Auf eine Wurst mit Handke

Ani Der namenlose Tag

© Suhrkamp

Ludwig Winther will nicht glauben, dass sich seine siebzehnjährige Tochter einfach so umgebracht haben soll. Auch zwanzig Jahre danach nicht. Deshalb klingelt er bei Jakob Franck, dem Beamten, der seiner mittlerweile ebenfalls verstorbenen Frau damals die traurige Nachricht vom Tod ihres Kindes überbrachte. Franck ist zwar mittlerweile in Rente, verspricht aber bei einem langen Gespräch und ein paar Schnäpsen sich die Sache noch einmal genauer anzuschauen. Und während der pensionierte Polizist in die Vergangenheit aufbricht, vernimmt der aufmerksame Leser noch eine weitere, kindliche Stimme. Ein kleiner Junge schildert wie ein Streit zwischen seinen Eltern eskaliert und seine Mutter leblos zu Boden sackt, erschlagen vom eigenen Mann. Wie er zusammengekauert hinter der Couch sitzt und lauscht, mucksmäuschenstill, als wäre er gar nicht wirklich dort.  Man ahnt es schon: Diese beiden Fälle stehen auf irgendeine Weise in Verbindung. Nur auf welche?

Die Toten hielten sich nicht an den Tag der Toten; sie kamen, wann immer es ihnen passte, und sie blieben über Nacht, manchmal zu zweit – meist einer allein –, als hätten sie verabredet, einander weder Raum noch Zeit zu stehlen, oder aus Respekt vor der Würde des anderen.

Zwei Jahre sind seit dem großartigen „M“, dem mittlerweile neunzehnten Teil von Friedrich Anis beliebter Reihe um den Ermittler Tabor Süden, vergangen. Manchmal vergisst man sogar, dass der Autor zwischenzeitlich immer wieder versuchte, weitere Serienfiguren zu etablieren. Mal ehrlich – wer redet heute noch von seinen Büchern mit dem ehemaligen Mönch Polonius Fischer? Oder denen mit dem blinden Hauptkommissar Jonas Vogel? Niemand? Niemand. Ani ist Süden, Süden ist Ani, so einfach ist das. Das hält den Münchener natürlich nicht davon ab, einen weiteren Kandidaten ins Rennen zu schicken. Und nach den nicht ganz 300 Seiten von „Der namenlose Tag“ kommt man zu dem Schluss, dass Jakob Franck wohl nicht so schnell aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden wird wie seine beiden Kollegen vor ihm. Ani ist eine erinnerungswürdige Figur gelungen, die zwar die Handlung nicht alleine trägt, deren Charakter, ja deren pure Anwesenheit jedoch ein tragfähiges Konstrukt liefert, auf dem sich die Erzählung ausbreiten kann.

Die Aufklärung eines Mordes oder zwielichtigen Todes bedeutete, dass ein Kommissar das Recht hatte, die Welt des Menschen, der gewaltsam gestorben war, von Grund auf zu erschüttern und deren Bewohnern so lange mit unnachgiebiger Genauigkeit ihre Gewohnheiten zu entreißen, bis sie nackt in der Kälte standen und sich ihrer Erbärmlichkeit bewusst wurden.

Jakob Franck ist ein Medium im wörtlichen Sinne. Er existiert im Zwischen. Die Toten sitzen an seinem Tisch und lassen sich auf Tee und Kekse einladen, er spricht sogar mit ihnen. Lebendige Menschen dagegen kommen in seiner Realität kaum noch vor. Auch als Polizist war er ein Medium. Keiner vermochte es so gut wie er, Todesnachrichten an die betroffene Verwandtschaft zu übermitteln, was dazu führte, dass er diese gemeinhin als unangenehm angesehene Aufgabe bald für das ganze Präsidium erledigen durfte. Es veränderte ihn, machte ihn zum Einsiedler, kostete ihn schließlich sogar die Ehefrau. Es lehrte ihn aber auch einiges über die Menschen, machte ihn zu einer Art Therapeuten für die Verlorenen. Und in dieser Rolle bestreitet er auch sein erstes Abenteuer. Im Grunde geht es ihm nämlich nicht darum, irgendwelche Fälle aufzuklären. Er möchte nur den Hinterbliebenen helfen, das Geschehene zu verarbeiten, damit die Toten endlich Ruhe finden können.

In den Augen dieses Mannes, dachte Franck, nistet der schwarze Vogel Einsamkeit, den er aufgrund so unendlich vieler Begegnungen mit vom Schicksal seelisch verunstalteten Menschen kannte.

Man kann sich die Kapitel wie einzelne Therapiesitzungen vorstellen. Jakob Franck sucht all jene auf, die damals mit der Familie der Verstorbenen in Kontakt standen und bittet sie zum Einzelgespräch. Auf den ersten Blick wirkt das wie die Erzählstruktur klassischer Whodunnit-Romane – man hört alle Seiten und kommt dann zu einem logischen Schluss. Nicht so bei Friedrich Ani. Sein Ermittler blickt seinen Gesprächspartnern ohne Umweg in die Seele hinab und fördert allerlei verdrängte Erinnerungen zutage, hilft damit aber eher seinem Gegenüber als sich selbst. Er findet während seiner Nachforschungen sogar Zeit für die  Andeutung einer zarten Romanze mit einer lebensmüden Frau, die sich, wie Franck selbst, schon mit einem Bein im Reich der Toten befindet. Nichts für Adrenalinjunkies also. Auch „Der namenlose Tag“ liefert stattdessen wieder reichlich Nährboden für die typischen Kommentare, von wegen Ani sei ein Grübler, ein Depressiver, ein gefühlsduseliger Befindlichkeitsautor, der für Frauen und empfindsame Männer schreibe. Geschenkt. Vor allem aber, und das stellt er auch hier wieder unter Beweis, ist er ein ganz großer Stilist.

Mehr und mehr mutete Franck dieser in einzigen Tonlage aus ihrem Mund strömende Klagelaut wie der Gesang des letzten Menschen auf Erden an, der keinen Schatten mehr warf und sich an nichts mehr erinnerte, außer an den Geschmack von Stachelbeeren in einer mondlosen Nacht vor abertausend Jahren.

Friedrich Anis Sätze sind zum Niederknien. Trotz seines erdrückenden Outputs tanzt der Vielschreiber mit den Worten wie kein anderer und lässt sie auf den Seiten seines Romans Pirouette nach Pirouette drehen. Die Handlung ist Nebensache, man will nur noch diesem Erzähler lauschen, der mit kleinen Gesten von der großen Freiheit erzählt, nur um sich dann bei einer Nichtigkeit wie einem Senfklecks an einen großen österreichischen Schriftsteller erinnert zu fühlen. „Der namenlose Tag“ ist ein fantastischer Roman der ebenso von seiner lyrischen Leichtfüßigkeit wie von der Menschenkenntnis seines Autors lebt. Mit viel Wärme führt dieser uns durch seine düstere, bisweilen niederschlagende Geschichte und hält uns an, die Hoffnung nicht bereits vor der letzten Seite aufzugeben. Am Ende fragt man sich als Leser: Lese ich noch Ani, oder liest Ani schon mich? Ganz egal wie es sich verhält, Jakob Franck darf gerne für ein paar weitere Romane dieses Kalibers wiederkommen. Solange er noch unter den Lebenden wandelt natürlich. Die Toten sollten nämlich bleiben wo sie sind.

„Der namenlose Tag“ von Friedrich Ani ist gerade bei Suhrkamp als Hardcover erschienen.

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