Schneller als eine Kugel fliegt

Lange Angel Baby

© Heyne

Angel Baby“ von Richard Lange hatte mich bereits vor dem ersten Satz für sich gewonnen. Ich hatte gerade Platz genommen und mich noch nicht einmal vorschriftsmäßig angeschnallt, da war ich schon überzeugt davon, dass mir auf meiner weihnachtlichen Besuchsodyssee nicht langweilig werden würde. Das lag einerseits daran, dass Marcus Müntefering das ganze Jahr über diesen Titel hochgehalten hatte, andererseits daran, dass dem Buch ein Zitat aus einem Song von Smog aka Bill Callahan vorangestellt ist, den ich, man kann es nicht anders sagen, vergöttere. Während sich der Fernbus also in Bewegung setzte, sich gemächlich durch Feiertagsverkehr und Land schleppte, raste ich mit ungleich höherer Geschwindigkeit durch die nicht ganz 350 Seiten von „Angel Baby“. Und mit jeder Seite kamen neue Gründe hinzu, diesen Roman zu lieben.

Dass dieser Strandabschnitt einer der dreckigsten in Kalifornien ist, schreckt echte Surfer nicht ab. Wieder schmutziges Abwasser noch Treibgut oder der gelegentliche zerstückelte narco können sie daran hindern, zu diesen Weltklassewellen hinauszupaddeln. Die Bezirksverwaltung versucht schon gar nicht mehr, sie aufzuhalten, und bietet stattdessen kostenlose Hepatitis-Impfungen an.

Luz ist mit dem mexikanischen Drogenboss Rolando verheiratet, für den sie einst sogar ihre kleine Tochter zurückließ. Sie ließ sich jahrelang als Sexsklavin und Vorzeigeobjekt in einem goldenen Käfig halten, ließ alles über sich ergehen, was dem gewalttätigen narco einfiel um sie zu erniedrigen. Nun, nachdem sie ihre drogenbedingte Apathie überwinden konnte, will sie die Scheidung einreichen. Sie wählt dafür nicht etwa den juristischen Weg – der ihr ohnehin nicht offen stünde – sondern zwei Kugeln, die sie in den Köpfen seiner Haushälterin und seines Wachmanns deponiert. Die anfallenden Unterhaltszahlungen klaut sie ihrem verhassten Ex außerdem vor laufender (Sicherheits-)Kamera aus dem Tresor. Jetzt muss sie es nur noch über die Grenze schaffen. Als Luz den alkoholkranken Surferboy-Verschnitt Malone dafür bezahlt, sie in die USA zu bringen, beginnt eine hollywoodreife Hetzjagd. Ein spielsüchtiger Cop der Border Patrol bekommt Wind von der Aktion, insbesondere von dem Haufen Kohle, den die Zwei im Kofferraum spazieren fahren, und der gehörnte Drogenbaron holt einen seiner Ausputzer aus dem Gefängnis, um sein Herzblatt wieder nach Hause zu bringen. Luz dagegen will nur zu ihrer Tochter. Und die ist in LA.

Er winkt einen der Verkäufer zu sich, die inmitten des schleichenden Verkehrs unterwegs sind, und kauft eine Flasche Wasser. Andere Kleinunternehmer verhökern Churros und Eiscreme, Sombreros und Gipsstatuen von Bart Simpson. Einer jongliert mit Orangen, ein anderer spuckt für Trinkgeld Feuer. Die letzte Chance, noch etwas von der guten amerikanischen Kohle abzugreifen, bevor sie wieder über die Grenze verschwindet.

Neben dem fantastischen Plot sind vor allem die Charaktere die große Stärke dieses Romans. Gekonnt umschifft Richard Lange die sich anfangs aufdrängenden Stereotypen wie den tollpatschigen Surferboy, den bad cop oder die hilfsbedürftige Schöne, die vor ihrem bösen Macker flieht und baut sie stattdessen zu glaubwürdigen, vielseitigen Persönlichkeiten aus. Selbst die kleinste Nebenrolle wird bei ihm zur dreidimensionalen Figur. Von daher finde ich es nur folgerichtig, dass sein Roman 2014 mit dem Hammett Prize ausgezeichnet wurde, denn wie die Werke des Großmeisters selbst bietet „Angel Baby“ eine perfekte Mischung aus charakter- wie plotgetriebenen hardboiled-Krimi geschrieben. Und im Gegensatz zu Konkurrenten wie Raymond Chandler gab Dashiell Hammett einer authentischen Figur immer den Vorzug vor einem figurengewordenen Ideenkonstrukt. „Angel Baby“ ist also keine Kopfgeburt. Es ist außerdem keine weitere Sozialstudie der mexikanisch-amerikanischen Realität, keine brutale Drogenkrieg-Parabel. Es ist vielmehr ein Actionfeuerwerk voller exakt getimter Wendungen, das auch emotional zu fesseln weiß.

