Vom Unterdrücken und Aufbäumen

Slaughter Cop Town

© Blanvalet

Atlanta in den 70er Jahren. Ein Cop-Killer mit dem Spitznamen „Atlanta Shooter“ macht die Stadt unsicher. Polizist Jimmy Lawson schleift seinen blutüberströmten Kollegen, der in einer Seitenstraße angeschossen wurde, unter Höchstanstrengungen ins nächstgelegene Krankenhaus. Die Ärzte sind machtlos. An die Waffe, die die tödlichen Schüsse abgab, kann Jimmy sich später noch erinnern, nicht aber an den Mann am Abzug. Die Kollegen nehmen ihm das nicht übel, immerhin hat er Traumatisches erlebt, aber seine Schwester Maggie, die ebenfalls bei der Truppe ist, merkt sofort, dass Jimmy lügt. Den Drohungen ihres Onkels Terry – dem dritten Cop in der Familie – zum Trotz, will Maggie herausfinden, was an jenem Tag in jener Gasse wirklich vorgefallen ist. Doch als würde ihr Bruder etwas ahnen, bindet er ihr noch vor Beginn ihrer Ermittlungen einen Klotz ans Bein: Maggie muss sich ab sofort den Streifenwagen mit der frisch gebackenen Polizistin Kate teilen. Und auf sie aufpassen, natürlich. Denn die junge Frau aus wohlhabender Familie hat so gar keine Vorstellung davon, wie man auf Atlantas rauen Straßen überlebt.

„Alles ist legal, wenn du damit durchkommst.“ Maggie knallte die Spindtür zu. „Willkommen im Atlante Police Department.“

Cop Town“ von Karin Slaughter ist vor allem ein Roman, der die Diskriminierung von Frauen in- und außerhalb des Polizeidienstes anprangert. Ihre beiden Protagonistinnen sind auf unterschiedliche und doch sehr ähnliche Weise davon betroffen. Maggie, die mit ihrem gewalttätigen, alkoholabhängigen Onkel Terry, ihrer völlig passiven, kettenrauchenden Mutter und ihren Geschwistern in einem schäbigen Haus lebt, hat ihren Berufswunsch gegen alle Widerstände durchgesetzt. Trotzdem ist sie machtlos gegenüber den Zurechtweisungen ihres Onkels, den Beschimpfungen und Schlägen und kann ohne seine Unterschrift nicht einmal ein Bankkonto eröffnen. Sie ist seiner Willkür vollkommen ausgeliefert. Kate dagegen wuchs in einem behüteten, von Frauen dominierten Haushalt auf und kennt nichts dergleichen. Dementsprechend fehlen ihr die nötigen Ellenbogen, um sich gegen die anzüglichen Blicke, die sexistischen Bemerkungen und die beiläufigen, groben Berührungen ihrer männlichen Kollegen zu wehren. Denn Frau sein bedeutet im Atlanta Police Department: Du bist nur hier, weil wir vom Staat Fördergeld für dich kassieren. Du hast Männerklamotten in Männergröße zu tragen, wenn du wirklich meinst, einen Männerberuf ausüben zu müssen. Und wenn du dich schon nicht vögeln lassen willst, bleib wenigstens im Auto, während wir die bösen Jungs dingfest machen.

„Ich will, dass du aus meinem Wagen steigst und diese verdammte Uniform ausziehst und dir einen Ehemann suchst und Kinder bekommst und Kuchen backst und das Haus hütest wie eine gottverdammte normale Frau!“

Karin Slaughter hat nicht nur einen der sprechendsten Namen der Kriminalliteratur, sondern auch einen der bekanntesten. Die amerikanische Erfolgsautorin machte in der Vergangenheit vor allem mit brutalen, expliziten Psychothrillern von sich reden, die fast allesamt die oberen Ränge der Bestsellerlisten erklimmen konnten. Für ihre Reihe um Special Agent Will Trent zog es sie erstmals raus aus ihrem fiktiven Grant County, hin zum realen Schauplatz Atlanta und hinein ins dortige Police Department. Für ihren neusten Roman verblieb sie dort, doch zog es sie wiederum heraus aus ihren Erfolgsreihen und hinein in das Jahrzehnt ihrer Geburt. Man merkt „Cop Town“ die umfangreiche Recherche an, die nötig war, um ein solch stimmiges Setting zu schaffen, das weit über Retro-Kitsch und die simple Reproduktion von Fakten hinausgeht. Hier wird gar nicht erst die Musik bemüht, keine geschichtlichen Ereignisse in die Handlung eingeflochten oder sonst irgendwie versucht, Nostalgie zu erzeugen. Slaughters Buch liest sich nicht wie ein historischer Roman, weil sie alle Regeln dieses Genres missachtet und sich lediglich darauf konzentriert, die soziale Wirklichkeit der damaligen Zeit abzubilden. Ein ebenso kühner wie wirkungsvoller Ansatz.

