Kultivierte Kriminalbeamte

Das barmherzige Fallbeil von Fred Vargas

© Limes

Man hat mir immer von ihr abgeraten. Zu absurd seien ihre Romane, zu abgehoben, für die meisten Menschen schlicht nicht geeignet. Lange habe ich deshalb einen Bogen um die französische Krimiautorin Fred Vargas gemacht. Sogar dann noch, als ich begann, mich intensiver mit dem Kriminalroman zu beschäftigen und dabei feststellte, dass mir Bücher abseits des Massengeschmacks oft am besten gefallen. Doch dann erschien Thekla Dannenbergs Ode an „Das barmherzige Fallbeil“ im Freitag und es war um mich geschehen: Ich wollte wissen, was sich hinter dem von ihr verwendeten Begriff des polar poétique verbirgt, wissen, was diese Frau für Bücher schreibt, die ich bei unserer allerersten Begegnung am Bücherregal noch für einen Mann gehalten hatte. Jetzt weiß ich es. Fred Vargas schreibt Bücher, die so einzigartig sind, dass man sie eigentlich unter Artenschutz stellen müsste.

„Gab es Probleme heute Nacht?“ „Ein Toter in der Vallée de Chevreuse. Zeugenbefragungen, ein übernervöser Sohn, hübsch wie ein Mädchen, ein Sekretär mit phänomenalem Gedächtnis, ein Gestüt, ein Schlägertyp von Gestütsmeister, eine Frau, die in einer Hütte im Wald lebt, ein Wildschwein, der Dorfgasthof, die Guillotine von Ludwig XVI., ein fluchbeladener Turm voller Rabenkot, und das alles an einem Ort, der ‚Le Creux‘ heißt und auf keiner Karte verzeichnet ist.“

Es fängt schon bei der Story an: Eine pflegebedürftige pensionierte Mathematiklehrerin wird tot in ihrer Badewanne gefunden. Selbstmord, so scheint es, doch als Krimileser steht man solch vorschnellen Schlussfolgerungen natürlich skeptisch gegenüber. Immerhin hat irgendwer ein seltsames Zeichen auf die Fliesen des Badezimmers geschmiert, das verdächtig an eine Guillotine erinnert. Kommissar Adamsberg und Commandant Danglard bringen in Erfahrung, dass die Tote vor ihrem Dahinscheiden nicht nur Besuch gehabt, sondern auch noch einen geheimnisvollen Brief verschickt hat. Die beiden Beamten begeben sich also auf die Suche nach dem Empfänger. Doch kaum haben sie eine erste Spur und sich die Bäuche mit den besten Strohkartoffeln der Welt vollgeschlagen, gibt es bereits die nächsten Todesfälle. Zusammenhänge werden konstruiert, bis sich schließlich eine Weggabelung vor den Polizisten auftut: Einige der Indizien führen auf eine kleine Insel im weit entfernten Island, andere wiederum zu einer Art Geheimgesellschaft, die sich den Robespierre’schen Schriften verschrieben hat und auf ihren Treffen die Französische Revolution nachspielt. Ab in den Flieger – oder doch lieber rein in die Kostüme?

„Wundere dich nicht“, sagte er zu seinem Brigadier. „Das ist Adamsberg.“ Als wäre damit alles erklärt. „Aber dieser Commandant Danglard“, meinte der junge Mann, „was hat der in seinem Schädel, dass er das alles weiß?“ „Weißwein.“

Adamsberg, den verträumten Kommissar mit der sanften Stimme und dem verschwommenen Blick, der schon mal die Ermittlungen einstellt, um einen Regenbogen zu betrachten, muss man einfach lieben. Ihm zur Seite stellt die französische Autorin den scharfsichtigen Danglard, eine Art menschliche Enzyklopädie mit dem Hang zu skurrilem Expertenwissen und schrägen Anekdoten. Aber auch die anderen Polizisten des Kommissariats kommen nicht gerade von der Stange: Sie alle sind Intellektuelle, Gelehrte, die isländische Lyrik rezitieren und sich für die schönen Dinge im Leben begeistern können, Mystiker in Uniform, die sich für die Lesung eines Briefes in den Hallen des Kommissariats versammeln, als wäre es eine heilige Messe. Computer? Rechenhexen. Technik? Ein Mythos. „Das barmherzige Fallbeil“ ist mitnichten eine realistische cop novel à la Ed McBain, auch wenn sich der Roman ausgiebig mit den Beziehungen der Polizisten untereinander und den Machtstrukturen innerhalb des Reviers beschäftigt. Stattdessen leben Vargas‘ Figuren in einer Blase aus Poesie und Intellektualität, in der Wildschweine Leben retten und Künstlerinnen siebenhundert Mal das gleiche Motiv malen können, die soziale Wirklichkeit jedoch weitestgehend ausgeblendet wird.