Jerónimo war bereits verdorben, bevor er hierherkam, aber hier wurde alles noch schlimmer. In dieser Stadt herrscht eine Unbarmherzigkeit, wie er sie nirgends sonst je erlebt hat, so als hätte das ganze Gefunkel auf der anderen Seite der Grenze hier drüben alle in den Wahnsinn getrieben.

Richtig absurd wird es, will man etwas über den Autor erfahren. Tippt man den Namen in die Google-Suche, schlägt einem eine jeder Logik entbehrende Kombination aus Geburtsdatum und angeblich veröffentlichter Bücher entgegen. Immerhin passt das Foto. Auf der Homepage des Autors erfährt man dann, dass „Angel Baby“ neben „This Wicked World“ bisher sein einziger Roman ist und er vor allem durch seine Kurzgeschichten bekannt wurde. Für eine davon erhielt er letztes Jahr sogar den begehrten CWA Short Story Dagger. Eine andere wurde ins Deutsche übersetzt und ist bei Heyne als eBook erschienen. Die meiner Meinung nach beste Art, Richard Lange kennenzulernen, ist jedoch das Fragebogen-Interview, dass sein größter Fürsprecher hierzulande, Marcus Müntefering, mit ihm geführt hat.

Slim hat auf einem Arm ein Harley-Logo, eine amerikanische Flagge und ein Auto tätowiert, das wohl ein `65er Mustang sein soll, auf dem anderen prangen Bart Simpson, ein Totenschädel mit Zylinder und die Worte 9/11, Never Forget. Ganz schöner Müll.

Keine unnötigen Spirenzchen. „Angel Baby“ ist ein treibender, von jedem ästhetischen Ballast befreiter Kriminalroman, der in klarer, knapper Sprache unaufhörlich aufs Finale zusteuert. Fans von Don Winslow, Elmore Leonard und Konsorten sollten hier voll auf ihre Kosten kommen. Und auch wenn mir am Ende ein Alleinstellungsmerkmal gefehlt hat, so gehört dieses Buch trotzdem zu meinen Lesehighlights des vergangenen Jahres. Keine plumpe Message, die einem auf jeder Seite ins Gesicht springt, keine Zeigefinger-Kritik, die selbst ihre Befürworter langweilt, stattdessen herrliche Dialoge und das unbezahlbare Vergnügen, einer gut erzählten Geschichte lauschen zu dürfen. Darauf kommt es doch schließlich beim Schreiben an. Nur eines will mir nicht so recht einleuchten: 2015 erschienen mit „Freedom’s Child“ von Jax Miller, „Kalter Schuss ins Herz“ von Wallace Stroby und dem vorliegenden Roman mindestens drei Bücher, in denen (teilweise vermeintlich) starke Frauenfiguren fast ausschließlich von der Liebe zu ihren Töchtern angetrieben werden. Fürs neue Jahr würde ich mir wünschen, dass man ihnen, genau wie ihren männlichen Kollegen, auch mal ein paar eigennützigere Motive zugesteht. Ist nur so eine Idee.

„Angel Baby“ von Richard Lange ist bei Heyne im Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Jan Schönherr,

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6 Gedanken zu “Schneller als eine Kugel fliegt

  1. Sehr schön! Nach deiner Rezension frage ich mich, warum ich bisher bewusst (?!) einen Bogen um das Buch gemacht und es noch nicht gelesen habe.
    Werde ich nachholen!

    Gefällt mir

  2. Ach, das war eines der besten Bücher, das ich 2015 gelesen habe. Es ist so ein – bäm, bäm, bäm – Schlag auf Schlag – Buch, durch das man rast. „Plotgetrieben“ bringt es auf den Punkt.
    Und ja, beinahe hätte ich es auch nicht aufgeschlagen, das Cover sprach mich nämlich auch nicht an ;-).

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  3. Pingback: Schnemann goes #fbm16: Der Mittwoch | Der Schneemann

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