Sheriff’s back in town

James Lee Burke

© James Lee Burke

Wir befinden uns kurz vor dem Ende des texanischen Unabhängigkeitskrieges: Am 27. März 1836 statuiert der mexikanische General Santa Ana an 342 Gefangenen aus Texas ein Exempel. Nur wenige können dieser Hinrichtung entkommen, die später als das „Massaker von Goliad“ in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Einer von ihnen ist William Burke. Dem Ur-Ur-Großvater des Autors James Lee Burke gelingt mit der Hilfe einer mexikanischen Prostituierten die Flucht zurück zu den eigenen Truppen. Die Texaner gewinnen die entscheidende Schlacht und General Santa Ana findet den Tod. William Burke überlebt auch diesmal.

James Lee Burke wird am 5. Dezember 1936 in Houston, Texas geboren. Seine Eltern, eine Sekretärin und ein Erdgasingenieur, stammen eigentlich aus New Iberia Loiusiana, einem Ort, der für James seit seiner frühesten Kindheit ein Zuhause darstellt. Als er 18 Jahre alt ist stirbt sein Vater bei einem Autounfall.

1955 schreibt James sich mit 19 Jahren am Southwestern Louisiana Institute in Lafayette ein. Sein Englischprofessor Lyle Williams ermuntert ihn dazu, eigene Geschichten zu schreiben. Er hilft ihm bei der Korrektur seiner Texte, da er überzeugt davon ist, dass sich hinter den Unmengen von Schreibfehlern ein großes erzählerisches Talent verbirgt. Noch im selben Jahr wird Burkes erste Kurzgeschichte veröffentlicht.

Eigentlich will James Lee Burke im Anschluss Journalismus studieren. Doch als er an der University of Missouri ankommt, wo er seine spätere Ehefrau Pearl kennenlernt, studiert er stattdessen Creative Writing. Seinen ersten Roman, „Half of Paradise“, beendet er noch in seinem Abschlussjahr 1960. Erst fünf Jahre später wird das Buch endlich gedruckt und erhält eine euphorische Kritik in der New York Times. Der junge Debütant wird mit renommierten Autoren wie William Faulkner, Ernest Hemingway und Thomas Hardy verglichen. Trotzdem wird „To the Bright and Shining Sun“, sein zweiter Roman, weitere fünf Jahre später von vierzehn Verlagshäusern abgelehnt. Und auch dieses Buch wird letztendlich ein Erfolg. Erst bei seinem dritten Roman verlässt James Lee Burke das Glück. „Lay Down My Sword and Shield“, ein Roman um einen Sherriff mit dem Namen Hackberry Holland, wird von der Presse in der Luft zerrissen.

14 Jahre lang versucht James Lee Burke daraufhin seinen vierten Roman an den Mann zu bringen. „The Lost Get-Back Boogie“ hält mit 111 bestätigten Absagen bis heute den Rekord des meistabgelehnten Buches in der Verlagsgeschichte New Yorks. Burke ist mittlerweile Vater von vier Kindern – und außerdem Alkoholiker. Er ist mit dem Familienleben überfordert, seine einstigen Erfolge sind längst aus den Buchhandlungen verschwunden und werden nicht mehr gedruckt. Burke schafft es zwar mit der Unterstützung einer Selbsthilfegruppe seine Sucht zu besiegen, doch die Verlage wollen weiterhin nichts von ihm wissen. Er hält sich mit Jobs als LKW-Fahrer, Lehrer, Reporter und Sozialarbeiter über Wasser.

Bis James Lee Burke 1985 eine Sammlung von Kurzgeschichten an die Louisiana University Press schickt, die zu seiner Rehabilitation als Autor führt. Ein Jahr später erscheint dort dann tatsächlich „The Lost Get-Back Boogie“. Ironischerweise wird das Buch mit Lob überhäuft und  sogar für den Pulitzer Preis nominiert.

1984 macht James Lee Burke einen schicksalsträchtigen Angelausflug mit seinem Freund und Schriftstellerkollegen Rick DeMarinis.  Dieser schlägt ihm vor, es doch zur Abwechslung mal mit einem Krimi zu versuchen. Drei Jahre später erscheint „Neonregen“, der erste Roman mit dem Polizisten Dave Robicheaux und seinen Partner Cletus Purcel. Es ist der Beginn einer Reihe, die Burke nicht nur noch berühmter macht, sondern ihm außerdem als bisher einzigem Autor zwei der begehrten Edgar Awards für den besten Kriminalroman des Jahres einbringt.

Schreiben wird zu seinem Hauptberuf und seine Familie ist endlich finanziell abgesichert. James Lee Burke wird zu einer festen Größe des Genres, nach der Meinung mancher Kollegen und Kritiker sogar zum größten Krimiautoren des gesamten Landes. Millionen von Menschen auf der ganzen Welt lesen plötzlich seine Bücher.

