Als wäre man dabei gewesen

Colize Back Up

© Nautilus

Wir schreiben das Jahr 1967. Kurz nach der Aufnahme eines neuen Songs kommen alle vier Mitglieder der Band „Pearl Harbor“ auf tragische Weise ums Leben: Drogenüberdosis, Selbstmord, ertrunken im Hotelpool, am eigenen Erbrochenen erstickt – Rockstars eben. Ein irischer Journalist will nicht an einen Zufall glauben und stürzt sich in die Recherchearbeit. Zeitsprung. 2010. Ein vermeintlicher Obdachloser liegt nach einem schweren Verkehrsunfall im Bett eines Brüsseler Krankenhauses und schweigt sich aus. Er leidet unter dem sogenannten „Locked-In-Syndrom“. Erst als ein motivierter Pfleger sich des Patienten annimmt, beginnt dieser sich langsam und auf kryptische Art und Weise mitzuteilen – mithilfe seiner Augen. Während das Krankenhauspersonal daraufhin fieberhaft versucht, seine wirren Nachrichten zu entschlüsseln, erinnert der zur Bewegungslosigkeit verdammte Mann sich an ein bewegtes Leben als Musiker in den schäbigsten Clubs und gigantischsten Hallen von London, Paris, New York und Berlin.

Ich habe nie gewusst, wer der erste echte Rock-‘n‘ Roll-Musiker war oder wie das erste Rockstück hieß. Ich habe mich nie in diese Diskussion eingemischt. Für mich war der erste Rock-‘n‘-Roll-Song Maybellene von Chuck Berry. So einfach ist das.

Der belgische Autor Paul Colize wirft für „Back Up“ die Zeitmaschine an. Er nimmt uns mit in die wilden Jahre des Rock’n‘Roll, als ein einzelner Track noch Leben veränderte und Instrumente mit Hingabe auf den Bühnen dieser Welt zerschmettert wurden. Der Geschmack von Freiheit, die Ländergrenzen sprengende Euphorie, das Gefühl, Musik allein reiche aus, die Welt zu einen, ja gar zu einem besseren Ort zu machen, springt einem auf jeder der knapp 350 Seiten entgegen. Oh, was für legendäre Konzerte wir besuchen dürfen! Der namenlose, in seinem eigenen Körper gefangene Erzähler schleift uns durch die Musikszene verschiedener Metropolen und gibt uns das Gefühl, immer am Puls der damaligen Zeit zu sein. Ein euphorischer Rausch, ein luzides Taumeln, gefolgt von einem intensiver Kater. Denn wenn die Lichter im Konzertsaal angehen, hält die Realität Einzug in den Roman. Drogen, Gewalt und die Angst vor dem Atomschlag bestimmen das Klima in den Metropolen dieser Welt.

Als die letzten Besucher längst den Saal verlassen hatten, saß ich immer noch wie angenagelt auf meinem Sitz. Ich wollte diesen Moment auskosten bis zur allerletzten Millisekunde. Ich wusste, dass von nun an nichts mehr so sein würde wie vorher.

Der Namen der Band verrät es ja schon: „Back Up“ hat auch eine politische Dimension. Es geht im Roman neben der Musik auch um das Trauma von Vietnam, um die Angst vor dem Untergang im Zuge des Kalten Krieges, um das Bewusstsein, die letzten Tage der Menschheit mitzuerleben. Das schafft eine dichte Atmosphäre und dient dem Roman als Unterlage, wirklich verhandelt werden diese Themen darüber hinaus aber nicht. Sie sind Gesprächsstoff durchzechter Nächte, werden in vernebelten Gehirnen verarbeitet und bilden den Nährstoff für so manch abenteuerliche Verschwörungstheorie – von denen jedoch keine gegen den Wahnwitz der erzählerischen Realität ankommt. Denn Paul Colize verknüpft staatliche Drogenexperimente und Mythen der Popkultur zu einer fiktiven CIA-Operation, die selbst ein regierungskritischer Hippie mit Kifferpsychose sich nicht besser hätte ausdenken können. Ein Augenzwinkern, das uns vor allem eines sagen möchte: Dass wir es hier nicht mit einem dieser Bücher zu tun haben, die sich selbst zu ernst nehmen.

Mein Vater redete immer nur vom Krieg. Er meinte nicht den Krieg, den ich mit meiner Geburt beendet hatte, sondern dem, der bevorstand, bei dem Russen und Amerikaner aufeinander losgehen und den Planeten mit Atombomben zerstören würden.

Aber zurück zum Wesentlichen. Zur Musik. Wer immer schon auf ein Wiedersehen mit den großen Bands der Rockgeschichte gehofft hat, der kann sich die astronomisch teuren Konzerttickets und den enttäuschenden Anblick der in die Jahre gekommener Legenden sparen. In „Back Up“ sind sie lebendig wie nie. Die Beatles, die Stones, The Who, Cream, Hendrix… die Liste ist ebenso lang wie prominent und lässt sich glücklicherweise im Anhang einsehen – inklusive aller Songtitel, auf die im Laufe des Romans Bezug genommen wird. Neben Sternstunden und Anekdoten aus den wilden Jahren des Rock ermöglicht Colize uns zudem einen Einblick in die verschiedenen Subkulturen und Jugendbewegungen dieser Epoche. Wer schon immer mal wissen wollte, worin sich denn nun Beatniks von Mods und Mods von Hippies unterscheiden, wird in diesem Buch endlich Antworten erhalten. Die Fähigkeit des Autors, in lebendigen, beinahe schon vibrierenden Sätzen ganze Milieus vor den Augen der Leserschaft entstehen zu lassen, macht diesen Nachhilfeunterricht in Kulturgeschichte zum cineastischen Erlebnis.

Eine Textzeile, so unmenschlich sie auch war, ließ mich nicht mehr los. Später habe ich sie immer wieder halblaut vor mich hin gesummt, bis sie schließlich zu einem meiner Credos wurde. I hope I die before I get old. Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde.

„Back Up“ ist ein grellbunter Mix aus Milieustudie und Verschwörungsthriller mit der Plausibilität eines James Bond Films. Ein Reise in die Vergangenheit, die sich nicht nur auf das oberflächliche Abklappern ikonischer Ereignisse beschränkt, sondern vielmehr versucht, dem wagemutigen Passagier ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie es war, an diesem speziellen Ort und in diesem speziellen Augenblick der Geschichte am Leben zu sein. Man könnte auch sagen: Das Buch lebt vom Vibe. Paul Colize vermengt medizinisches Fachvokabular mit historischem Slang, wildert nach Lust und Laune in der Popkultur und macht sympathischerweise keinen Hehl aus seinen teilweise offensichtlichen Inspirationsquellen. Das Ergebnis liest sich wie Patchwork-Prosa aus den Versatzstücken unveröffentlichter Romane von John le Carré, Jack Kerouac und Thomas Pynchon. Ein Riesenspaß also, nicht nur für Nostalgiker.

P.S.: Die Berliner Band „Der Stille Kommandeur“ hat den folgenschweren Hit „Girls Just Wanna Get Fucked All Night“ der fiktiven Kombo „Pearl Harbor“, wie soll ich sagen, gecovert. Eine schön ungewöhnliche Art, für einen Roman Werbung zu machen.

„Back Up“ von Paul Colize ist gerade bei Nautilus als Klappenbroschur erschienen. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Cornelia Wend.

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2 Gedanken zu “Als wäre man dabei gewesen

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