Sonntagsfrühstück mit dem Krimi-Spezial vom Freitag (2)

Freitag Krimi SpezialVon wegen Sonntagsfrühstück. Der Titel ist mehr Nostalgie und roter Faden als Tatsachenbeschreibung, denn das letzte Wochenende war derart mit Terminen vollgestopft, dass es, man kann es gar nicht anders sagen, seinen Zweck verfehlt hat. Ich habe sogar den Geburtstag dieser Seite verschlafen. Korrekt wäre daher eigentlich „Montagsmittagessen mit dem Krimi-Spezial vom Freitag“. Für mehr als Tiefkühlpizza hat es zwar letztlich nicht gereicht, aber wir sind hier auch nicht auf Instagram. Schauen wir uns doch lieber an, was das kunterbunte Autorenteam zur aktuellen Kriminalliteratur zu sagen hat. Vielleicht springt ja wieder ein Bier für mich raus.

Schorlau schützende Hand

© KiWi

Lukas Latz nimmt sich mit Wolfgang Schorlaus neustem Dengler-Krimi „Die schützende Hand“ dem ebenso kontroversen wie medial kaum noch präsentem Thema NSU an. Wer Schorlau kennt weiß, dass er es durchaus versteht, gesellschaftliche Relevanz mit Spannung zu verbinden. So auch hier. Kritikwürdig findet Latz allerdings das Frauenbild des Autors, der ausgerechnet in einem Roman, der sich klar gegen rechtes Gedankengut positioniert, mit Plattitüden und rückständigen Männerfantasien aufwartet. Ebenso undifferenziert geht er laut Latz teilweise mit den USA ins Gericht. Er verfehlt den Anspruch, kritisch zu hinterfragen und rutscht in antiamerikanische Ressentiments ab. Dann doch lieber „Staatsaffäre NSU“ von Hajo Funke, der sich kenntnisreich mit der Rolle des Verfassungsschutzes auseinandersetzt. Das fällt zwar streng genommen in die Kategorie Sachbuch, liest sich aber, so Lukas Latz, wie ein Krimi.

Moody Spion Jazz

© Polar

Aktuell lese ich „Der Spion, der Jazz liebte“ von Bill Moody und musste daher die ganze Zeit nicken, während ich Joachim Feldmanns Besprechung dazu gelesen habe. Hat sicherlich komisch ausgesehen, war aber niemand da, der hätte lachen können. Feldmann widmet sich ausgiebig der Entstehungsgeschichte des Buches, also dem Pech des Autors, der mit den Verlagen so seine Probleme hatte. Zudem verrät er uns, dass der Titel (auch im Original) den Leser an der Nase herumführt. Hier geht es erstens um einen Jazzmusiker, der spioniert und zweitens hat der weniger mit James Bond gemein, als die Anspielung auf „Der Spion, der mich liebte“ vermuten lässt. Sei’s drum. Das Buch ist laut Feldmann (und mir) äußerst lesenswert. Als Spionageroman klassisch, in den Passagen, in denen es um Jazz geht, pures Gold.

einzlkind Billy

© Insel

Mit „Billy“ von Einzlkind setzt sich Timon Karl Kaleyta auseinander. Zuerst beleuchtet er allerdings den Autor – oder besser gesagt den Mythos. Was weiß man schon über Einzlkind, außer dass er kein Videorekorder ist? Am Ende bleibt für Kaleyta die Frage, ob dieser Mann einfach nur Humor hat, oder weiß, wie man sich gewinnbringend inszeniert. Die Geschichte ist selbst ist im Vergleich zu ihrem Schöpfer weitestgehend banal. Was innovativ anfängt entpuppt sich, so Kaleyta, als Ausflug in die flachen Wasser der Küchentischphilosophie, irgendwo zwischen Kurzweil und Fragezeichen. Hört sich für mich an wie ein Tarantino für die Generation tumblr. Darf ich das mit Mitte Zwanzig überhaupt schon denken?

Ani Der namenlose Tag

© Suhrkamp

Den neuen Friedrich Ani habe ich schon gelesen, und wie Eva Erdmann bin ich der Meinung, dass dem Autor mit seinem neuen Ermittler Jakob Franck eine Figur gelungen ist, die seine bisherigen Versuche, irgendjemanden neben Tabor Süden zu etablieren, in den Schatten stellt. Eingebettet in ein Gespräch, dass sie mit Ani führen dürfte, erzählt sie in wunderschönen Worten, warum „Der namenlose Tag“ in jedes Bücherregal gehört. Interessant fand ich dabei zwei Dinge: Ihre Perspektive auf das Buch – sie sieht in dem kleinen Jungen, dem die ersten Seiten gehören, die heimliche Hauptfigur – und die großartig geschriebene Liebeserklärung an selbiges. Wer Adjektive wie „langatmig“ und „humorlos“ als Kompliment verkaufen kann, kann alles.