Auch heute noch schreibt James Lee Burke Kriminalromane – und ausgerechnet die Figur, die ihn damals in den Ruin trieb, sorgt momentan dafür, dass dieser großartige Autor hierzulande neu entdeckt wird: Sheriff Hackberry Holland. Dessen Rückkehr im beim Henye Verlag veröffentlichten Roman „Regengötter“ brachte ihm zuletzt den Deutschen Krimipreis in der Kategorie International ein. Im Hause Pendragon ließ man dahingegen dieses Jahr Burkes langjährigen Begleiter Dave Robicheaux wiederauferstehen. Letztendlich ist es jedoch egal, mit welchem Buch oder welcher Figur man seine Eintrittskarte in den Burk’schen Kosmos löst. Es erwarten einen schlicht ein paar der besten Werke, die das Genre zu bieten hat.

Dieser Beitrag wurde in der Sendung vom 11.01.2015 gesendet. 

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17 Gedanken zu “Sheriff’s back in town

  1. Chapeau, das gerade James Lee Burke hier so ausführlich gewürdigt wird. Habe im Verbund mit Günther Butkus vom Pendragon Verlag und mit Matthias Naegele von Heyne Hardcore lange im Hintergrund daran gearbeitet, ihn in Deutschland wieder salonfähig zu machen. (Die Auswahl der Titel war nicht ganz so einfach. Und auch die Rechte wollten erstmal an Land gezogen werden) Der Erfolg von „Regengötter“ bestätigt, dass wir auf das richtige Pferd gesetzt haben. Für mich allerdings auch keine Überraschung – James Lee Burke ist für das Non-Plus-Ultra im Spannungsbereich.

    Apropos Pendragon – Im Frühjahr 2016 wird dort die Übersetzung von „Dixie City Jam“ erscheinen (vermutlich unter dem Titel „Mississippi Jam“ – steht noch nicht ganz fest). Bei ausreichendem Verkaufserfolg – hier sind die Krimi-Kenner gefragt – soll im Herbst die Wiederauflage von „Neonregen“ folgen.

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    • Hatte letztens das Vergnügnen ausführlich mit Günther darüber zu sprechen. Wenn es nach mir ginge hätte „Neonregen“ den Vorzug bekommen, einfach um auch Robicheaux-Neulinge dort abzuholen, wo sie stehen. Aber klar, solange man gezwungen ist, eine Kraut-und-Rüben-Reihenfolge bei der Veröffentlichungspolitik zu fahren ist es wahrscheinlich sowieso egal.

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      • Dann warst du wahrscheinlich wie ich bei Günther und Eike am Stand auf der Buchmesse. 😉 – Ja, habe ihm gegenüber auch bemerkt, dass ich „Neonregen“ zuerst wiederveröffentlicht hätte. Die Verlagsagenten scheinen da aber anderer Ansicht zu sein. Wenigstens bleibt er bei „Dixie City Jam“ jetzt nicht beim Titel „Das verfluchte Wrack“. Das passt dann doch zu einem Clive Cussler-Roman. – Aber ich will nicht meckern: Lange war Robicheaux komplett von der Bildfläche verschwunden. Ich hoffe, dass sich Burke jetzt mal länger in Deutschland etablieren kann. Das Heyne parallel die Hackberry Hollands rausbringt (und demnächst „Wayfaring Stranger“), kommt Pendragon natürlich entgegen.

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      • Ich habs nur kurz an den Stand geschafft, war dann aber glücklicherweise mit Günther, Eike und Co. bei der Stroby-Lesung in der „Wendeltreppe“ und danach gings noch auf zwei, drei Biere irgendwo hin. Dabei ging es dann eben u.a. um den kommenden Robicheaux. Ich bin zugegebenermaßen einer, der von der neuen Burke-Welle profitiert. Da ich mich erst seit eineinhalb Jahren mit dem Kriminalroman beschäftige war mir der Mann vor „Regengötter“ schlicht unbekannt. Als „Non-Plus-Ultra im Spannungsbereich“ würde ich ihn zwar nicht bezeichnen, aber er gehört sicher zur Oberliga.

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      • Ach, die „Wendeltreppe“. Traum eines jeden Krimi-Fans, Albtraum meiner Geldbörse. 😉 Wusste gar nicht, dass Stroby da vorgelesen hat. Ich war am Freitag auf der Messe, hab die üblichen Verdächtigen besucht und mich dann abends aber auf den Weg nach Hause gemacht. Sonst wäre es wohl wieder ein feuchtfröhlicher Abend mit dem Polar-Verlag-Team geworden. – „Regengötter“ ist nicht die Referenz. Ein guter Burke, aber weit entfernt von seinen besten Werken. Wenn du ihrer habhaft werden kannst oder bis Wiederveröffentlichung wartest, lies „Neonregen“, „Black Cherry Blues“ oder „Im Dunkel des Deltas“. Ganz großes Kino! Da darf sich Burke ungeniert neben Faulkner, Steinbeck und Co. einreihen.

