50 Shades of Rain

Nakamura Dieb

© Diogenes

Nishimura verdient sich seinen Unterhalt durch Stehlen. Wenn er durch die Einkaufsstraßen Tokios oder eine prall gefüllte U-Bahn streunert, sind seine schlanken Hände nur einen unachtsamen Augenblick davon entfernt, auf artistische Art und Weise in die Hand- oder Manteltaschen seiner Mitmenschen zu gleiten. Dabei ist er jedoch stets darauf bedacht nur diejenigen zu beklauen, die ihm wohlhabend oder sonst irgendwie unsympathisch erscheinen. Auf seinen Streifzügen hält er außerdem nach seinem Freund und ehemaligem Mentor und Partner-in-Crime Ishikawa Ausschau. Vor einigen Jahren hatten sie ein letztes großes Ding gedreht, das sie finanziell absichern sollte. Der Yakuza-Boss Kizaki rekrutierte sie für einen Raubüberfall auf einen Politiker, bei dem in Wahrheit brisante Dokumente erbeutet werden sollten. Am Ende lief alles anders als geplant und Nishimura musste seine Heimat für eine Weile hinter sich lassen. Doch nun ist er wieder in der Stadt und jagt seiner Vergangenheit hinter – nur dass diese ihm schon längst hämisch lachend im Nacken sitzt.

Ich widerstand der Versuchung, nochmals über meine Schulter zu blicken, und dachte, dass es besser gewesen wäre, gar nicht erst hierherzukommen.

Der Dieb“ von Fuminori Nakamura ist ein moderner Robin Hood Roman. Doch seinem Protagonisten geht es nur oberflächlich betrachtet darum, den Reichen dieser Welt zu schaden. Nishimura stiehlt nicht um des Geldes willen, auch nicht wegen der Ungerechtigkeit der Welt – er stiehlt um der Kunst des Stehlens willen. Für ihn ist jeder Diebstahl ein magischer Vorgang, ein Zaubertrick, Nervenkitzel und Verzückung zugleich. Nur in diesen surrealen Momenten kann er seine fundamentale Traurigkeit für einen Moment ablegen. Sonst erfährt der Leser so gut wie nichts von ihm. Nishimura ist ein Straßenkind ohne Vergangenheit, ein einsamer Mann, dem der einzige Freund genommen wurde und der ziellos auf eine ungewisse Zukunft zusteuert. Trotz allem ist Nishimura jedoch eine moralische Figur. In einer rauhen Umgebung hat er sich seine Empfindsamkeit bewahrt, er ist zu Mitgefühl fähig und folgt einem strikten inneren Kodex. Das macht ihn verletzbar.

„Aber wenn es keinen Besitz gäbe, gäbe es auch keinen Diebstahl. Logisch, oder? Solange auch nur ein einziges Kind auf dieser Welt Hunger leiden muss, ist jeder Besitz Diebstahl.“ „Quatsch, damit können wir uns doch nicht rechtfertigen.“ „Das soll keine Rechtfertigung sein. Aber weißt du, ich kann diese eingebildeten Typen, die sich für Wohltäter halten, nicht ausstehen.“

Beim Einkaufen im Supermarkt beobachtet Nishimura einen Jungen, der auf Geheiß seiner Mutter diverse Lebensmittel klaut. Als die Ladendetektivin den Jungen bemerkt, warnt er das Duo vor und rettet sie so vor einer Strafe. Bei seinem nächsten Einkauf sieht er den Jungen erneut, diesmal alleine. Der Dieb nimmt ihn unter seine Fittiche und bringt ihm einige seiner Tricks bei. Mit der Zeit entwickelt sich zwischen den beiden eine Vater-Sohn-Beziehung. Nishimura erkennt sich selbst in dem Jungen wieder und versucht zu verhindern, dass dieser ein trostloses Leben im Milieu führen muss, dass ihm als Sohn einer Prostituierten, der sich in seiner Freizeit mit einem erwachsenen Dieb herumtreibt, schon so gut wie vorherbestimmt ist. Doch dann greift der Yakuza Kizaki wieder ins Geschehen ein. Er krallt sich Nishimura erneut, um ihn vor drei herkulische Aufgaben zu stellen. Der Deal ist ganz einfach: Gelingt es ihm nicht, den Gangsterboss zufrieden zu stellen, muss er sterben. Und nicht nur er.

Wenn ich die Wahl hatte, entschied ich mich stets für die Veränderung, das heißt für den Weg, der mich von der Welt entfernte.

