Fight Club

Bill Geschmack der Gewalt

© Suhrkamp

Selten haben Cover und Titel so gut zu einem Roman gepasst wie bei Frank BillsDer Geschmack der Gewalt“. Man möchte fast sagen: Wie die Faust aufs Auge. Denn die blutige Ansammlung charakteristisch verschränkter Finger, die dem Leser von der Frontseite entgegenschlägt, weckt Erinnerungen, die sich wie warmes Eisen auf die Zunge legen. Und auch der Autor selbst versteht sehr viel vom Spiel mit den Sinneseindrücken. „Donnybrook“, so der ebenfalls passende, wenn auch etwas unspektakuläre Originaltitel, riecht auf jeder Seite nach Ammoniak, nach Schwefel, nach Rauch, Alkohol und menschlichen Ausdünstungen. Man spürt jeden Satz in den Zähnen, man schmeckt Blut, Säure und, nun ja, Gewalt eben. Gute Arbeit, Suhrkamp, der von euch gewählte Titel macht eine ausführliche Rezension beinahe überflüssig. Doch auch wenn die ästhetische Aufmachung durchaus zu überzeugen weiß – ein „schönes“ Buch ist „Der Geschmack der Gewalt“ ganz sicher nicht.

In den USA zur arbeiten bedeutete jetzt offensichtlich nur noch, als kleine Nummer schwarze Zahlen für die Männer zu erwirtschaften, die über einem standen. Und gelang einem das nicht, gab es eine andere kleine Nummer, die es konnte.

In diesem vielstimmigen Roman gibt es allerlei schräge Figuren zu entdecken: Den Familienvater Jarhead, der angesichts der angespannten wirtschaftlichen Lage sein Gehalt mit Bare-knuckle Kämpfen in den Hinterhöfen von Fabriken aufbessert. Oder einen Waffenladen überfällt, in dem es, abgesehen von seiner eigenen, nicht eine einzige geladene Waffe gibt. Die Bare-knuckle Legende Chainsaw Angus, der statt zu kämpfen Meth mit seiner hinterhältigen Schwester kocht, die ihre Liebhaber öfter wechselt als ihre Unterhosen. Einen Apotheker, der ihnen die nötigen Zutaten dafür besorgt. Einen chinesischen Gangsterboss, der den kampferprobten Killer Fu Xi auf jene hetzt, die ihre Schulden nicht bezahlen wollen. Einen Deputy Sheriff, der ein dunkles Familiengeheimnis hütet und diesbezüglich noch eine Rechnung offen hat. Einen Priester, der die Zukunft voraussagen kann. Und schlussendlich den, dem quasi der ganze Laden, eine Landstrich in Southern Indiana, gehört: Bellmont McGill, stinkreicher Sadist und Veranstalter des Donnybrook. Wo alle Fäden zusammenlaufen.

„Brook?“, frage Liz. „Donnybrook“. Wer zum Teufel ist das denn?“ „Kein er, ein Kampf. Blanke Fäuste. Offen für jeden. Kämpfer lieben jegliche Art von Rausch, bevor sie im Ring aufeinandertreffen.“ „Kämpfer? Wir verkaufen Crank an einen Haufen Schläger?“ „Das ist die Idee, im Großen und Ganzen.“

Bare-knuckle Boxen, also Boxen ohne Bandagen und Handschuhe, ist in vielen Ländern der Erde verboten. Es existiert aber in vielen Fällen als Untergrund-Sport weiter. Die illegalen Kämpfe werden regelrecht zelebriert, man betrinkt sich und wettet auf denjenigen von dem man glaubt, dass er am Ende noch steht. Genau das ist auch das Konzept des Donnybrook. Bellmont McGill organisiert jedes Jahr ein großes Fest der bloßen Fäuste, mit dem härtesten Ring des Hinterlands, in dem sich arme Schlucker die Köpfe einschlagen, während andere arme Schlucker, die sich vor lauter Alkohol und Drogen kaum noch auf den Beinen halten können, ihnen zujubeln,. Dem Gewinner winkt ein horrendes Preisgeld. Man kann dort aber nicht einfach hineinspazieren. Im Buch heißt es, man müsse die richtigen Leute kennen, aber das entpuppt sich bei genauerem Hinsehen nur als Teil der Wahrheit. Gewalt ist die eigentliche Eintrittskarte. Dieses Event scheint die Gewalttätigen magnetisch anzuziehen, der Weg dorthin ist mit Blutergüssen und Knochenbrüchen gepflastert. Nur die Härtesten von ihnen haben eine Chance in dieses „Pandämonium“ – so der Titel des abschließenden Kapitels – eingelassen zu werden.  Und damit in das Zentrum einer Welt des Schmerzes.

