Radikaler Augenöffner

Ortuno Die Verbrannten

© Kunstmann

Die Verbrannten“ von Antonio Ortuño hat mich voll erwischt. Ich weiß auch nicht, was ich erwartet habe – jedenfalls nicht das. Der mir bis dato unbekannte mexikanische Autor ist nicht nur haarsträubend talentiert, er versteht es auch meisterhaft, den Finger in der offenen Wunde zu drehen. Sein Roman ist ein eindrücklicher, drastischer Wutschrei und könnte aktueller nicht sein. Es geht darin zwar um die Scharen von zentralamerikanischen Flüchtlingen, die jedes Jahr nach Mexiko kommen, weil sie hoffen, von dort ins gelobte Land, in die USA weiterziehen zu können – doch die Geschichte, die der Autor erzählt, ist eine universelle. Egal ob Santa Rita oder Freital, das unfassbare Leid, dass die Asylsuchenden erlitten haben, die Fassungslosigkeit, die Angst, aber auch das Mitgefühl der Einheimischen sind die Konstanten einer Welt, die immer mehr aus dem Gleichgewicht gerät. Antonio Ortuño nimmt uns mit an einen Ort, an dem die Apokalypse jeden Tag aufs Neue stattfindet.

Der erste Molotowcocktail gelangt durch ein hohes, kleines Fenster ohne Gitter ins Innere. Er landet auf der Strohmatratze einer alten Frau. Die Decke fängt Feuer. Die meisten hören nicht zuerst das Splittern des Glases, sondern die Schreie. Es gelingt der Frau nicht einmal mehr, sich aufzurichten. Die Flammen verschlucken ihr Bein.

Irma, die von allen nur „La Negra“ genannt wird, ist gerade mit ihrer kleinen Tochter nach Santa Rita gezogen. In dem kleinen Kaff im Süden soll die Mitarbeiterin der Nationalkomission für Migration, kurz NkM, den Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft untersuchen. Die Öffentlichkeit geht davon aus, dass es sich um das Werk einer der örtlichen Banden handelt, die untereinander Krieg führen. Irma versucht, den Vorfall aufzuklären und steht dabei mächtig unter Druck. Ein Journalist interessiert sich für ihre Arbeit, außerdem hat sie zunehmend das Gefühl, die Verantwortlichen könnten auch am Nachbarschreibtisch sitzen. Während das NkM im Akkord Presseerklärungen verlesen lässt, schaut das ganze Land für einen kurzen Moment auf die Ereignisse in Santa Rita – nur um sich desinteressiert abzuwenden, als die nächste Tragödie durch die Nachrichtenkanäle gejagt wird. Irmas einzige Hoffnung ist die stille Yein, eine Überlebende, die nur eines im Sinn hat: Sich an ihren Peinigern zu rächen.

„Das ist sicher schwierig oder? So viel Tod.“ Er roch nach saurem Schweiß und schlecht ausgedrückten Zigaretten. Er sah mich mit dieser Abscheu an, mit der die Journalisten, die sich selbst für ehrlich hielten, den Rest der Menschheit bedachten.

Die schüchterne Beamtin Irma ist eine fantastisch normale Figur. Sie ist nicht sonderlich ansehnlich, wenig selbstbewusst und lässt sich dementsprechend sehr leicht einschüchtern. Ihre Defizite kompensiert sie mit innerer Stärke und einer scharfen Beobachtungsgabe. Wir erfahren von Irma, dass in Mexiko gerade Vornamen im Trend liegen, die man eher bei Hunden oder Katzen vermuten würde, dass Eltern ihren Kindern die Haare mit Kamille blond färben, um ausländische Wurzeln vorzutäuschen und dass die Männer zurzeit furchtbar gerne Hosen tragen, die sie wahrscheinlich impotent machen werden. „La Negra“ hat aber auch eine ernste Seite. Als Schülerin hatte sie ein Verhältnis mit ihrem Lehrer, einem äußerst unangenehmen Zeitgenossen, der gerne die Schwäche andere Leute ausnutzt. Sie riss sich von ihm los, erkämpfte das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter und schreit ihn regelmäßig am Telefon an, zähnefletschend und stets unnachgiebig. Bei allem, was wir als Leser über ihn erfahren, hat sie jedes Recht dazu.