Obwohl es erst Anfang April war, wurde es schon mild in Paris, wenn die Luft an sich auch noch frisch war. Die Luft an sich. Wie sollte die Luft denn sonst sein? Außer sich?

Fred Vargas horcht in die Köpfe ihrer Figuren und fördert auch jene Gedanken zutage, die anderen Autoren zu banal oder irrelevant erschienen. Das macht den Charme ihrer Krimis aus. Gekoppelt an eine zutiefst poetische Sprache entstehen so skurrile, überbelichtete Bilder, fast als wären ihre Worte Vektoren, welche die Realität mal hier- und mal dorthin verschieben. Das macht aber auch den Schwachpunkt ihrer Krimis aus, das, was jene eingangs erwähnten Personen vielleicht mit „zu abgehoben“ meinten, als sie mir immer wieder von ihren Büchern abrieten. Fred Vargas vermischt in ihrem neusten Roman einen Brecht’schen Krimibegriff mit dem Wunsch der Romantiker, die Welt vor ihrer Entzauberung zu bewahren. Sie produziert literarische Rätsel mit sehr hohem Unterhaltungswert, aber ohne jede Aktualität – auch wenn Le Journal du Dimanche hier, im Gegensatz zu mir, einen Bezug zur politische Situation in Frankreich zu erkennen meint. Damit geht ihrem Buch eine gewisse Dringlichkeit ab, die dem durchaus vergnüglichen Leseerlebnis eine höhere Langzeitwirkung beschert hätte. „Das barmherzige Fallbeil“ kommt unerwartet harmlos daher.

„Warum, Danglard, stapeln sie eigentlich diese Milliarden Dinge in ihrem Kopf?“ „Um ihn zuzustopfen, Kommissar.“ „Ach, richtig.“ Ihn zuzustopfen, damit kaum noch Platz blieb, um über sich selber nachzudenken.

Nun weiß ich, was polar poétique ist – und bin entzückt, auch wenn mir das „polar“ an dieser Stelle etwas fehl am Platz erscheint. Fred Vargas ist eine der eigenwilligsten Stimmen des Genres und sollte alleine deswegen schon unbedingt gehört werden. Ihre Mischung aus Historien-Krimi und Whodunnit gehört zu den literarisch interessantesten Romanen des letzten Jahres. Hier und da mag sie mit ihrer Fabulierwut und den ellenlagen Monologen ihrer Figuren etwas über das Ziel hinausschießen, im großen Ganzen kann man jedoch nur den Hut ziehen vor so viel Einfallsreichtum und Originalität. Ebenfalls originell mag man es im Hause Limes gefunden haben, ein Zitat von Thomas Hobbes auf den Rücken eines Buches zu drucken, das sich mit Maximilien Robespierre beschäftigt. Bei mir hat das allerdings nur den Eindruck hinterlassen, man hätte entweder „Das barmherzige Fallbeil“ nicht gelesen oder pflege einen Umgang mit politischen Denkern, der Lothar Matthäus zur Ehre gereichen würde. Kopfschütteln ist alles, was mir dazu einfällt.

„Das barmherzige Fallbeil“ ist bei Limes als Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Waltraud Schwarze.

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5 Gedanken zu “Kultivierte Kriminalbeamte

  1. Pingback: Cops. Cops everywhere. | Der Schneemann

  2. Als absurd bezeichne ich die Romane von Fred Vargas nicht. Als skurril, teilweise surreal sind sie sicherlich treffender zu beschreiben.
    Und sie sind zumeist köstlich.
    Manchmal mögen Inhalte zu „abgedriftet“ erscheinen ( Der verbotene Ort), aber es sind dann immer die Sichtweisen der sehr speziellen Menschen, die sich in verschroben erscheinene Gedanken äußern, von denen dann das Handeln bestimmt wird.

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Deutscher Krimi Preis 2016 | Der Schneemann

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