Kerr wintertransfer

© Tropen

Marcus Müntefering hat mit Philipp Kerr über dessen Fußball-Thriller „Wintertransfer“ gesprochen. Eine Warnung vornweg: Wer mit Fußball nichts anfange kann, der kann getrost die Hälfte des Gesprächs überfliegen, es kommen nämlich gegen Ende auch noch Fragen zur Bernie Gunther Reihe. Außerdem verrät der Autor, wer den Fußball erfunden hat, warum er überhaupt erfunden werden musste und ob es sich tatsächlich lohnt, die Biographien von Fußballern zu lesen. Ein lebendiges Gespräch, das auch mich als Sonntagsfußballer sehr gut unterhalten hat. Auf das Buch werde ich trotzdem verzichten, es gibt noch so viel zu lesen …

Sieben Jahre Nacht

© Unionsverlag

Lektüre für Frank-Witzel-Fans“ – so umschreibt Ekkehard KnörerSieben Jahre Nacht“ von Jeong Yu-jeong. Da darf man sich schon fragen, ob es tatsächlich so viele Witzelianer gibt, wie Knörer behauptet, denn diejenigen, die ihn erst mit der Verleihung des Buchpreises kennenlernten, dürften immer noch an seinem Wälzer zu knabbern haben. Aber es ging ja eigentlich um Jeong Yu-jeong. Knörer stört der Stephen King Vergleich, mit dem der Unionsverlag wirbt. Seiner Meinung nach hat der Autor nicht nur wenig Kingschen Thrill anzubieten, sondern sich auch an seinem Buch überhoben. Er wolle einfach viel zu viel. So wird die Erzählung, diese literaturgewordene Rekonstruktion einer Tat laut Knörer zum schwer fassbaren Spiel mit Zeiten und Ebenen, das einen unbefriedigt zurücklässt.

Alias Toller

© Transit

Gestern hatte ich noch „Alias Toller“ von Ulrich Effenhauser in der Hand, heute lese ich dann die Besprechung von Jochen Vogt und bin genauso unschlüssig wie zuvor, ob ich zugreifen soll. Was man Vogt nicht vorwerfen kann. Er lobt den dokumentarischen Charakter dieser fiktionalisierten, aber in ihrem Kern wahren Geschichte und freut sich über das authentische Bild, dass der Autor von den 70er Jahren zeichnet. Trotz allem gibt es jedoch auch einige überflüssige Passagen, so Vogt, der vor allem gerne auf eine Liebesgeschichte verzichtet hätte. Immerhin erfahre ich aus diesem Artikel noch, dass John le Carré angeblich an seinem letzten Roman arbeitet. Ich warte wohl lieber auf den.

Nakamura Dieb

© Diogenes

Thomas Wörtche hat sich ein Buch rausgepickt, dass er bereits für den Leichenberg besprochen hat: „Der Dieb“ von Fuminori Nakamura. Das Buch erinnert ihn stark an die Filme eines Melville oder eines Bresson, aber auch er spürt einen Hauch von Luc Bessons „Léon der Profi“, was bei ihm wiederum zu dem Schluss führt, dass wir es hier möglicherweise mit einer Hommage an den französischen „film noir“ zu tun haben könnten. Im Gegensatz zu mir erlebt Wörtche das Auftreten des Yakuza-Bosses Kizaki als Schwäche des Romans, sieht in dem Abgleiten in die Ideenwelt des Marquis de Sade eine zwar interessante Idee, mit der es sich Nakamura aber letztlich zu einfach machen würde. Außerdem habe ich dank Thomas Wörtche ein neues Wort gelernt: evasiv. Der Duden sagt, das bedeutet „vermeidend“ bzw. „ausweichend“. Now you know.

Otter Karkloof Blue

© Argument

Wieder ein bekanntes Gesicht. Anne Kuhlmeyer nimmt sich „Karkloof Blue“ von Charlotte Otter zur Brust. Ein Südafrika-Krimi der anderen Sorte, der sich nicht nur mit den Problemen des Landes, sondern auch mit dem Phänomen des Greenwashing auseinandersetzt. Kuhlmeyer beschreibt ausführlich die Eckpunkte der Handlung, erzählt von der Journalistin, die gegen jede Vernunft und unter größter Gefahr den Umweltsündern auf die Schliche kommen will. Darüber hinaus bietet der Roman ihrer Meinung nach genau das, was wiederum meiner Meinung nach nahezu alle Bücher der Reihe Ariadne Kriminalroman auszeichnet: Starke, ambivalente Frauenfiguren und ein politisch brisantes Thema. Neu war mir allerdings, dass Charlotte Otter mit ihrer Familie mittlerweile in Heidelberg lebt. Es besteht also die Chance, sie mal lesen zu hören.

Das barmherzige Fallbeil von Fred Vargas

© Limes

Zum Schluss lässt Thekla DannenbergDas barmherzige Fallbeil“ niedersausen. Ihr Artikel macht mir riesige Lust, meine Wissenslücke in Sachen Fred Vargas endlich mal zu schließen. Nicht nur, weil Dannenberg ein Wildschein für die beste Figur ihres neusten Romans hält, sondern auch wegen der Ausnahmestellung, die sie, und das lässt sich einfach nicht leugnen, in der Kriminalliteratur einnimmt. Ihre Werke seine, so Thekla Dannenberg, stellen sich nicht nur „gegen Fantasielosigkeit und Anpassung“, sie würden sich auch in einem ganz eigenem Genre, dem „polar poétique“, bewegen. Ich bin sowas von angefixt. Danke dafür.

Hab ich was vergessen? Ach ja, das Bild der Ausgabe stammt aus „Wenn es Nacht wird. Verbrechen in New York 1910-1920“ von Wilfried Kaute und Joe Bausch. Nachdem ich bei Richard Price gesehen habe, was Großartiges aus solchen Bildern entstehen kann, überlege ich auch darauf mal einen Blick zu werfen. Nach Voyeurismus sieht mir das nämlich nicht aus. Oder was meint ihr?

Wenn es Nacht wird

© Emons

So, jetzt aber nichts wie zum Kiosk, vielleicht haben die ja tatsächlich noch eine Ausgabe rumliegen. Es lohnt sich. Wer das nicht mehr schafft: Einen Teil der Texte gibt es bereits online.

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2 Gedanken zu “Sonntagsfrühstück mit dem Krimi-Spezial vom Freitag (2)

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