„Das hier ist schlicht und einfach ein Rassenkrieg. Davon liest man nichts in der Zeitung oder hört es im Radio – aber wir sehen es auf den Straßen. Es ist genau, wie ich vor zehn Jahren gesagt habe: Gib ihnen ein bisschen Macht, und sie stürzen sich auf dich wie tollwütige Hunde. Die Macht wieder übernehmen – das ist jetzt unsere Pflicht.“

Dass „Cop Town“ sich nicht wie eine Zeitreise anfühlt, ist nicht nur der Herangehensweise der Autorin zuzuschreiben. Es liegt auch daran, dass viel zu viel von dem, was sie beschreibt, heute wieder oder gar immer noch aktuell ist. Kate, deren Großeltern und Eltern im KZ waren, traut sich beispielsweise nicht, sich als Jüdin zu outen, denn ihre Kollegen machen die Juden für steigende Mieten verantwortlich, glauben, sie hätten das gesamte Finanzwesen in ihren Händen, seien gierig, hinterhältig und unehrlich. Antisemitischen Ressentiments, denen man auch hierzulande immer häufiger wieder begegnet. Auch Rassismus eine große Rolle in Slaughters Roman. Wenn die beiden Polizistinnen ein Jahrzehnt nach Martin Luther Kings berühmter Rede durch einen Stadtteil namens „Colored Town“ fahren, wenn die Hautfarbe entscheidet, mit wem man auf Streife darf, oder vermutet wird, die Gleichberechtigung der Ethnien würde zum Untergang von Moral und Anstand führen, dann sind wir mitten in der viel zitierten „Parallelgesellschaft“ und gleichzeitig bei einem Pegida-Aufmarsch. Einer Sarrazin-Lesung. Einer Trump-Rede. Alle hassen alle und sich teilweise auch noch untereinander. Wir gegen die. Schlimmer als Frauen, Juden und Afroamerikaner sind in „Cop Town“ nur Homosexuelle dran. Gleichgeschlechtliche Liebe ist hier ein größeres Verbrechen als Mord und wird außergerichtlich mit dem Tode bestraft.

Delia zupfte sich einen Tabakbrösel von der Zunge. „Dieses Emanzipationszeugs funktioniert für reiche Mädchen, aber du hast nichts anderes vorzuweisen als dein Gesicht und deine Figur. Nutz beides, bevor’s verloren geht.“

Karin Slaughter hat den Spannungsbogen raus. Sie weiß, wie Cliffhanger funktionieren. Atemlos hechtet man durch ihre durch und durch glaubwürdige cop novel, die ihr ein ganz neues Publikum erschließen dürfte. Mit einer jahrelang geschulten, effektiven Schreibe führt sie uns durch ihre ungeheuerliche Geschichte. Nur das Ende hätte ruhig etwas unkonventioneller ausfallen dürfen. Zu viel Hollywood, zu gefällig. Die Enttäuschung wird jedoch durch die vielen Stunden großartiger Unterhaltung wieder wettgemacht, die sich hinter den hypnotischen Augen auf dem Cover von „Cop Town“ verbergen. Eine angenehme Überraschung, hätte ich von Karin Slaughter doch nichts Derartiges erwartet, aber eine mit schmerzhaften Folgen, denn die Intensität, mit der die Autorin von sexueller Belästigung und himmelschreiender Ungerechtigkeit gegenüber Frauen erzählt, sucht ihresgleichen. Sprich: Statt auf Psychoterror und Verstümmelungen setzt die Bestseller-Königin neuerdings auf den realen Terror, den zwischenmenschlichen, der meist ganz unspektakulär vonstatten geht. Damit lassen sich möglicherweise weniger Bücher verkaufen. Spannender als der x-te Schablonen-Serientäter-Thriller ist es jedoch allemal.

„Cop Town“ von Karin Slaughter ist bei Blanvalet als Klappenbroschur erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Klaus Berr.

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7 Gedanken zu “Vom Unterdrücken und Aufbäumen

  1. Pingback: Cops. Cops everywhere. | Der Schneemann

  2. Du bringst mich tatsächlich zum Grübeln. Slaughter war für mich, wie Gunnar, eigentlich ein abgeschlossenes Thema und rotes Tuch. Mainstream-Dutzendware für den Fastfood-Wegwerfleser. Nichtsdestotrotz macht die beschriebene Thematik neugierig. Und da du ja jetzt durchaus auch Gefallen gefunden hast … sollte ich doch schwach werden? 😉

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      • „Es schadet sicherlich nicht“ ist genau die Einstellung, die meine Ausgaben in den Buchhandlungen ständig in die Höhe treibt. *lach* Na, ich muss mal schauen. Eventuell leihe ich es mir eher mal aus. Momentan stehen ein paar andere Titel auf der To-Buy-Liste.

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