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      • Danke, hab sie schon im Auge, werde aber angesichts der aktuellen Preislage wohl auf die Originale ausweichen. Die Stroby Lesung war schon am Mittwoch, der gute Mann konnte allerdings nicht selbst vor Ort sein, daher haben Alf Mayer und die Buchhändlerinnen das Lesen übernommen 😉

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      • Ja, ich hab da auch etwas tiefer in die Tasche greifen müssen. Damals war eine Wiederveröffentlichung nicht absehbar und ich wollt nicht länger warten. Originale kaufen fange ich erst gar nicht an – mein Regal platzt so schon aus allen Nähten. 😀 – Stimmt, Alf Mayer hat den Stroby ja auch übersetzt. Gab da bei FB auch ein Foto von ihm und Günther. Ich habe gerade mit „Kalter Schuss ins Herz“ angefangen. Gefällt mir bisher ganz gut.

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    • War eben etwas wegen des Begriffs Wiederauflage bei „Neonregen“ verwirrt, denn soooo vergriffen ist die Robicheaux-Reihe ja nun auch wieder nicht hierzulande. Jedenfalls nicht, wenn man auch eBooks liest. Edel hat da ja schon vergangenes Jahr elf oder zwölf Robicheaux-Fälle herausgebracht. Durch die fräse ich mich seit dem Wochenende begeistert – und zwar schön chronologisch. 😉

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      • Ja, den E-Book Markt denke ich da noch zu wenig mit, bin aber ehrlich gesagt auch erst vor ein paar Tagen zufällig auf die Titel aufmerksam geworden. Gute Sache auf jeden Fall und mit Sicherheit eine kostengünstige Alternative. Da werde ich mir wohl mal endlich einen Reader anschaffen müssen…

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      • Kann ich nur empfehlen. Das Ding rechnet sich bei Viellesern recht schnell – und im Urlaub hat man nicht so viel Gepäck. 😉 Mal ganz davon abgesehen, dass das in Sachen James Lee Burke tatsächlich ein enormer Vorteil ist.

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      • Stimmt. Die eBooks vergesse ich immer, da ich damit absolut nix anfangen kann. Aber du hast Recht – dank Edel sind die dort bereits schon etwas länger wieder lieferbar. Ich warte dann dennoch aufs haptische Vergnügen. 🙂

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      • Klar, eBooks sind nicht für jeden was. Die Haptik geht da ganz eindeutig flöten. Ich persönlich mag meinen Reader aus meinem Leseleben allerdings nicht mehr wegdenken, zumal mir die Haptik auch nicht so wichtig ist. Hängt wohl aber auch mit meinem Alltag zusammen: ich sitze viel in der Bahn. Wenn ich dran denke, dass ich all die Bücher mitschleppen müsste …

        Aber ich will hier auch gar nicht das Fass Buch vs. eBook aufmachen, sondern wollte nur ne Alternative aufzeigen, dass man auf die Robicheaux-Bücher nicht unbedingt warten muss, wenn man nicht will – und auch gerne mal eBooks liest.

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      • So unterschiedlich sind die Geschmäcker. Gemeinsam mit meiner Freundin habe ich in den letzten Jahren eine Sammlung von ca. 5000 Büchern (davon ca. 3000 Krimis) aufgebaut und würde die nie gegen 5000 eBooks tauschen wollen. Bin auch zweieinhalb Jahre lang mit Bahn gependelt (ein Weg ca. 2 h 45) und hatte immer zwei Bücher dabei. Bei der langen Fahrt konnte ich auch dementsprechend viel lesen. 😉 Ein E-Reader hab ich nie vermisst. Selbiges gilt für den Urlaub. Es kommt natürlich auch hinzu, dass ich mich als Buchhändler alter Schule verstehe. Und der sieht den Sinn hinter den eBooks nicht. Nur weil man mir Bedarf suggeriert (wie auch bei Smartphones), habe ich noch lange keinen. – Aber wie du schon sagst. Alles Geschmackssache. Im Fall Robichaeux war Edels Handeln ein Segen für die Leser. Die Reihe war einfach schon viel zu lange vergriffen. Ich hoffe trotzdem, dass auch Pendragon entsprechend Zuspruch erfährt, um nach und nach die gesamte Reihe veröffentlichen zu können.

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