Meine 10 Lieblingskrimis 2015

Morgen beginnt ein neues Jahr. Der richtige Zeitpunkt also, das alte noch einmal Revue passieren zu lassen und sich anzuschauen, welche Bücher das Regal ganz besonders bereichert haben. Wer das Ganze lieber hören statt lesen möchte, der sollte bis zum 3.1. um 20 Uhr in der Mediathek der Wüsten Welle vorbeischauen. Dort gibt es die dazugehörige Sendung im Stream oder als Download, inklusive eines kleinen musikalischen Jahresrückblicks. Podcasts werde ich davon diesmal nicht anfertigen, weil ich die vorgestellten Bücher bereits in anderen Sendungen besprochen habe und es aus meiner Sicht wenig Sinn macht, einen „Countdown“ zu stückeln. 

Vorab möchte ich aber kurz auf die Modalitäten eingehen: Auf der Liste befinden sich ausschließlich Bücher, die, logisch, dieses Jahr erschienen sind und deren Erstveröffentlichungsdatum im Original maximal zehn Jahr zurückliegt. Dadurch fallen einige meiner Highlights weg, allen voran wiederentdeckte Genreklassiker wie „Cutter und Bone“ von Newton Thornburg. Ich halte das für sinnvoll, weil es mir darum geht, Neues zu entdecken und nicht den Status sowieso schon gefeierter Werke erneut zu bestätigen. Jetzt aber genug Theorie, hier kommen die harten Fakten:

Platz 10 | Havarie
Kröger Havarie

© Argument

Bei kaum einem Roman waren und sind sich die Kritiker dieses Jahr so einig wie bei „Havarie“, was mit Sicherheit auch am brandaktuellen Thema liegt. Die KrimiZEit-Jahresbestenliste führt die Autorin und Filmemacherin Merle Kröger an, der nächste Halt wird dann wohl der Deutsche Krimipreis sein. Meine Sympathie hat sie, doch bei der enormen Konkurrenz, mit der sie es 2015 aufnehmen musste, hat es zumindest bei mir für die vorderen Ränge einfach nicht gereicht. Dafür war mir diese äußerst lesenswerte Parabel dann doch zu weit weg vom Genre –  und stellenweise nicht radikal genug. Zur Review.

Platz 9 | Kaliber
bruen kaliber

© Polar

Kommen wir zum witzigsten Krimi des Jahres. Ken Bruen dürfte den meisten Krimilesern durch seine Jack Taylor Reihe bekannt sein, die ebenso genial wie eigenwillig vom leider dieses Jahr verstorbenen Harry Rowohlt ins Deutsche übertragen wurde. Vielleicht hat der ein oder andere sogar bereits eine der Verfilmungen dieser Bücher im Fernsehen gesehen, ich persönlich traue mich da nicht ran. Können die was? In eine andere Kerbe schlagen Ken Bruens Romane um die beiden ungleichen Polizisten Brant und Roberts. Sieben Bände gibt es davon bereits, mit Teil sechs erschien nun erstmals eines dieser Bücher auf Deutsch. Es hört auf den Namen „Kaliber“ und ist neben James Ellroys „Perfidia“ der dreckigste Polizeiroman, den man dieses Jahr hätte lesen können. Zur Review.

Platz 8 | Der namenlose Tag
Ani Der namenlose Tag

© Suhrkamp

Der beste Krimi aus Deutschland schafft es bei der knüppelharten internationalen Konkurrenz dieses Jahr nur auf Platz 8. Friedrich Ani lässt nach dem grandiosen „M“ für seinen neusten Roman von Kommissar Tabor Süden ab und schickt sich an, einen neuen Ermittler auf die Krimiwelt loszulassen. Sein Name: Jakob Franck. Ein sympathischer Einsiedler voller Empathie, der mit ein paar Sätzen in der Lage ist, Leben zu verändern. Ani selbst ist davon mittlerweile auch nicht mehr allzu weit entfernt. Wer sich mal wieder so richtig in wunderschöner Sprache wälzen will, der ist hier goldrichtig. Zur Review.

Platz 7 | Kreidemädchen
Kreidemädchen

© btb

Auf den letzten Drücker kam dieser Roman noch auf die Liste und es ist gleichzeitig auch der letzte, den ich in diesem Jahr zu Ende gelesen habe. Die amerikanische Autorin Carol O’Connell, die sich mit ihrer Figur Kathleen Mallory in die Herzen von Lesern und Kritikern schrieb,  hat mich mit dem achten Band ihrer Erfolgsreihe als neuen Fan gewonnen. Sie lässt es im Central Park Ratten regnen, dass es Camus eine Freude gewesen wäre und zaubert, in Anlehnung an Kafka, einen „Hungerkünstler“ aus dem Hut, der Leute in Säcken an Bäume hängt. Fantastisch. In einer besseren Welt hätte ich die Zeit, mein bisheriges Versäumnis aufzuholen und alle Vorgänger zu lesen. Doch mal ehrlich: wie viel besser kann eine Welt noch werden, in der solche Bücher erscheinen?