Wie das Kratzen auf einer Schiefertafel wirkt der vulgäre Ton, der mit dem Antagonisten in die meditativ-melancholische Stille des Romans poltert. Kizaki ist ein Sadist, der aufgrund seiner Position im kriminellen Milieu ungestört seine Allmachtsphantasien ausleben kann. Dabei interessiert ihn die Politik nur in untergeordnetem Maße, sie ist nicht mehr als ein bloßer Vorwand. Er geilt sich schlicht an dem Gedanken auf, das Schicksal anderer Menschen bestimmen zu können. Der Dieb Nishimura ist das Bauernopfer in seinem perversen Spiel, bei dem es dem Yakuza-Boss nur darum geht, diese Fantasie in die Tat umzusetzen. Man hat als Leser das Gefühl, in einem anderen Roman festzusitzen. Diese neue Figur ist laut, geschwätzig und geschmacklos und will so gar nicht zu der lyrischen Prosa passen, die Fuminori Nakamura bis dahin aufs Papier gebracht hat. Doch mit der Irritation hält auch eine ungemeine Spannung Einzug in die Geschichte. Das liegt einerseits an der Faszination, die von dem schrägen Gangster Kizaki ausgeht, vor allem aber daran, dass sie sich plötzlich auf ein Ende zubewegt.

Tief in ihren müden Augen fing es an zu leuchten. Langsam drehte sie sich um und starrte ungeniert auf das Geld, als wäre ich nicht da. In dem Moment schien sie wie von einem hellen Licht umgeben.

„Der Dieb“ ist klassischer Noir. Das erkennt man natürlich an dem Umstand, dass es unaufhörlich regnet. Oder vielleicht doch daran, dass jede Regung des Protagonisten nur ein hilfloses Aufbäumen gegen die Mächte darstellt, die sein Leben von Anfang an bestimmen. Tokio ist groß und unbarmherzig, eine seelenlose Großstadt voller bunter Lichter, wie wir sie etwa aus Sofia Coppolas Lost in Translation kennen. Die Geschichte, die sich ohnehin meist in geschlossenen Räumen abspielt, bleibt aber eine universelle. Es ist die Variation eines alten Liedes, das nicht nur in Kriminalromanen immer wieder gerne gesungen wird. Der Japaner Fuminori Nakamura behauptet sich in der Königsdisziplin des Genres und entpuppt sich als einer der spannendsten Autoren, die es in diesem Bücherherbst zu entdecken gibt. Oder anders formuliert. „Der Dieb“ ist wie Luc Bessons Meisterwerk Léon der Profi, nur dass Jean Reno jetzt Japaner ist und klaut anstatt zu morden. Ach ja, Natalie Portman wurde durch einen kleinen Jungen ersetzt. Wer könnte da wiederstehen?

„Der Dieb“ von Fuminori Nakamura ist gerade bei Diogenes im Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Japanischen stammt von Thomas Eggenberg.

Advertisements

6 Gedanken zu “50 Shades of Rain

  1. Bei dem Profi Léon gehe ich mit, aber einen modernen Robin Hood-Roman habe ich beim Lesen von „Der Dieb“ eigentlich nicht vorgefunden. 😉 Habe ich aber schon in vielen Rezensionen gelesen, ist wohl Interpretationssache. 😀 Trotz allem ein toll erzähltes Buch, ich mochte die Bedeutung des Turms sehr!

    Gefällt 1 Person

    • Vielleicht ist das kein Robin Hood im klassischen Sinne, aber ich habe ja auch versucht, zu differenzieren. ich meine damit, dass er seinen Verbrechen einen Kodex voranstellt, der sich an dem sozialen Status seiner potentiellen Opfer orientiert. Und auch der zweite Schritt Richtung Robin Hood, die ausgleichende Gerechtigkeit, kommt zum Tragen, wenn er seinen Reichtum mit den Unprivilegierten teilt (Das muss so abstrakt, ich will ja nicht spoilern). Aber wie du schon sagst, Interpretationssache.

      Gefällt mir

      • Ja, eben, kommt auch sicher darauf, wie man Robin Hood im Einzelnen sieht, der ist ja durch viele Geschichten gereicht und dabei immer ein wenig gewandelt worden. 🙂

        Gefällt mir

  2. Pingback: Sendung vom 01.11.2015 | Der Schneemann

  3. Pingback: Sonntagsfrühstück mit dem Krimi-Spezial vom Freitag (2) | Der Schneemann

  4. Pingback: Meine 10 Lieblingskrimis 2015 | Der Schneemann

Diesen Artikel kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s