Auf der Buchmesse: Der Mittwoch

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8 Uhr 40: Abfahrt in Tübingen. Mit leichtem Gepäck steige ich in den Fernbus, in dem außer mir kaum jemand sitzt. Der Fahrer ist nicht nur etwas schroff, er fährt auch wie ein Besessener, da er nach dem obligatorischen Stau in Stuttgart, der wahrscheinlich bald zum UNESCO Weltkulturerbe zählt, kaum eine Chance hat, die angepeilte Ankunftszeit noch einzuhalten. Mindestens zehn Mal haut er auf die Hupe, um nicht doch noch einen nichtsahnenden PKW überrollen zu müssen. Angst.

12 Uhr 40: Wir kommen doch noch pünktlich an. Ich entscheide mich für den Fußweg zur Messe, weil ich vom letzten Mal noch die Menschenmassen in Erinnerung habe, die um diese Zeit wahrscheinlich gerade U- und S-Bahn verstopfen. Kann ich nur empfehlen. Und das Beste: Es geht immer nur geradeaus, sogar orientierungslose Menschen wie ich können eigentlich nichts falsch machen.

13 Uhr: Ankunft Messe. Sicherheitskontrolle. Nach einem Blick in meinen Rucksack weiß nun auch der Mitarbeiter der Security, welches T-Shirt, welche Unterhose und welche Socken ich morgen tragen werde. Naja, was soll’s. Voller Vorfreude rolle ich auf den Transportbändern zwischen den Hallen herum.

14 Uhr: 4.1, F79. Die Koordinaten meines ersten Treffens. Als ich am Stand vom Polar Verlag ankomme ist Verleger Wolfgang Franßen mit zwei weiteren Herren ins Gespräch vertieft. Die Herren entpuppen sich schnell als Alf Mayer und Marcus Müntefering. Als dann noch Sonja Hartl kurz vorbeischneit ist das erste kleine Krimi-Gipfeltreffen perfekt. Es hagelt Lob (die arktischen Metaphern gab es im Angebot). Alf Mayer lädt mich beim Abschied noch zu einer Lesung in der Wendeltreppe ein, die am gleichen Abend stattfindet. Er liest dort aus Wallace Strobys Kalter Schuss ins Herz. Warum denn nicht? Ich habe sowieso nichts vor.

15 Uhr: Ich streife etwas durch die Halle. Direkt neben dem Polar Verlag finden sich in Gang F Krimiverlage wie Pendragon, Pulp Master und der Alexander Verlag. Parallel dazu stolpert man in Gang E über Liebeskind. Oder diaphanes, an deren Stand ich nach dem Fortbestehen der Penser Pulp Reihe frage. Ich erhalte eine gute und zwei schlechte Nachrichten: Penser Pulp wird eingestellt, da Thomas Wörtche als Herausgeber nicht mehr an Bord ist und man alleine nicht über die Expertise verfügt. Das heißt auch, dass der dritte Dewey Decimal Roman niemals (bei diaphanes, siehe Nachtrag) erscheinen wird. ABER. Zu meiner unendlichen Freude wird es dennoch die vor nunmehr eineinhalb Jahren angekündigte Jerome Charyn Komplettausgabe geben. Vielleicht nicht im Schuber, aber nach und nach werde man die irgendwie veröffentlichen. Charyn schreibe außerdem gerade an einem neuen Buch. Ich möchte tanzen.

Nachtrag: Thomas Wörtche hat mich netterweise darauf hingewiesen, dass der dritte Dewey Decimal voraussichtlich nächstes Jahr beim Polar Verlag erscheinen wird. Wenn das mal keine gute Nachricht ist! 

16 Uhr 30: Martin Schöne liest aus Wolf sieht rot. Ich kenne weder Autor noch Buch, bin aber gekommen um das zu ändern. Außer mir ist nur ein altes Ehepaar da. Er knipst mit seinem Handy unablässig Fotos, sie sitzt unruhig daneben und steht nach fünf Minuten auf um zu gehen. Der Autor kämpft mit der Akustik, redet viel zu leise gegen die Mikrofone der Konkurrenz an, die ein Stimmengewirr von weiter entfernten Ständen herüber transportieren. Er ist sichtlich genervt und scheint nicht bei der Sache zu sein. Am Ende bleibt ein erbärmlicher Zwei-Mann-Applaus, ein Kopfschütteln und ein Roman, an den ich mich kaum erinnere. Irgendein besoffener Tequila-Monolog.

