Ein Anti-Bond mit Taktgefühl

Moody Spion Jazz

© Polar

1968. Eben hämmert Jazzmusiker Gene Williams noch in einem Londoner Clubs auf die Drums ein, im nächsten Moment steht er schon mit einem Bein in einem der geschichtsträchtigsten Konflikte der Nachkriegszeit. Die CIA kassiert ihn ein. Man hat davon Wind bekommen, dass er zum Prager Jazz Festival eingeladen wurde und möchte, dass er sich dort nützlich macht. Genauer gesagt soll er einen Kontaktmann der Amerikaner treffen, der angeblich über Informationen bezüglich eines geplanten Einmarschs der Russen in die tschechoslowakische Hauptstadt verfügt. Der Geheimdienst erpresst ihn und ringt ihm so eine Zusage ab. In Prag angekommen verzweifelt Gene am Spagat zwischen Musik und Heimlichtuerei. Er wird verfolgt, bedroht, verhört, rennt von der Bandprobe zur Kneipe, von der Kneipe zu wechselnden Treffpunkten und wacht regelmäßig mit Kopfschmerzen auf. Als wäre er damit nicht schon bedient, verliert er sich auch noch in den schönen Augen von Lena, der Enkelin des Mannes, wegen dem er ursprünglich gekommen war.

„Ein Musiker.“ Walter Mead nickte und schaute Curtis von der Seite an. Belustigung streckte sich wie eine unangenehme Maske über sein Gesicht. Er blieb stehen und sah Curtis in die Augen. „Riskant. Gefällt mir aber. Ist originell.“

Der Spion, der Jazz spielte“ von Bill Moody erzählt vom Umbruch des Umbruchs. Als Alexander Dubček und seine Partei Ende der 60er in der damaligen Tschechoslowakei eine Reihe von Reformen, einen Liberalisierungs- und Demokratisierungsprozess in Gang setzten, war man in Moskau nicht gerade erfreut. Man beäugte den sogenannten „Prager Frühling“ argwöhnisch, befürchtete einen Machtverlust oder gar Revolutionen in anderen Ostblockstaaten. Am 21. August 1968 wurde die Utopie vom „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ unter den Ketten der sowjetischen Panzer begraben.  In diesem Zeitraum, diesem kurzen Moment der Hoffnung spielt der Roman. Er ermöglicht es uns, die Ereignisse aus Frosch- und Vogelperspektive zu betrachten und fängt die Anspannung aller Akteure derart gut ein, dass man sich kaum zu Atmen traut. Er erzählt aber auch die Geschichte eines unbescholtenen Mannes, dem gegen seinen Willen die ganze Last der Welt aufgebürdet wird.

Savin trank seinen Wodka aus und ließ sich ganz auf die Pritsche sinken. Die Treffen in Bratislava und Cierna konnten ihn nicht täuschen. Die Gerüchte hatten die Runde gemacht, ungeachtet dessen, was man offiziell verlauten ließ. Dubček musste weg. Die Bewegung musste im Keim erstickt werden, koste es, was es wolle.

Der Roman lebt vor allem von der Authentizität seiner Darstellungen. Das historische Setting ist nicht nur gut recherchiert, es wird auch mit der nötigen Zurückhaltung in die Handlung eingewoben. Bill Moody erschlägt den Leser nicht mit Fakten, sondern beschränkt sich auf die zwischenmenschliche Komponente, auf die Akteursebene. In der zaghaften Hoffnung einiger Figuren bricht sich die Zukunft, die hätte sein können. Trotz allem haben wir es hier, wie der Titel schon andeutet, auch mit einem Spionageroman zu tun. Als solcher funktioniert „Der Spion, der Jazz spielte“ zwar gut, verlässt aber nie die ausgetreten Pfade der Konventionalität. Die treibende, bildhafte Sprache sorgt in Kombination mit vollendeten Cliffhangern jedoch dafür, dass man das Buch zu keiner Zeit aus der Hand legen möchte. Und dann sind da noch die bereits vielfach gelobten Passagen über den Jazz. In den lebhaften Beschreibungen von Klängen, Harmonien und den dazugehörigen Bewegungen entfaltet sich das ganze Können Moodys. Man kann die Musik förmlich hören. Kein Wunder, dass das Autorenporträt mit dem Satz „Mit ihm über Jazz zu reden, kann süchtig machen“ schließt.