Platz 6 | Still
raab still

© Droemer

Während in diesen Tagen alle von einem gewissen Herrn Raab Abschied nehmen, hat sein Namensvetter aus Österreich bereits Anfang des Jahres still und heimlich – oder besser gesagt mit „Still“ heimlich den meiner Meinung nach besten deutschsprachigen Krimi des Jahres veröffentlicht. Dem Autor, den man sonst eher wegen seiner humorigen Metzger-Reihe kennt, ist ein sperriges, sprachlich wunderschönes Werk geglückt, dass stilistisch an einige der größten Schriftsteller erinnert, die je in dieser Sprache etwas zu Papier gebracht haben. Mut zahlt sich eben manchmal aus. Zur Review.

Platz 5 | Glut und Asche
burke glut asche

© Heyne

Wie ich nicht müde werde zu erwähnen, geht auch 2015 nichts ohne James Lee Burke. Mit „Glut und Asche“ setzt er in doppelter Hinsicht den Siegeszug fort, der 2014 mit „Regengötter“ begonnen hatte, nachdem dieses Krimi-Urgestein längere Zeit aus den deutschen Buchhandlungen verschwunden war. Denn sein neustes Werk ist nicht nur noch einen Tacken besser, es handelt sich außerdem um den direkten Nachfolger der Geschichte um Hackberry Holland, Hilfssheriff Pam und den verrückten Preacher Jack Collins. Wer den Vorgänger also nicht kennt, der sollte das schleunigst nachholen. Alle anderen erwartet ein großes Lesevergnügen mit den altbekannten Zutaten: großartige Charaktere, raue Landschaften und der Wahnsinn des vermeintlich Übernatürlichen. Zur Review.

Platz 4 | Soro
Gary Victor Soro

© litradukt

Der kleine litradukt Verlag setzt schon zum zweiten Mal Haiti auf die Krimilandkarte. Gary Victors vom einheimischen „Soro“ berauschter Inspektor Azémar ist ein äußerst spannender Protagonist, hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu seiner Heimat und der Verachtung seiner Landsleute. In seinem zweiten Fall bekommt er es neben einer verheerenden Naturkatastrophe mit einem Künstler-Zombie und jeder Menge korrupter Staatsdiener zu tun. Ein roher, dreckiger Krimi voll von heftig polternder Sozialkritik. Stellvertretend für alle Entwicklungsländer dieser Erde hält der verwahrloste, aber integere Inspektor die Alkoholfahne hoch. Ein gelungener Rundumschlag gegen nationales und internationales Unrecht, ein stilistisches Pulverfass, das in den Synapsen hochgeht und trotz der gerade mal 140 Seiten einen riesigen Knall erzeugt. In jeder Hinsicht spannend. Zur Review.

Platz 3 | Die Unantastbaren
Richard Price Die Unantastbaren

© Fischer

Zu dieser überragenden cop novel rund um Detective Billy Graves und seine „Wildgänse“ fällt mir eigentlich nur das ein, was ich bereits so ähnlich schon im CrimeMag geschrieben habe: Price bemüht nicht das überstrapazierte Klischee des gebrochenen Polizisten, er zeigt vielmehr, wie es Menschen verändert, tagtäglich mit dem Unmenschlichen konfrontiert zu werden. Irgendwann im Laufe der Geschichte nimmt man die unzähligen Gräueltaten, die Billy Graves mitansehen muss, nur noch als Regentropfen wahr, die auf der Scheibe seines Dienstwagens Schlieren ziehen, gebannt von der diffusen Gefahr, die den ausgemergelten Familienvater in immer kleiner werdenden Abständen umkreist. „Die Unantastbaren“ ist ein atemloser, grimmig-düsterer Cop-Thriller, eine intime Charakterstudie mit ebenso authentischen, humorvollen wie konkurrenzlosen Kreuzfeuerdialogen – und damit alles, was die zweite Staffel von „True Detective“ gerne gewesen wäre.

Platz 2 | Die Verbrannten
Ortuno Die Verbrannten

© Kunstmann

Das vielleicht beste, mit Sicherheit aber eindringlichste Buch zur Flüchtlingskrise ist „Die Verbrannten“ von Antonio Ortuño. Der mexikanische Autor erzählt darin vom Strom der Verzweifelten, die sich Jahr für Jahr in sein Land aufmachen, weil sie hoffen, von dort in die USA weiterziehen zu können. Dabei zeichnet er ein auch für die deutsche Leserschaft bekanntes Bild: Ortuño beschreibt die katastrophalen Unterkünfte, das Misstrauen in der Bevölkerung, das schließlich im Hass mündet und die fast schon dadaistische Besänftigungsrhetorik des Staates, der sich als völlig handlungsunfähiger Bürokratieapparat entpuppt. Es geht aber auch um die Verantwortung des Einzelnen, um die Wahl, das Elend der Anderen zu mindern oder es auszunutzen. Für mich, der ich von Antonio Ortuño noch nie etwas gehört habe, ist dieser Schriftsteller die Entdeckung des Jahres. Sein Roman ist eine wütende Anti-Parabel von erschreckender Radikalität, die ihre Leser mit dem Gesicht voran in die übelriechende Realität einer beschissenen Welt drückt. Er lenkt unsere Blicke an Orte, von denen wir uns am liebsten abwenden würden, fernab von der Sterilität der Bilder in hiesigen Nachrichtenstudios. Man kann ihm nicht genug dafür danken. Zur Review.

