Auf der Buchmesse: Der Donnerstag

Frankfurter_Buchmesse_2011_Bus

2 Uhr: Nehmt nie ein Viererzimmer in der Jugendherberge, wenn ihr keine Ohropax tragen wollt (Ich habe dann immer das Gefühl, mein Kopf würde gleich platzen). Nie. Drei schnarchende Männer geben ein Konzert.

4 Uhr: Nie.

6 Uhr: Einer ist aufgewacht und spielt auf dem Handy. MIT. TON. Wäre es nicht noch eine Stunde bis zum Frühstück, ich würde einfach aufstehen. Stattdessen gebe ich mich den grausamsten Mordfantasien hin und arbeite schon mal an meiner Verteidigung samt ergreifendem Plädoyer. Ich überlege sogar die Geräuschkulisse aufzunehmen. Sicherheitshalber.

9 Uhr: Eine Schulkasse steigt in die ohnehin schon überfüllte Straßenbahn. Zwei Jungs, etwa zehn Jahre alt, die sich den Sitz neben mir teilen, führen folgendes Gespräch:

Junge 1: Warum hängst du schon wieder die ganze Zeit bei mir rum?              

Junge 2: (fängt an zu stottern) DU hast mich doch vorhin … vorhin angequatscht. Ich hab nur … ich hab nur gelesen in der Ecke … warum bist du immer so gemein?

Junge 1: Jetzt nervst du mich wieder (seufzt). Wie jeden Tag.

Wir leben in einer eiskalten Welt.

9 Uhr 30: Die Barbarei ist ausgebrochen. Dabei heißt es immer, die Buchmesse sei eine bedeutende Kulturveranstaltung. Am Einlass ist davon nicht viel zu spüren – dafür spüre ich deutlich die Ellenbogen, die mir von links und rechts in die Rippen gedrückt werden. Man will mich abhängen. Wer auch nur für eine Sekunde stehen bleibt wird gnadenlos von der Masse überrollt. Gut dass ich einen Tag Vorlauf hatte und mich jetzt nicht auch noch orientieren muss. Zeitungen fliegen wie Konfetti durch die Luft.

10 Uhr 30: Gang F. Ich diskutiere mit Frank Nowatzki den Pulp Master Katalog und erfahre dabei allerhand Dinge. Buddy Giovinazzo verschwendet sein Talent ans deutsche Fernsehen. Auf Tom Franklins Smonk müssen wir leider noch eine Weile warten. Dafür gibt es schon erste fertige Seiten von Gerald Kershs Die Toten schauen zu, dem der Verleger augenzwinkernd eine große Leserschaft in Sachsen prophezeit. Mein Gehirn ist noch nicht auf Betriebstemperatur und versteht die Anspielung erst im zweiten Anlauf. Und auch wenn ich ewig so weiterplaudern könnte – ich muss weiter.

11 Uhr: Treffen mit Sonja Hartl. Ein Wunder, dass das überhaupt geklappt hat, wenn ich mir anhöre, wie voll ihr Terminkalender ist. Ich erfahre etwas über einen irischen Krimiautor, dessen Namen direkt irgendwo in den Untiefen meines Hirns verschwindet, und darüber, wie sie sich neben dem Festivalhopping ihre Brötchen verdient. Außerdem verrät sie mir, dass sie Die Götter von Bankstown von P.M. Newton schon gelesen hat, was mich etwas neidisch werden lässt. Und dann ist sie auch schon wieder weg, die Pflicht ruft. Gott, bin ich müde.

12 Uhr: Das wird euch jetzt vielleicht überraschen, aber ich lese gar nicht ausschließlich Krimis. Auch wenn ich zugegebenermaßen in letzter Zeit kaum zu etwas anderem komme – mein Krimi-Regal ist nur halb so groß wie das mit den restlichen Romanen. Einer meiner Lieblingsschriftsteller ist Clemens Setz, der gerade am Stand der ZEIT mit Feuilleton-Chef Iljoma Mangold ein Gespräch führt. Es ist zum Totlachen. Ich habe Setz noch nie live erlebt, aber erst ist mir auf Anhieb sympathisch und sein neues Buch, Die Stunde zwischen Frau und Gitarre, erscheint mir trotz der 1000 Seiten plötzlich wie ein federleichter, psychologisch kluger und überaus witziger Roman. Mir war ohnehin klar, dass er früher oder später den Weg ins Regal finden würde. Die Veranstaltung ist jedenfalls ein Highlight, hoffentlich wird hinterher ein Video davon veröffentlicht. Kameras waren immerhin zugegen.