Lächelnd und nickend, wandte sich Bártek zu Gene um und griff nach einem Krug Bier, den jemand für ihn auf die Bühne gebracht hatte, als der Trompeter seine Impro begann. Ohne Eile, keinen Zweifel daran lassend, dass er in Miles‘ Schuld stand, ritt er auf dem Kamm der Rhythmussektion, und die Intensität stieg erneut an. […]  Zusammen legten sie einen Klangteppich aus, auf dem die Trompete spazieren gehen konnte.

Wenn Menschen über Dinge schreiben, von denen sie etwas verstehen, kommen meistens die besten Bücher dabei heraus. So auch hier. Bill Moody ist zwar der Autor einiger Kriminalromane, seine Leidenschaft gilt jedoch vor allem dem Jazz. Er ist Absolvent des Berklee College of Music, einer der angesehensten Musikhochschulen des Landes, und machte nach seinem Abschluss als Schlagzeuger in diversen Kombos Karriere. Wie Gene Williams wurde er zum Prager Jazz Festival eingeladen – allerdings bereits 1967 – und war zeitweise der einzige amerikanische Musiker, im Jahr 1968 sogar der einzige Amerikaner, der eine Reiseerlaubnis für die DDR und die Sowjetunion erhielt. Vom Prager Frühling wurde er jedoch genauso überrascht wie alle anderen, als Spion war er, und da enden dann auch die Parallelen, nämlich nicht tätig. Das erklärt zumindest die Diskrepanz zwischen Spionage- und Jazzpassagen in seinem Roman. Als Krimiautor wurde Bill Moody vor allem durch seine Reihe um den Jazzpianisten Evan Horne bekannt, die teilweise beim Unionsverlag auf Deutsch erschienen ist.

Es lag alles vor ihm, fein säuberlich dokumentiert und aufgelistet, alle Anzeichen für eine drohende Katastrophe. Monatelange Recherchen, Protokolle, Hinweise, denen nachgegangen worden war, abgehörte Gespräche – das alles miteinander verwoben ergab den Stoff, aus dem Prag bestand. Aber das Loch in diesem Gewebe hatten sie nicht flicken können. Jetzt waren unorthodoxes Vorgehen und instinktives Handeln gefragt.

Unterm Strich ist „Der Spion, der Jazz spielte“ ein ebenso rasanter wie fundierter Thriller mit beklemmend düsterem Unterton. Durch die Gewissheit des kommenden Unheils wird jede Handlung der Protagonisten zur Farce, zum hoffnungslosen Aufbäumen gegen das Unvermeidbare. Diese Mischung aus Spionageroman, Noir und Liebeserklärung an den Jazz ist ein ungewöhnliches Leseerlebnis, das exzellent herausgearbeitete Setting tut sein Übriges. Bill Moody ist es gelungen, sich trotz des schweren Stoffes und der unausweichlichen Katastrophe am Ende eine Leichtigkeit zu bewahren, die für diese Art von Büchern ungewöhnlich ist. Man möchte ihn – zumindest was das angeht – trotz der stilistischen Unterschiede mit Adrian McKinty vergleichen. Am besten wäre es aber, ihn erst gar nicht in eine Schublade zu stecken und sich ohne Scheuklappen in den Text zu stürzen. Man bekommt hier nämlich garantiert nicht das, was man erwartet.

Das Restaurant war jetzt fast voll. Leute tranken Kaffee, aßen ihr Frühstück, redeten fröhlich miteinander. Es war eine vollkommen normale Welt, so schien es zumindest. Dabei war gar nichts mehr normal.

„Der Spion, der Jazz spielte“ von Bill Moody ist gerade bei Polar als Klappenbroschur erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Ulrike Becker.

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