Winter in Oslo

Nesbo Der Auftrag

© Ullstein

Leserinnen und Leser, bitte anschnallen, wir begeben uns auf die Meta-Ebene. Der norwegische Erfolgsautor Jo Nesbø, der weltweit bereits Millionen von Büchern absetzen konnte, schreibt neuerdings unter dem Pseudonym Tom Johansen. So weit so unspektakulär. Nun dient dieses Pseudonym aber nicht etwa der Verschleierung seiner wahren Identität, sondern ist lediglich das Produkt eines Identifikationsversuchs des Autors mit einem seiner Charaktere. Man könnte auch sagen: Eines seiner Bücher ist ihm ausgelaufen. Tom Johansen ist nämlich der Protagonist eines bisher unveröffentlichten Romans Nesbøs, ein Schriftsteller, dem nach einer langen Durststrecke und etlichen Gelegenheitsjobs endlich der Durchbruch gelingt. Eine Figur, dessen Schaffen ihren Schöpfer so sehr interessierte, dass ihm scheinbar nur die Metamorphose übrig blieb. Für seinen neuen Zweiteiler wird aus Nesbø daher Johansen, und auch wenn sich in der deutschen Ausgabe von „Blood on Snow: Der Auftrag“ leider kein Hinweis darauf findet, ist das eine verdammt ungewöhnliche Entstehungsgeschichte.

Ich weiß nicht viel über Schnee – und auch sonst nur wenig –, aber irgendwo habe ich gelesen, dass Schneekristalle, die sich bei extremer Kälte bilden, ganz anders sind als die von Schneematsch oder Graupel. Die Struktur der Kristalle und die Trockenheit des kalten Schnees sorgen dafür, dass das Hämoglobin im Blut seine tiefrote Farbe behält.

Olav ist ein Profikiller, weil er sonst nicht wirklich etwas kann. Zumindest glaubt er das. Als er den Auftrag erhält, die Frau seines Chefs zu töten, erscheint ihm das daher wie ein völlig normaler Job – bis er sein Ziel zum ersten Mal durch ein Fernglas beobachtet und sich sofort verliebt. Nun wäre das alleine sicherlich schon Dilemma genug, wäre da nicht auch noch ein ebenso geheimnisvoller wie gewalttätiger Liebhaber, der zwischen Olav und seiner Angebeteten steht und die Sache damit zusätzlich verkompliziert. Was also tun? Die holde Maid im Alleingang retten und die Widersacher zur Strecke bringen? Oder doch lieber den größten Konkurrenten des Chefs, einen Bandenführer, den sie alle nur den Fischer nennen, um Hilfe bitten, getreu dem Motto: Der Feind deines Feindes ist dein Freund? Es bleibt ohnehin kaum Zeit zum Überlegen, denn Olavs Auftraggeber beginnt sich langsam zu fragen, was der sonst so zuverlässige Killer eigentlich die ganze Zeit über treibt. Eine Entscheidung muss her.

Ich schloss die Lider und spürte den Countdown, eine Feder, die gespannt wurde, ein Tropfen, der noch zitternd an einem Eiszapfen hing. Dann war der Augenblick da.

Olav entspricht ganz und gar nicht dem Bild, dass man sich gemeinhin von einem kaltblütigen Auftragsmörder macht. Er hat ein simples Gemüt, ein geringes Selbstwertgefühl, liest gerne und ist zudem ein hoffnungsloser Romantiker. Seine Unsicherheit sowie sein negatives Selbstbild führen allerdings dazu, dass er seine wahren Gefühle, seine Liebe zu einer einfachen Verkäuferin verdrängt und sich stattdessen in aussichtslose Beziehungen mit vom Leben gezeichneten Frauen stürzt. Und ganz nebenbei, als bräuchte es noch eine Portion Metaebene obendrauf, ist er auch noch ein äußerst unzuverlässiger Erzähler. Was in seinem Kopf stattfindet und was außerhalb davon ist teilweise nur schwer zu unterscheiden. Man möchte fast Mitleid haben mit diesem netten, wenn auch gewaltbereiten Zeitgenossen, der sowohl mit seiner Aufgabe als auch mit seinen Emotionen heillos überfordert ist. Bis einem auffällt, dass in der Hand, an der man ihn nehmen möchte, schon eine Knarre steckt.

