Dr. Faust

Stark_The Hunter_231014.indd

© Zsolnay

Diesen Anfang vergisst man nicht. Ein Mann wimmelt rüde eine Mitfahrgelegenheit ab, steckt sich eine Kippe in  den Mund und spaziert über die George Washington Bridge Richtung Stadt. Sein Name ist Parker. Parker hat etwas an sich, das vorbeifahrende Frauen erzittern lässt, etwas, das Unheil verspricht. Er ist ein skrupelloser Berufsverbrecher, der von seiner eigenen Ehefrau verraten wurde, die letzten Jahre in Gefangenschaft verbrachte und der sich nun an denen rächen will, die dafür verantwortlich sind. Mit allen Mitteln. Ein kurvenreicher, mit gebrochenen Gliedmaßen und leeren Patronenhülsen gepflasterter Weg liegt vor ihm, doch Parker geht ihn mit einer Geradlinigkeit, die dem Leser Magenschmerzen bereitet. Wenn man bemerkt, in was für eine brutale, kompromisslose Geschichte man da hineingeraten ist, ist es längst zu spät. Es gibt kein Entkommen.

Der amerikanische Schriftsteller Donald Edwin Westlake hatte schon immer ein Faible für Synonyme. Von 1950 bis in die frühen 60er Jahre verdiente er sein Geld mit dem Verfassen erotischer Romane und Kurzgeschichten, für die er sich verschiedenste Namen gab, die mal mehr, mal weniger auf den tatsächlichen Autor verwiesen. 1960 erschien „Das Gangstersyndikat“, sein erster Krimi in Langform und gleichzeitig auch das erste seiner Bücher, für das er auf ein Pseudonym verzichtete. Doch schon 1962 schlüpfte er erneut in eine Rolle. Unter dem Namen Richard Stark warf er ein dünnes Büchlein mit dem ebenso griffigen wie programmatischen Titel „The Hunter“ auf den Markt. Es war der Start einer von Kritikern wie Lesern gefeierten Serie, die 1974 nach 16 Bänden und einem vierbändigen Spin-Off vorläufig eingestellt wurde. Erst 1997 kehrte Parker noch einmal zurück, und das mit einem nicht minder programmatischen Titel: „The Comeback“ läutete eine zweite Welle von Romanen ein, die nach acht Bänden und dem Tod von Westlake im Jahr 2008 schließlich ihr Ende fand.

Dass der Autor überhaupt noch einmal in die Rolle des Richard Stark schlüpfte, haben wir einem Film zu verdanken. Ende der 80er sollte Westlake das Drehbuch zur Jim Thompson Adaption „Grifters“ verfassen und das, so der Wunsch des Regisseurs, am besten im Stil der Parker-Romane. Dadurch fand der Autor wieder Zugang zu jener speziellen Art des Schreibens, welche die Bücher von Richard Stark ausmacht – auch wenn es ihm nach Meinung der meisten Fans im Folgenden nicht gelang, die Qualität der ursprünglichen Reihe zu erreichen. Bevor jedoch Westlake selbst zum Filmschaffenden mutierte, waren bereits einige Romane der Parker-Reihe verfilmt worden. Schon 1967, fünf Jahre nach Erscheinen von „The Hunter“, wurde das Buch von John Boorman als „Point Blank“ verfilmt. Der Versuch, diesem Filmklassiker Ende der 90er mit „Payback“ eine Frischzellenkur zu verpassen, darf getrost als gescheitert betrachtet werden. Eines haben alle Parker-Adaptionen ungeachtet ihrer Qualität jedoch gemeinsam: Der Name Parker taucht nicht auf. Kein Regisseur, nicht einmal Jean-Luc Godard, durfte diesen verwenden. Westlake hätte nach eigener Aussage nur zugestimmt, wenn jemand gleich eine ganze Serie von Filmen auf Grundlage der Romane gedreht hätte. Wer weiß, vielleicht wird daraus ja noch was.

