Christentums, da er sie nach einer einzigen Bibelstelle ausrichtet: „Und durch die, die zum Glauben gekommen sind, werden folgende Zeichen geschehen: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen reden; wenn sie Schlangen anfassen oder tödliches Gift trinken, wird es ihnen nicht schaden; und die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden“ (Markus, 16:17-18). Der Ex-Häftling, dessen halber Körper aus Narbengewebe zu bestehen scheint, ist das, was man sich unter einem biblischen Bösewicht vorstellt. Seine körperliche Versehrtheit verstärkt die angedeutete Crews-Assoziation nur noch mehr. Ein Dämon, der die Menschen in ihrem Glauben prüft. Eine tolle Figur – die leider die einzige, wenn auch vernachlässigbare Schwachstelle des Romans nach sich zieht.

Die Friedhöfe in unserer Gegend liegen alle oben auf den Bergen oder an den Hängen. Daddy meint, die sind wegen dem Regen so weit oben. Er meint, wenn man einen Friedhof unten im Tal anlegt, dann sollte man sich besser darauf gefasst machen, dass nach einem schweren Unwetter Särge die Straße entlangdümpeln.

Die Figur der Schwester Adelaide, die unter dem Banner eines barmherzigen Gottes kämpft, hätte wirklich nicht sein müssen. Die Teile der Geschichte, die aus ihrer Perspektive erzählt sind, schlittern manchmal haarscharf am religiösen Kitsch vorbei. Oder krachen mit Anlauf rein. Sie ist eine Art Mutter Teresa der schutzbedürftigen Kinder, der Gegenpol zu den finsteren Mächten im Dorf. Ihre oft pathetischen Gedankengänge und ihre simple spirituelle Weltanschauung heben sich unangenehm gegenüber dem Rest des Buches ab. Mit einer einfachen Sprache, die unaufhaltsam den Motor der Geschichte füttert, ist Wiley Cash nämlich ansonsten ein hochspannender, fesselnder Roman gelungen. Seine Erzählkunst hat etwas Vertrautes, etwas, dass wir aus den Werken eines Mark Twain kennen und lieben, etwas typisch Amerikanisches. Ich bin gespannt, wie sich dieser junge Autor noch entwickelt. Der Konkurrenz kann man nach der Lektüre seines Debüts jedenfalls nur ein „Fürchtet euch“ mit auf den Weg geben.

“Fürchtet euch” von Wiley Cash ist bei Fischer im Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

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Ein Gedanke zu “Das Evangelium der Schlange

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