Platz 1 | Perfidia
ellroy perfidia

© Ullstein

Was soll ich sagen? Es gab dieses Jahr viele ernstzunehmende Versuche, den meiner Meinung nach größten Krimischriftsteller unserer Zeit vom Thron zu stürzen, doch an seinem fast tausendseitigem Wälzer kam einfach niemand vorbei. Der Start des zweiten L.A. Quartetts hat die Konkurrenz meilenweit hinter sich gelassen. Kein Zweifel: „Perfidia“ ist das Werk eines wahnsinnigen Gigantomanen. Ellroy lässt sich mit herkömmlichen Maßstäben nicht messen, seine Romane sind körperliche Erfahrungen, welche diejenigen zeichnen, die ihnen zu nahe kommen. Aufregendere Krimikost wurde 2015 nicht serviert, einen starken Magen sollte man allerdings mitbringen – es gibt Einiges zu verdauen. Zur Review.

Wäre das auch geschafft. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sehr ich mir einen abgebrochen habe, meine Leseerlebnisse in dieses Top-10-Korsett zu zwängen. An jedem anderen Tag im Jahr, hätte – abgesehen von den vorderen Rängen – das Ergebnis wahrscheinlich anders ausgesehen. Deshalb hier noch ein paar honorable mentions:

Um ein Haar an der Bestenliste vorbeigeschrammt sind fantastische Romane wie „Dunkle Stadt Bohane“ von Kevin Barry, „Kanakenblues“ von David Gray“, „Schwarzblende“ von Zoë Beck, „Back Up“ von Paul Colize, „Das unbarmherzige Fallbeil“ von Fred Vargas, „Sturm über New Orleans“ von James Lee Burke, „Der Dieb“ von Fuminori Nakamura, „Das Kartell“ von Don Winslow, „Angel Baby“ von Richard Lange und „Kalter Schuss ins Herz“ von Wallace Stroby. Ganz zu schweigen von denen, die ich nicht habe lesen können.

In Sachen Erst- und Neuauflage verdienter Altmeister führte 2015 kein Weg an „Cutter und Bone“ von Newton Thornburg, „Miami Blues“ von Charles Willeford, „The Hunter“ von Richard Stark aka Donald E. Westlake, „Florida Forever“ von Harry Crews und „Unter Brüdern“ von Pete Dexter vorbei. Über die fantastische Wiederveröffentlichung der Werke von Jim Thompson bei Heyne habe ich mich ebenfalls gefreut, auch wenn ich da langsam nicht mehr hinterher komme. Und bevor Proteste kommen: McIlvanney habe ich zugegebenermaßen immer noch nicht gelesen. Sein Tod war jedoch unabhängig davon einer der großen Verluste des Krimijahres.

Mein Fazit: Wir können uns nicht beklagen. 2016 muss sich ganz schön anstrengen, um die kriminelle Energie aufzubringen, die uns dieses Jahr aus den Bücherregalen entgegensprang. Ich werde die letzten verbleibenden Stunden nutzen um noch etwas in den ungelesenen Überbleibseln zu schmökern, bevor die Novitäten uns überschwemmen. Einen guten Rutsch allerseits!

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7 Gedanken zu “Meine 10 Lieblingskrimis 2015

  1. Sehr interessante Liste. Ich kann mir vorstellen, dass die Auswahl schwierig war, da ich selbst noch grübele. Vor allem stelle ich fest, dass ich von deinen Top 10 nur drei gelesen habe. Die Auswahl ist aber auch zu groß…
    Alles Gute für 2016!

    Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: Die Besten und Schönsten 2015 | SchöneSeiten

  3. Kaliber muss ich unbedingt nachholen, ich mag den Stil von Ken Bruen ja sehr.

    Zu Glut und Asche bin ich auch noch nicht gekommen, obwohl ich Regengötter genial fand. Ebenso sollte ich endlich mal was von Ani lesen. Price liegt schon hier und ich bin sehr gespannt auf „Die Unantastbaren“, das Buch schneidet ja durchwegs positiv ab.

    Tolle Auswahl! (Ganz mein Geschmack;-)). Schönes Lesemonat dir!

    Gefällt mir

  4. Eine hervorragende Auswahl von Titeln, die mir leider auch wieder vor Augen führt, wie wenig Titel ich vergangenes Jahr geschafft habe zu lesen. Da der Großteil sich aber bereits wartend im Regal befindet, heißt es nun: Nachholen. Wenn man bloß mehr Zeit hätte …

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  5. Pingback: Schneller als eine Kugel fliegt | Der Schneemann

  6. Pingback: Meine Krimi-Highlights 2015 | KrimiLese

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