Also, zusammenfassend lässt sich sagen, dass ich es nicht schaffe, langsam zu fahren, dass ich weich wie Butter bin, mich viel zu schnell verliebe und den Kopf verliere, wenn ich in Wut gerate. Und dass ich schlecht in Mathe bin.

Schon nach den ersten Seiten bemerkt man, dass man es hier mit einem ungewohnt poetischen Jo Nesbø zu tun hat. Man stößt bei der Lektüre andauernd auf Sätze, die man dem Norweger in dieser Form gar nicht zugetraut hätte. Sie sind geprägt von einer Melancholie, für die in den Harry Hole Romanen nur ganz selten Platz war und die sich, wenn sie überhaupt mal anklang, in der allgemeinen Brutalität und der Abgebrühtheit des Protagonisten auflöste. Die klare, reduzierte, oftmals verspielte Sprache von „Blood on Snow: Der Auftrag“ stellt ohne Frage einen stilistischen Höhepunkt in Nesbøs Schriftstellerkarriere dar. Die übergestülpte Identität scheint dem Norweger gut zu bekommen. Diese neu entdeckte romantische Ader bedeutet jedoch nicht, dass er seine Figuren nicht wie gewohnt im Affenzahn eine rasante Storyline entlangpeitscht. Das Nesbø’sche Mahlwerk funktioniert auch unter anderem Namen einwandfrei wie eh und je.

Ich starrte in eine Welt, die ohne Sinn war, ohne Zusammenhang, die nicht mehr war als das verzweifelte Leben der Leben, die wir zugeteilt bekommen hatten, die zwanghafte Befriedigung jeder noch so kranken Begierde, das Betäuben der Angst vor der Einsamkeit und der Todeskampf, der schlagartig beginnt, wenn wir erkennen, wie vergänglich wir sind.

Nach Dave Zeltersmans „Killer“ und Colum Mackays „Der Killer hat das letzte Wort“ setzt sich nun also auch Nesbø mit dem professionellen Töten auseinander – und macht dabei eine hervorragende Figur. Ihm gelingt ein temporeicher Thriller, der zwar einige alteingesessene Fans irritieren dürfte, durch seine bestechende literarische Qualität und seinem experimentellen Charakter allerdings auch jene anzusprechen vermag, die mit dem zuletzt doch ziemlich blutleeren Harry Hole bisher nichts anfangen konnten. Ein in vieler Hinsicht spannendes Buch also, an dem sich der ewige Oscar-Kandidat Leonardo DiCaprio direkt die Filmrechte sicherte. Bleibt nur noch abzuwarten, wie die Geschichte weitergeht. Bekannt ist bisher lediglich dass der Protagonist im zweiten Teil ein Geldeintreiber namens Ulf sein wird. Welche losen Enden „Blood on Snow: Das Versteck“ darüber hinaus aufgreift ist unklar. Im Februar wissen wir mehr.

„Blood on Snow: Der Auftrag“ ist bei Ullstein als Klappenbroschur erschienen. Die Übersetzung aus dem Norwegischen stammt von Günther Frauenlob.

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4 Gedanken zu “Winter in Oslo

  1. Sehr schöne Besprechung! Nesbø steht zwar bei mir mehrfach im Regal, ward bisher aber noch nicht von mir gelesen. Und mangels Zeit und riesigem SUB komm ich auch irgendwie nicht dazu. Werde seinen Namen aber definitiv weiter nach oben auf der Liste rücken, dann jedoch zuerst mit der Harry-Hole-Reihe beginnen.

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      • „Headhunter“ werde ich erstmal liegen lassen, da ich den Film (und damit Story und deren Ausgang) schon kenne. „Blood on Snow“ klingt allerdings wirklich verführerisch. Mal sehen. Als nächster Krimi ist jetzt erstmal „Kalter Schuss ins Herz“ von Wallace Stroby an der Reihe.

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  2. Pingback: Sendung vom 01.11.2015 | Der Schneemann

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