17 Uhr 30: Zweites Treffen, wieder die Leseinsel. Zoë Beck liest hier aus Zigarettenmädchen von Ratih Kumala. Mit Autorin und Entourage im Schlepptau kommt sie an, schüttelt mir kurz die Hand, beschwert sich noch über das nicht vorhandene Publikum und legt los. Immer wieder schaut sie vom Lesepult zu mir herüber, wirft mir Blicke zu, die, wie ich später erfahre, Unmut ausdrücken sollen. Sie hält mich nämlich für den Veranstalter, der, logisch, für die leeren Stühle verantwortlich ist. Als ich das Missverständnis schlussendlich aufklären kann diskutieren wir noch kurz über meine Kritik zu Schwarzblende und gehen auf eine schnelle Zigarette mit Thomas Wörtche nach draußen. Außerdem besprechen wir ein paar Dinge, über die momentan noch nichts verraten möchte. Alles zu seiner Zeit.

18 Uhr 45: Ich nehme die Straßenbahn zum Lokalbahnhof. Irgendwo da in der Nähe müsste die Jugendherberge sein. Die Wegbeschreibung habe ich mir notiert. Sollte kein Problem sein.

19 Uhr 15: Panik! Wo ist dieses Mainufer? Ich irre durch die Straßen, kehre wieder um, gehe in eine andere Himmelsrichtung, kehre um … warum hat man heutzutage eigentlich keinen Kompass mehr dabei? Stimmt, der Rest der Welt hat Smartphones mit Navi.

19 Uhr 30: Bin am Südbahnhof gelandet. Das liegt in der entgegengesetzten Richtung. Nicht, dass ich mich auskenne, aber daran ist die Straßenbahn vorhin vorbeigefahren. Ich springe in ein Taxi und lande auf einer Baustelle. Der Fahrer beschreibt mir geduldig die 30 Meter Fußweg, die noch vor mir liegen. Guter Mann.

19 Uhr 45: Einchecken. Ich lasse mir sicherheitshalber den Weg zur Wendeltreppe beschreiben, immerhin habe ich nur noch 15 Minuten Zeit. Alf Mayer meinte schon, dass es von der Jugendherberge aus ein Katzensprung dorthin wäre, und siehe da, es stimmt. Fünf Minuten später stehe ich vor dem Laden. Aber der Hunger ist stärker, mein knurrender Magen würde momentan das lauteste Sprechorgan übertönen.

19 Uhr 51: Bei der Dönerbude um die Ecke schlinge ich in Rekordzeit ein Falafelsandwich in mich hinein, nur um Punkt Acht tatsächlich in der Buchhandlung auf einen Stuhl zu fallen.

20 Uhr: Was für eine Buchhandlung. Ungläubig wandert mein Blick über die Regale. Was für eine Lesung. Im Wechsel mit den Buchhändlerinnen liest Alf Mayer einige Passagen aus dem Leben der Räuberin Crissa Stone. In den Pausen dazwischen wird lebhaft über Autor, Entstehungsgeschichte und literarische Vorbilder gesprochen. Immer wieder unterbricht eine der Buchhändlerinnen das Gespräch um darüber zu philosophieren, wie man in der heutigen Zeit am besten eine Bank ausrauben kann. Das ist unterhaltsam und manchmal auch etwas irritierend. Ihre Ausführungen sind nämlich so durchdacht, dass man durchaus vermuten könnte, sie hätte etwas Derartiges in Planung. Naja, von mir erfährt keiner was. Eine schöne Veranstaltung jedenfalls. Das Buch muss ich haben.

21 Uhr 30: Kneipe. Mit den Leute von Pendragon und Alf Mayer wird weiterdiskutiert. Über Wallace Stroby und James Lee Burke, Komasaufen und australische Spinnen. Ich würde euch den Laden empfehlen, aber mein Gedächtnis versagt mal wieder. Gegen Mitternacht falle ich in mein Bett.

Fortsetzung folgt …

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2 Gedanken zu “Auf der Buchmesse: Der Mittwoch

  1. Am Donnerstag hatte Zoë Beck und Ratih Kumala dann ein umfangreiches Publikum. Und der Roman hat es auch verdient.
    Der Gang F in 4.1 das ist wirklich ein Schwerpunkt für Liebhaber guter Krimis. Ich hab’s auch mit Bedauern zur Kenntnis genommen, dass bei diaphanes die Penser-Pulp-Reihe nicht fortgesetzt wird.
    Nun wird Thomas Wörtche wohl bald unter anderer Flagge im anspruchvollen Teil der Krimi-Verlagswelt segeln. Mal schauen, was er uns dann zu bieten hat.
    Von Crissa Stone bzw. Wallace Stroby hat mich Alf Meyer übrigens auch überzeugt – bei der recht spärlich besuchten Lesung am Donnerstag.
    Und zu Recht ist die Wendeltreppe eine der bedeutendsten Krimibuchhandlungen Deutschlands!

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