13 Uhr: Am Fischer-Stand werfe ich verstohlen einen Blick in Die Unantastbaren von Richard Price. Ich bin sofort hin und weg und vergesse für einen Moment das rege Treiben um mich herum. Um nach einem Leseexemplar zu fragen fehlt mir allerdings die Kraft. Eine riesige Menschentraube hat die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verlags in Beschlag genommen und das Geflecht aus ineinander verkeilten Gliedmaßen scheint undurchdringbar.

14 Uhr: Ich hatte erwartet, Friedrich Ani am Stand der WELT anzutreffen. Ein typischer Fall von „Pech gehabt“. Entweder wurde die Veranstaltung verschoben, oder, was wahrscheinlicher ist, ich war beim Notieren des Termins nicht so richtig bei der Sache. Schade. Der namenlose Tag ist nämlich eine Wucht.

15 Uhr 30: Ich suche jetzt seit eineinhalb Stunden den Atrium-Stand. Hatte mir nämlich vorgenommen, denen noch für die Veröffentlichung von Sam Millars True Crime zu gratulieren, das mich dieses Jahr vielleicht am meisten beeindruckt hat. Aber nichts da. Immer wieder schaue ich die Standnummer nach, schleppe meinen müden Körper von Halle zu Halle und ignoriere  die aufkommenden Krämpfe. Einmal lande ich zwischen irgendwelchen Mangaständen und Kinderspielzeug, ein anderes Mal möchte mir ein junger Mann eine christliche Zeitschrift andrehen, der sich hinterher als Atheist herausstellt. Aber wo ist dieser Stand?

16 Uhr 30: Langsam wird es eng. Mein Bus fährt schon in zwei Stunden. Naja, ich habe alle Hallen abgeklappert, bleibt nur noch eine. Die Standnummer müsste F125 lauteten. F 119. Gar nicht mehr so weit. F 121. Das ist hier wie mit den Hausnummern. Ungerade auf der einen, gerade auf der anderen Seite. F 123. Dann das: F 127. Was bitte? Bin ich etwa Harry Potter? Muss ich jetzt zwischen F 123 und F127 gegen die Wand rennen um zum Stand vom Atrium Verlag zu kommen? Ohne mich. Wahrscheinlich habe ich den Stand vorhin irgendwo übersehen, aber meine Beine machen endgültig schlapp. Ich muss mich mal hinsetzen, sonst schaffe ich es nachher nicht mal mehr zum Bahnhof.

17 Uhr 30: Immer noch todmüde schlurfe ich zum Ausgang. Die Endgültigkeit dieses Abschieds lässt mich wehmütig werden, während ich mich langsam wieder in der normalen Welt einfinde. In der es regnet.

18 Uhr: Was für Perlen die hier haben! In einer Buchhandlung für Modernes Antiquariat am Hauptbahnhof staube ich ein paar englische Bücher ab, unter anderem Goat Mountain von David Vann, das ich unbedingt endlich mal lesen möchte. Vielleicht klappt es ja auf der Heimfahrt. Wobei. Eher nicht. Meine Augen fallen schon beim Laufen zu.

18 Uhr 40: Eigentlich sollte der Bus jetzt da sein. Ist er aber nicht. Dafür regnet es in Strömen und meine Schuhe sind komplett durchgeweicht. Glücklicherweise gibt es nämlich keine Möglichkeit zum Unterstellen, man kann die Schlechtwetterfront also so richtig genießen.

19 Uhr: Mit zwanzig Minuten Verspätung rollt der Bus endlich an. Ich hieve eine alte Frau die zugegebenermaßen ziemlich hohe Treppe hoch, der auf halber Strecke die Kraft ausgeht. Dann falle ich in meinen Sitz und auch das ständige in-den-Rücken-treten meines Hintermanns kann mich nicht lange wach halten. Gute Nacht.

Dank für eine tolle Buchmesse gebührt im Besonderen Wolfgang Franßen, Alf Mayer, Marcus Müntefering, Sonja Hartl, Zoë Beck, Frank Nowatzki sowie Günther Butkus und seinem Team für die netten Gespräche, den Buchhändlerinnen von der „Wendeltreppe“ für die hilfreichen Hinweise zum Thema Banküberfall, den Azubistro-Leuten für Tee und Muffins, dem netten Taxifahrer und dem kompetenten Herrn an der Rezeption der Jugendherberge für die nötige Orientierungshilfe sowie, last but not least, den Erkältungsviren, die netterweise bis nach der Messe damit gewartet haben, meinen Körper in Besitz zu nehmen. Auf bald! 

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3 Gedanken zu “Auf der Buchmesse: Der Donnerstag

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