Armdrücken mit den Meistern

stroby kalter schuss herz

© Pendragon

Ihr letzter Auftrag lief nicht wie versprochen, weshalb die Diebin Crissa Stone zunehmend in Geldnot gerät. Sie hat vor, ihren Ehemann Wayne aus seiner Zelle in Texas zu holen, doch die benötigten Anwaltskosten übersteigen alles, was sich in New York und Umgebung mit den üblichen Jobs an Gewinn machen lässt. Zeit, ein Risiko einzugehen. Crissa soll mit zwei alten Bekannten eine Pokerrunde in Fort Lauderdale überfallen und erklärt sich aller Zweifel zum Trotz damit einverstanden. Im Spiel befinden sich laut ihrem Informanten rund eine Million Dollar, Sicherheitsvorkehrungen gibt es so gut wie keine, ein Kinderspiel also. Na klar. Als dann alles schiefgeht und einer ihrer Kollegen die Nerven verliert, muss Crissa plötzlich um ihr Leben bangen. Der Schwiegersohn von Gangsterboss Tino Conte liegt in seinem eigenen Blut und der Ruf nach Vergeltung ist selbst in New York noch zu hören. Conte lässt den frisch aus dem Knast entlassenen, völlig durchgeknallten Eddie Santiago von der Leine. Dieser beschließt, gleich das ganze Trio in die Mangel zu nehmen, um sich die bei dem Überfall erbeutete Kohle unter den Nagel reißen zu können.

Er zog Cascos Waffe aus seiner Tasche, schob sie ins Handschuhfach, schloss es. „Wenn ich in zehn Minuten nicht wieder draußen bin, nimm sie, komm rein und schieß um dich.“ Terry schaute ihn an. „War ein Scherz“, sagte Eddie. „Bleib hier. Ich werde in ein paar Minuten zurück sein.“

Figuren wie Crissa Stone sind eine Seltenheit. Sie ist eine Kriminelle in einem männerdominierten Milieu, die weder übertrieben auf hart macht wie unlängst eine Freedom Oliver, noch übertrieben hart ist wie ihre literarischen Vorbilder. Als Protagonistin definiert sie sich vor allem über ihre Schwachstellen. Über die Liebe zu ihrem Mann, den sie wegen eines riskanten Jobs ans Gefängnis verlor, aber auch über die schmerzhafte Liebe zu ihrer Tochter Maddie, die wohlbehütet bei ihrer Cousine aufwächst und nicht einmal weiß, dass sie existiert. Das verleiht ihrer Figur eine Vielschichtigkeit, die für diese Art von Geschichte ungewöhnlich ist. Doch sie ist sicherlich kein Opfer. Crissa hat Stehvermögen, ist loyal, fokussiert, verzichtet auf unnötiges Blutvergießen und lässt ihr Privatleben zuhause, wenn es ums Geschäft geht. Eine integre Diebin, durch und durch. Auf der anderen Seite haben wir Eddie „den Heiligen“ Santiago, einen manischen Killer, der im Handumdrehen jeden noch so beschaulichen Ort in einen Kriegsschauplatz verwandeln kann. Ein Mann, der seinen Opfern erst noch Hoffnung macht, bevor er sie gelangweilt ins Jenseits schickt, nie um einen letzten lässigen Spruch zum Abschied verlegen. Wie Parker, nur mit Humor.

Sie hasste Texas. Als die 747 zum Anflug einschwenkte, wurden die Lichter von San Antonio durch die dünnen Wolken sichtbar. Ihr Magen zog sich zusammen. Sie hatte achtzehn Jahre ihres Lebens in Texas verbracht und fünfzehn weitere damit, sich von dort fernzuhalten.

Apropos Parker. Wallace Strobys Einflüsse beim Schreiben von „Kalter Schuss ins Herz“ sind nicht nur deswegen schwer zu übersehen, weil Übersetzer Alf Mayer sie im Nachwort für uns aufgelistet hat. Sie springen einem in nahezu jeder Zeile entgegen. Da wäre der Stil. Knapp, präzise, schmucklos, treibend, als hätte sich Richard Stark aus dem Grab von Donald E. Westlake gestohlen. In dessen Tradition steht auch, wie bereits beschrieben, vor allem die Figur des Antagonisten. Crissa selbst ist dagegen ein eigenständiger Charakter, für die der Autor sich in realistischere Gefilde wagt, jenseits der großen hardboiled Romane. Das bewahrt ihn nicht nur vom Vorwurf eines Plagiats, sondern verleiht dem Ganzen auch einen zeitgemäßen Anstrich – obwohl beim Lesen nach wie vor das Gefühl der Nostalgie überwiegt. Generell zeigt Stroby was seine Vorbilder angeht, dass er sich mit den ganz Großen messen möchte. Meiner Meinung nach zieht er dabei den Kürzeren. Trotz humoriger Dialoge erreicht er nicht die Coolness eines Elmore Leonard oder gar eines George Vincent Higgins, trotz betont beiläufiger Morde nicht die Härte eines Richard Stark. Und auch wenn sich hier Verbrecher von Dächern abseilen, geht dem Buch der B-Movie-Trashfaktor von Dishers Wyatt-Romanen ab. Nicht falsch verstehen – „Kalter Schuss ins Herz“ ist ein fantastischer Krimi alter Schule, die Amplitude schlägt nur nicht ganz so weit nach oben aus, wie sie könnte. Neben der hervorragenden Hauptfigur fehlt ein stilistisches Alleinstellungsmerkmal.

„Manchmal, wenn du Leute hart angehst, musst du es dann auch zu Ende bringen, ob sie es verdienen oder nicht. Weil es immer die Möglichkeit gibt, dass sie es dir irgendwann zurückzahlen.“

Vielleicht ist der Outlaw die einzig mögliche moralische Figur, die dem Kriminalroman geblieben ist. Wallace Stroby legt mit „Kalter Schuss ins Herz“ ein altmodisches Debüt in bester hardboiled Tradition vor, dass sich unter anderem mit der Frage beschäftigt, wie man als Kleinkrimineller im Zeitalter der Hochtechnologie überhaupt noch zu Geld kommen soll. Ein rasanter Ritt, der nicht ganz den Gänsehautfaktor der Klassiker erreichen kann, der aber nichtsdestotrotz Riesenspaß macht. Alles was sonst noch zu sagen wäre, wurde bereits von etlichen Kollegen gesagt, ich mache mich derweil mal auf die Suche nach meinem ganz persönlichen Eddie, um ihn auf den guten Alf Mayer anzusetzen. Ach, vielleicht geht es ja auch friedlich: Lieber Alf. Wie du sicher besser als jeder andere weißt, hat Wallace Stroby noch drei weitere Crissa Stone Romane geschrieben. Was denkst du, wie lange du dafür brauchst? Geld spielt keine Rolle, der Pendragon Verlag wird das schon regeln – und wenn nicht, du weißt ja jetzt, wie man an die großen Summen kommt. Ich zähle auf dich.

„Was ist mit der Spritzpistole?“, fragte Chance. „Du bist darauf aus, ein Zimmer durchzupusten?“ „Ist psychologisch“, sagte Stimmer. […] Er hob die MP5 hoch, klappte den metallenen Schaft aus, ließ ihn einrasten. „Waffen wie diese bringen Leute zum Zuhören. Lassen sie wissen, dass du es ernst meinst. Das ist es, was wir wollen, nicht? Wie nennen sie es doch gleich? ‚Das Bild des plötzlichen Todes?‘“

„Kalter Schuss ins Herz“ von Wallace Stroby ist gerade bei Pendragon als Klappenbroschur erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von… ihr wisst schon.

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