Gegen den Strom

Campbell Stromschnellen

© Piper

Margaret Louise Crane, Spitzname „Margo“, lebt mit ihren Eltern am Stark River. Kurz nach ihrem vierzehnten Geburtstag wird sie von ihrer Mutter verlassen, die sowohl das einfache Leben am Fluss als auch ihren Ehemann satt hat. Es ist außerdem das Jahr, in dem Margos geliebter Großvater stirbt und sie während eines Festes ihre erste sexuelle Erfahrung macht – mit ihrem Onkel Cal. Cal will hinterher von nichts wissen, und auch wenn Margo zu diesem Thema beharrlich schweigt, nagt die Geschichte an ihrem Vater. Als er zwei Jahre später der aufgestauten Wut freien Lauf lässt und die Konfrontation sucht, überschlagen sich die Ereignisse: Schüsse fallen, und der Mann, den sie überall in der Gegend nur „Crane“ nennen, liegt am Ende leblos auf dem Steg. Margo flieht und macht sich auf die Suche nach ihrer Mutter. Immer weiter lässt sie sich vom Fluss treiben, hinein in ein neues Leben, ein Leben in der Wildnis Michigans. Von ihrem Vater hat sie gelernt, sich von den Tieren, vom Obst und Gemüse des Landes zu ernähren. Dass man nicht jedem Menschen vertrauen sollte, dem man auf seinen Reisen begegnet, lernt sie dagegen auf die harte Tour.

Es hatte sich herausgestellt, dass Margo seit dem letzten Jahr nicht mehr gewachsen war, deshalb hatte Luanne keine neue Kerbe eingeritzt. „Das war’s dann wohl“, hatte sie gesagt. „Du bist jetzt erwachsen.“

Bonnie Jo Campbell beweist mit ihrem zweiten Roman „Stromschnellen“ erneut, dass sie es meisterhaft versteht, mitreißende Geschichten über authentische, außergewöhnliche Frauenfiguren zu schreiben. Was bei ihrem Lebenslauf niemanden wundern sollte. Aufgewachsen auf einer Farm in Kalamazoo, Michigan, lernte die Autorin früh was es bedeutet, mit und von der Natur zu leben. Ihre Abenteuerlust trieb sie als Tramperin durch die USA und Kanada, als Reiseleiterin mit eigener Firma nach Russland, ins Baltikum, nach Rumänien und Bulgarien, sowie alleine mit dem Fahrrad über die Schweizer Alpen. Sie beherrscht den Umgang mit fernöstlichen Bauernwaffen, reiste zeitweise mit einem Zirkus durchs Land und hat Studienabschlüsse in den Fächern Philosophie, Mathematik und Creative Writing vorzuweisen. Bonnie Jo Campbell veröffentlichte zwei Romane und drei Bände mit Kurzgeschichten, war bereits für den National Book Award nominiert und gilt als eine der bekanntesten Vertreterinnen des Country Noir. Bis heute lebt die Autorin mit ihrem Mann, zwei Eseln und weiteren Tieren noch in Kalamazoo. Genau wie Margo Crane.

Margo wollte den ersten langen Schnitt so schnell wie möglich hinter sich bringen, denn sie wusste, dass es beim dritten Mal nicht einfacher sein würde als beim ersten oder zweiten. Nach diesem Initialschnitt, der ein totes Lebewesen in ein Stück Fleisch verwandelte, würde sie sich besser fühlen. Zu ihrem Erstaunen hatte sie festgestellt, dass das Töten der einfachste Teil war.