Dunkel. Nur die Glühbirne im Flur hatte Bereitschaft. Der Nachtwächter sah fern. Ich schlug die Tür hinter mir zu. Spazierte durch die vollen Straßen, bevölkert von trägen Menschen, die mich ignorierten.

Die Kapitel, in denen Irmas Ex-Mann auftritt, sind mit „Kleingeist“ oder Variationen davon überschrieben. Neben den sich durch Wiederholung aushöhlenden Presseerklärungen des NkM stellen sie die einzigen Teile im Buch dar, die nicht aus ihrer Perspektive erzählt werden. Außerdem lassen sie sich nur äußerst schwer verdauen. Denn Irmas Ex ist ein ausländerfeindlicher, egoistischer Widerling, der das Gefühl hat, die ganze Welt sei gegen ihn. Er schließt sich in seinem Haus ein, aus Angst, Flüchtlinge könnten ihm sein hart verdientes Geld abknöpfen und vertreibt sich die Zeit damit festzustellen, wie weit er den Lautstärkeregler seines Fernsehgeräts drehen muss, bis er von dem Elend vor seiner Tür nichts mehr mitbekommt. Bis eine junge Frau bei ihm klingelt, die Arbeit sucht. Anfangs engagiert er sie als unterbezahlte Aushilfe, die sich um den Hausputz, den über die Jahre angesammelten Müll und den Garten kümmern soll. Von seiner eigenen Gutgläubigkeit überrascht, beginnt er sie zu kontrollieren. Dann missbraucht er sie. Hält sie sich wie einen Hund. Diese Passagen sind ebenso unerträglich wie erschreckend plausibel und werden in ihrer Grausamkeit nur noch von dem überboten, was die kriminellen Banden mit den Flüchtlingen anstellen.

Sie ziehen ihn aus, hacken ihm mit einem Axthieb die Hand ab und unter Gelächter den Penis und mühen sich fast zehn Minuten lang damit ab, in ihm in den Anus zu stecken, erreichen damit aber nur, dass eine schwarze Masse herausläuft, von der sie nicht wissen, ob es Blut ist oder Scheiße und in welchem Verhältnis. Als ihnen langweilig wird, schießen sie ihm ins Gesicht.

Es fällt schwer, die Fülle dieses schonungslosen Romans zu fassen. Auf etwas mehr als 200 Seiten beschreibt Antonio Ortuño, wie und warum sein Heimatland vor die Hunde geht. Natürlich geht es vor allem um Flüchtlinge. Um die Beziehungen zu den USA, den Drang vieler Mexikaner, sich zu „amerikanisieren“. Aber auch um den desolaten Zustand eines Landes, das von korrupten Bauherren kaputtsaniert wird, die Straßen aufreißen, weil sie vergessen haben, Gullis einzuplanen, durch die das Blut „geschnetzelter“ Journalisten ablaufen kann, die von den marodierenden Banden zurechtgewiesen wurden, weil sie ernsthaft glaubten, Pressefreiheit sei ein überall gültiges Grundrecht. „Die Verbrannten“ ist kein weiterer Drogenkrieg-Thriller. Dieser Roman zielt tiefer, dorthin, wo es richtig lange wehtut. Wer sich wirklich mit dem Thema Mexiko beschäftigen möchte, dem sei er nachdrücklich empfohlen. Ach was, der sollte sich eigentlich gezwungen fühlen, hier zuzugreifen. Und alle anderen auch. Ein Buch, das so menschlich und unmenschlich zugleich ist, hat man lange nicht gelesen. Mir ist immer noch ein bisschen übel.

„Die Verbrannten“ von Antonio Ortuño ist gerade bei Kunstmann als Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Spanischen stammt von Nora Haller.

Advertisements

5 Gedanken zu “Radikaler Augenöffner

  1. Pingback: Sendung vom 29.11.2015 | Der Schneemann

  2. Pingback: Meine 10 Lieblingskrimis 2015 | Der Schneemann

  3. Pingback: Vorschau 2016: Teil 8 | Der Schneemann

Diesen Artikel kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s