Namen spielen bei Westlake generell eine wichtige Rolle. Nehmen wir beispielsweise „Richard Stark“. Während „Stark“ sich auf das Gewaltpotential der unter diesem Pseudonym veröffentlichten Bücher bezieht, ist das „Richard“ von dem Schauspieler Richard Widmark entleihen – womit wir erneut beim Film wären. Widmark spielte wiederum in seiner ersten Rolle einen kaltherzigen Verbrecher (!), der eine Frau im Rollstuhl die Treppe hinabstößt (!!). Eine Aktion, die man auch von Parker erwarten würde. Interessant ist außerdem, dass in keinem Band der Reihe der Vorname des Protagonisten zu finden ist. Immer wenn Parker im Handlungsverlauf gezwungen wird, aus irgendwelchen Gründen seine vollständigen Personalien anzugeben, täuscht er sein Gegenüber mit Allerweltsnamen oder Anagrammen. Seine wahre Identität bleibt ein Mythos.

 Wer aber ist dieser Mann? Wenn überhaupt ein Band der Reihe Aufschluss darüber geben kann, dann „The Hunter“. Wir erfahren darin, dass Parker eigentlich einfach nur seine Ruhe haben will, sich jedoch aufgrund des Verrats seiner Frau und anderer Kollegen dazu gezwungen sieht, aus seiner liebgewonnen Routine auszubrechen. Er mag es einfach nicht, wenn man ihm ans Bein pisst. Was man auch besser vermeiden sollte. Denn Parker ist knochenhart, durch nichts aus der Ruhe zu bringen und für jede Art von Moral unempfänglich. Menschen sind ihm egal. Er besitzt keinen Charme, spricht nur in Drohungen, ist aber dafür mit einer äußerst abschreckenden Ausstrahlung gesegnet. Und wenn er etwas haben möchte, dann wehe denen, die sich ihm in den Weg stellen. Seine Ausdauer und seine Hartnäckigkeit machen ihn zum unangenehmsten Feind den man sich vorstellen kann. Nur von Habgier angetrieben zieht er quer durch die USA und hinterlässt auf seinen Streifzügen mindestens ebenso viel Elend, wie er vorfindet.

Donald E. Westlake verfolgt mit der Parker-Reihe seine ganz eigene Philosophie. Seiner Meinung nach beginnt das Schreiben eines Romans nämlich immer mit dessen Sprache, erst später kommen dann Handlung, Schauplätze und Figuren dazu. Im Falle von Richard Stark haben wir es mit einer extrem reduzierten Sprache zu tun. Sie treibt das Geschehen unaufhörlich voran, verortet es in wenigen knappen Sätzen und beschränkt sich bei der Beschreibung der Figuren meist auf deren Handlungen. Ihre eigene Identität erhalten sie über die Gespräche. Der Autor verleiht jedem noch so unwichtigen Nebencharakter seine eigene Stimme, was die Dialoge zu einem besonderen Genuss macht, zu einer Oase in der kargen, freudlosen Prosawüste.

Ein Verbrecher, der immer davon kommt. Ein völlig unsentimentaler Kriminalroman, der so hart ist, dass man sich an ihm die Zähne ausbeißt. Donald E. Westlake hat mit „The Hunter“ den hardboiled detective neu erfunden, indem er das „detective“ strich und ihn als Kriminellen reinkarnierte. Kein Wunder, dass die Parker-Reihe vor allem in den Gefängnisbibliotheken Amerikas großen Zuspruch erhielt. Doch auch jenseits der Mauern und Gitterstäbe ist man überzeugt davon, dass es sich dabei um die wahrscheinlich härteste Serie von Kriminalromanen handelt, die die Welt je gelesen hat.

 „The Hunter“ von Richard Stark ist bei Zsolnay als Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Nikolaus Stingl.

In der Kategorie “Meilenstein” werden ab sofort regelmäßig Bücher vorgestellt, die nicht nur beim Leser einen bleibenden Eindruck hinterlassen, sondern auch die Krimi-Landschaft nachhaltig geprägt haben.

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