Der Geschmack von Honig

Hutzulak Tödliches Ende

© Septime

Er hatte seiner Ex-Frau doch alles erklären wollen. Warum er damals ohne ein Wort zu sagen weggehen musste zum Beispiel. Doch jetzt liegt Stance nach einer wilden Nacht tot im schäbigen Hotelzimmer ihrer besten Freundin Tanya, mit jeder Menge Alkohol und einer Überdosis Schmerzmittel im Blut. Tanya, völlig aufgedreht, schwirrt, getrieben von Ekel und Faszination gleichermaßen, ziellos um ihren toten One Night Stand herum. Überfordert von der Situation holt sie sich Hilfe von einem ihrer Liebhaber. Und während die beiden überlegen, wie sie die Leiche am besten verschwinden lassen können, fällt Stance auf, dass er entgegen jeder Wahrscheinlichkeit immer noch bei vollem Bewusstsein ist. Als sein lebloser Körper nach draußen gehievt wird, bleibt er in dem leeren Raum zurück. Nur, dass der gar nicht leer ist. Ein alter Mann sitzt auf einem Stuhl in der Ecke und bittet ihn, in einen weißen Overall zu schlüpfen. Ehe Stance sich versieht sitzt er auf dem Beifahrersitz eines LKWs und ist auf dem Weg … ja, wohin eigentlich?

Eine Wohnung aus den Fünfzigern, Parkettböden, Einbauschränke und so weiter, eigentlich ganz okay – bis auf die braune, seidenartige Tapete im Wohnzimmer, die ihn aus irgendeinem Grund deprimiert hatte. Es war ihm vorgekommen, als stünde man in einer Raucherlunge.

Ein wunderschön tödliches Ende“ ist das erste Buch des Kanadiers Clint Hutzulak. In der Literatur- und Kunstszene seines Heimatlandes machte das in Ottowa lebende Multitalent bereits als Herausgeber einer Zeitschrift, als Kurator für Veranstaltungen in den Bereichen Spoken Word, Sound Poetry und Performance Art, als Grafikdesigner sowie als Autor von Theaterstücken und Kurzgeschichten von sich reden. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass er sich auch bei seinem Romandebüt nicht nur aufs Schreiben beschränkt. Clint Hutzulak bietet seinen Lesern die Möglichkeit, die Leseerfahrung durch einen eigens für sein Buch produzierten Soundtrack zu intensivieren. Zusammen mit befreundeten Musikern bildete er das „Clint Hutzulak Project“ und spielte eine rein instrumentale Platte namens „The Beautiful Dead End: Point Mort“ (Eine Kombination aus Originaltitel und Titel der französischen Übersetzung) ein. Das Ergebnis, ein atmosphärischer, nach Jamsession klingender Klangteppich, lässt sich sowohl auf der Website des Autors, als auch auf der des österreichischen Septime Verlags erwerben. Oder direkt auf Soundcloud, wo man auch ein kleinen Vorgeschmack bekommt.

Er drückte den Abzug und der Schaft des Gewehrs knallte hart gegen ihn zurück, die herausgeschleuderte Patronenhülse ein verschwommener Lichtklecks. Blind, eine flockige Schwärze, die sich auflöste, dann das grüne Nachbild des Mündungsfeuers negativ gedruckt auf seiner Retina.

Stance, wir ahnen es, befindet sich trotz seines wachen Verstandes längst nicht mehr in unserer Welt. Er existiert irgendwo dazwischen und landet schließlich im Limbus, einem Vorraum des Totenreichs in Form einer unscheinbaren Jagdhütte, wo er sich einigen unangenehmen Fragen stellen muss. War die Überdosis wirklich ein Unfall? Oder doch eher der finale Akt eines langwierigen Selbstmordversuchs in Etappen? Was genau hatte er eigentlich getan, dass er damals Hals über Kopf aus der Stadt hatte fliehen müssen? Stance muss eine umfangreiche Lebensbeichte ablegen, seine Akte füllen, damit der Verwaltungsapparat seine Arbeit verrichten kann – denn wie jeder, der einmal einen Vormittag in dem Räumlichkeiten einer Behörde verbracht hat, weiß: Das Jüngste Gericht findet am Schreibtisch statt. Nur dass es damit noch nicht getan ist. Wie Ebeneezer Scrooge in Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte muss er sich mit den Konsequenzen seines Handelns auseinandersetzen, indem man sie ihm vor Augen führt. Es geht ein letztes Mal zurück in die Welt der Lebenden.

Wir sind nicht die Polizei, sagt sie. All das ist vorbei. Sie macht eine wegwerfende Handbewegung. Dieses ganze Leben – vorbei. Es ist also nichts mehr übrig als wir hier, und die Wahrheit wird ausgesprochen werden.

Das Weltbild, dass Clint Hutzulaks Roman zugrunde liegt, ist ein zutiefst Nordamerikanisches. Ihm geht es nicht darum, hilflose Menschen zu zeigen, deren Schicksal durch die grausame Welt in der sie leben determiniert ist.  Es geht ihm auch nicht um eine tiefenpsychologische Auslotung der Charaktere, um das Bestimmen der Fremdfaktoren, die für ihren Werdegang verantwortlich sind. In „Ein wunderschön tödliches Ende“ gilt das Individuum noch als seines eigenen Glückes – oder Unglückes – Schmied. Trotz der metaphysischen Ebene ist die höchste Macht des Romans die der menschlichen Fähigkeit zur freien Entscheidung. Und die draus resultierende Verantwortung. Der Autor stellt sich und seinen Lesern die Frage, was den einen Menschen am Leben hält, während ein anderer bereit ist, seines einfach wegzuwerfen. Statt sich aber an einer wie auch immer gearteten Antwort zu überheben hüllt er sich lieber in Schweigen, bis irgendwann nur noch ihr Echo zu hören ist.

Er hatte keinen Anteil an der Vergangenheit, keinen Anteil an der Zukunft. Sein Kopf tickte wie eine Uhr, zählte zurück zu einem unsichtbaren Raum in der Mitte seines Brustkorbs, dem Nullpunkt der Stille.

Auf den ersten Blick bietet es sich an, diesen modernen existentialistischen Roman mit Werken wie „Geschlossene Gesellschaft“ oder „Das Spiel ist aus“ zu vergleichen, denn auch hier findet sich der Protagonist in einer Variation der Vorhölle wieder und blickt auf die Irrwege seines Lebens zurück. Doch im Gegensatz zu Jean-Paul-Sartre bewahrt sich Hutzulak die Hoffnung, dass der Mensch zur Erkenntnis fähig ist und nicht nur nach den immer gleichen Mustern zur Hölle fährt – obgleich es auch bei ihm keine zweite Chance im eigentlichen Sinne gibt. Was beide jedoch gemeinsam haben ist die klare Trennung von gedanklicher und stofflicher Realität. Überlegungen und Worte nutzen nichts, wenn sie sich nicht in irgendeiner Form manifestieren. Ob sie dies in dem versprochenen wunderschön tödlichen Ende tun möchte ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen. Einen Blick wert ist dieser ganz und gar ungewöhnliche Roman jedoch in jedem Fall. Selten wurde das Übernatürliche so wunderbar alltäglich geschildert. Man könnte fast meinen, das Leben sei das eigentliche Mysterium.

„Ein wunderschön tödliches Ende“ ist bei Septime im Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem kanadischen Englisch stammt von Elvira Bittner.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Der Geschmack von Honig

  1. Pingback: Sendung vom 01.11.2015 | Der Schneemann

Diesen Artikel kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s