Das Fleisch des Mannes war verkohlte Götterspeise.  Flat zerrte ihn brüllend aus dem Haus und verfrachtete ihn in den Hof, wo er nun mit wie eine Gottheit ausgebreiteten Armen neben einem verrosteten Dreirad lag.

Es ist schwierig, diesem Roman ein Label aufzudrücken. Country Noir scheint mir noch das passendste zu sein, erzählt Frank Bill doch von einfachen Menschen in baufälligen Hütten, die, von Krieg und Wirtschaftslage gebeutelt, einen ausweglosen Kampf mit einem System kämpfen, dass sie für die Verliererrolle vorgesehen hat. Diese Erzählung umrahmt er außerdem mit einem großen Mythos, der, ganz klassisch, von einem Propheten in Priestergestalt überliefert wird. Was anfangs noch Atmosphäre schafft, wirkt gegen Ende etwas platt und klingt zu sehr nach sozio-romantischer Erlösungsfantasie, Unterschichten-Messias inklusive. Trotzdem kommt man bei der Beschreibung „Der Geschmack der Gewalt“ um das Wort Pulp nicht herum. Alleine wegen der völlig schrägen, reißbrettartig aufs Blatt geschmissenen Charaktere, die wirken wie Figuren aus einem Comic. Oder dem absurd hohen Maß an Drogen, Sex und Gewalt. Hier brennen die Synapsen reihenweise durch und die Körpersäfte fließen in Strömen. Die Hackebeil-Prosa des Autors macht dann den Sack zu. Hauptsatz. Hauptsatz. Faust im Gesicht. Der Stil von Frank Bill erinnert an einen Uppercut. Hart, schnell und präzise schraubt er sich nach oben und fräst sich durch die Handlung. Manchmal schießt er dabei übers Ziel hinaus. Doch er denkt auch an den Leser, dem er immer wieder kleine Inseln in Form von längeren Gesprächen und poetischen Bildern schafft, auf denen er kurz durchatmen kann.

„Wir befinden uns am Beginn eines gewalttätigen Zeitalters“, erklärte Purcell.

„Der Geschmack der Gewalt“ macht höllisch viel Spaß. Ein romangewordener Adrenalinkick. Hier ist beinahe keine Zeile überflüssig, oder, wie es Frank Bill auf seinem Blog verkündet: „I don’t waste words. I write them.“ Man hat allem Irrsinn zum Trotz das Gefühl, eine tiefgehende Erfahrung zu machen, das Gefühl mehr in den Händen zu halten als eine stumpfe Anhäufung sinnloser Szenen, in denen sich verkorkste Rednecks gegenseitig ausrotten. Und das liegt nicht nur daran, dass die Beschreibungen des feucht-fröhlichen Köpfe-Einschlagens aufgrund von Frank Bills Boxerfahrung so authentisch daherkommen. Es liegt vielmehr an den Bruchstücken von Augenblicken, in denen der Autor eine beinahe zärtliche Ader offenbart. Als hätte er für einen Moment Mitleid mit den Figuren und würde bedauern, was er ihnen Seite um Seite antut. Aber Vorsicht: Wer von ihm Besserung erwartet sieht die nächste Gerade nicht kommen, die einen todsicher auf die Bretter schickt.

„Der Geschmack der Gewalt“ von Frank Bill ist bei Suhrkamp in der Reihe Suhrkamp Nova im Premium Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Johann Christoph Maass.

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