Eine Protagonistin wie sie vergisst man nicht so schnell. Margo kann schießen wie der Teufel, zieht Tieren das Fell ab ohne mit der Wimper zu zucken, aber sie ist alles andere als tough. Sie lässt sich von Männern ausnutzen, die in ihr eine Schutzbedürftige erkennen und lernt nur sehr langsam daraus. Sie gibt sich ihnen hin, weil sie Nähe und Geborgenheit sucht, Anschluss, weil sie zwar autark leben möchte, aber nicht alleine, auch wenn sie sich unter Menschen nur selten wohl fühlt. Margos Vorbild ist Annie Oakley. Sie besitzt ein Kinderbuch über diese Kunstschützin aus dem 19. Jahrhundert und möchte genau wie sie ihr Geld mit dem Gewehr verdienen. Ihr Weltbild entstammt vergilbten Papierseiten und den Geschichten ihres Großvaters, sie wirkt mit ihrer mittelalterlichen Lebensweise und ihrer Naturverbundenheit, ihrer Ablehnung des Bildungswesens und dem Glauben an die mündliche Überlieferungstradition wie ein fleischgewordener Anachronismus. Margo Crane zeigt uns die moderne Gesellschaft in Form eines Negativs. Sie ist eine Außenseiterin, ob sie will oder nicht.

„Warum muss bei dir immer alles normal sein?“, fragte Smoke ungewohnt heftig. „Das Leben ist schon so schwer genug … Man kann sich nicht auch noch darum scheren, was normal ist! Lass uns mit deinem gottverdammten normalen Leben in Frieden!“

„Stromschnellen“ ist vor allem ein Buch über die Freiheit, das, wie es auf dem Buchrücken so schön heißt, „Lieblingsideal Amerikas“. Genau genommen geht es um die Freiheit, sein Leben so zu gestalten, wie man es möchte. Sozusagen die private Declaration of Independence. Es stellt die Frage, wie viel Individualität die Masse verträgt und was geschieht, wenn das Recht auf Selbstbestimmung mit anderen Werten und Normen der Zivilgesellschaft kollidiert. Während ihrer Odyssee auf dem Fluss erhält Margo Antworten auf diese Frage. Sie erlebt Menschen, die ihr Leben von den unterschiedlichsten Dingen bestimmen lassen. Vom Alkohol zum Beispiel. Von dem, was sie sich unter der Normalität vorstellen. Von Ihrer Herkunft. Ihrem Geschlecht. Oder von ihren Partnern. Diesen Menschen ist Margo ein Dorn im Auge. Ein schweigsamer Teenager, der unter freiem Himmel lebt und sich weder an die Jagdsaison noch an sonstige Regeln und Vorschriften hält, passt nicht in ihr Weltbild. Warum soll dieses Mädchen sich selbst aussuchen dürfen, wie sie lebt, wenn das dem Rest von ihnen scheinbar verwehrt bleibt?

Sie roch den Fluss in jedem Winkel des Zimmers, in jedem Molekül der Luft, in jeder Pore ihres Körpers. Selbst das Feuer roch nach Fluss, selbst die Flammen.

Im letzten Teil ihres Buches findet die Autorin zu dieser Thematik ein fantastisches Bild. Die Strömung des Stark River, des Flusses, um den herum sich die Zivilisation in der Region gebildet hat, wird an einer bestimmten Stelle zu stark für Margos Boot. Sie kommt nicht mehr dagegen an – und damit nimmt ihre Reise ein Ende.  Bonnie Jo Campbell hat ihre eigene Annie Oakley geschaffen, eine Figur, die im Gedächtnis haften bleibt. Ihr moderner und gleichzeitig rückwärtsgewandter Coming of Age Roman ist Charakterstudie und Abenteuergeschichte in einem. Beim Lesen mag sich dem ein oder anderen der Vergleich zu Daniel Woodrells Bestseller „Winters Knochen“ aufdrängen. Dazu möchte ich  nur so viel sagen: Woodrell mag Campbell was  Sprache und Spannungsbogen angeht, locker in die Tasche stecken. Doch Campbell hat mit Margo Crane die deutlich stärkere Protagonistin geschaffen. Überzeugt euch selbst.

„Stromschnellen“ von Bonnie Jo Campbell ist bei Piper sowohl gebunden als auch im Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Carina von Enzenberg.

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