Ungebändigtes Talent

atkins stadt der ertrinknenden

© Polar

In den meisten Fällen ist es keine gute Idee, mit 15 Jahren die Arbeit an einem Roman zu beginnen. Der Neuseeländer Ben Atkins hat es trotzdem getan. Sein geschichtliches Interesse, genau genmmen die Erkenntnis, dass Geschichte immer zyklisch verläuft, ließ ihn 2009 zum Stift greifen. In der Stille nach dem Knall, mit der ein Jahr zuvor die globale Finanzblase platzte, setzte er zu einer Erzählung über die Weltwirtschaftskrise von 1929 an, über die Zeit der Prohibition und die „Große Depression“, die darauf folgte. Herausgekommen ist „Stadt der Ertrinkenden“, ein hierzulande zwar bisher viel zu wenig beachtetes, aber von den Kritikern dennoch hochgelobtes Debüt. Dass wir überhaupt in den Genuss dieses Buches kommen, verdanken wir dem Hamburger Polar Verlag, der sich mit Autoren wie Atkins – oder etwa dem Franzosen Jérémie Guez – gerade in erheblichem Maße um den Krimi-Nachwuchs verdient macht. Und nach der Lektüre dieses „Mid-Century-Noir“ bleibt nur zu sagen: Es handelt sich dabei um ein lohnendes Engagement.

Vornübergebeugte Leute stapften mit hochgezogenen Schultern die Straßen entlang, stießen Dampfwölkchen aus wie kleine Maschinen. Ich wusste genau, wie es war, einer von ihnen zu sein, ein trüber Schatten unter vielen, den Kragen gegen den Regen hochgeklappt, und sich zu fühlen wie nichts als ein Stück Haut und ein paar tiefgefrorene Gedanken.

1932. In den Vereinigten Staaten von Amerika warten alle gespannt auf die Aufhebung des Alkoholverbots. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sich all jene, die sich mit dem Schmuggeln von Spirituosen ihren Lebensunterhalt verdienen, eine neue Beschäftigung suchen müssen. Massimo Fontana, rechte Hand des Bandenchefs Luca Saverino, ist daher mit dem Kopf schon halb im erzwungenen Ruhestand, als eine verblüffende Meldung die Runde macht: Irgendjemand war tatsächlich dumm genug, einen ihrer Alkoholtransporte zu überfallen – und damit kurz vor dem Ende noch einen Krieg zu riskieren. Zu allem Überfluss befand sich an Bord auch noch ein ganz besonders edler Tropfen, der exklusiv für den mysteriösen „Franzosen“ bestimmt war. Um Boss und Kunden nicht zu verärgern, macht Fontana sich auf in die Nacht. Zigaretten werden geraucht, Drinks gekippt, Gespräche geführt und Blicke ausgetauscht. Vor Sonnenaufgang müssen die Drahtzieher gefunden sein, doch in den dunklen Gassen der Stadt lauern jede Menge Überraschungen.

Ich hatte den Sinn von Salons noch nie verstanden. So etwas kam fast ausschließlich in englischen Romanen vor. Die Leute wurden darin auf raffinierte Weise ermordet. Zu mehr war so etwas auch nicht gut. Wayrights Salon mit seinem riesigen leeren Fenster wirkte ohne lästige Leiche gänzlich zweckfrei.

Die „Stadt der Ertrinkenden“ ist ein Mosaik. Zusammengesetzt aus Versatzstücken des Roman noir, der Filme der klassischen Hollywood-Ära und der amerikanischen Literatur der 20er Jahre wirkt Atkins‘ Roman zu jeder Zeit wie eine Hommage; als hätten Fitzgerald und Chandler sich am Drehbuch zu Casablanca versucht. Der stereotype einsame Held, der außerhalb seines Kopfes kaum ein Wort fallen lässt, kommt ebenso darin vor, wie die geheimnisvolle Schöne, die aus irgendeinem Grund immer dort auftaucht, wo die vielbeschworene Dunkelheit den Protagonisten gerade anspült. Zu dieser durchaus interessanten Mischung von Stilen gesellt sich der politische Anspruch des „Wunderkinds“. Nie lässt er seinen Erzähler den Zusammenhang, nie das große Ganze aus den Augen verlieren. Einerseits bringt Atkins dadurch eine eigene Note in seine zusammengewürfelte Zitatsammlung, andererseits wirken seine Einschübe oft zu konstruiert und sind innerhalb der Erzählung manchmal mehr Fremdkörper als Bereicherung. Mit der Verve eines übermotivierten Lehrers fängt er an den unpassendsten Stellen das Dozieren an.

Ich würde niemals fähig sein, mir das ganze Ausmaß des Lebens dieser Stadt zu vergegenwärtigen. Man sagte, es gäbe über zwei Milliarden Menschen auf dem Planeten. Zwei Milliarden. Man konnte sich unter solchen Zahlen doch gar nichts vorstellen.

Das ist überhaupt das Grundproblem des Romans. Dem jungen Autor fehlt ein Gespür für den richtigen Moment, für Komposition, für den Text als Ganzes. Man könnte auch sagen: Er ist zu erstaunt von seinen eigenen sprachlichen Fähigkeiten, um sie nüchtern einzusetzen, und schreibt sich daher in einen Rausch. Das führt zu einer Unmenge sprachlicher Bilder, deren Qualität zwischen „außerordentlich gelungen“ und „völlig daneben“ schwankt. Seine Trefferquote beträgt dabei geschätzte fünfzig Prozent. Oft macht er auch eine tolle Formulierung dadurch zunichte, dass er ihr keinen Raum lässt, dass er nochmal einen draufsetzt und die Magie, die er gerade im Begriff war zu erschaffen, damit im Kitsch erstickt. Dann stehen Fotos stramm, werden Beine durchgeladen und Finger, die sich auf die Suche nach Zigaretten machen, zu Bockwürsten degradiert. Stellenweise metaphert und vergleicht sich der Neuseeländer um Kopf und Kragen. Erfreulicherweise gibt es immer wieder seitenweise Dialoge, die nicht nur äußerst gelungen sind, sondern die Geschichte auch vorantreiben, wenn sie gerade mal wieder droht, in der Fabulierwut ihres Schöpfers zu versumpfen.

Gewisse Männer verharrten am Rand der Tanzfläche, dieser gesellschaftlichen Klippe, warteten auf den passenden Pegel der Trunkenheit. Gewisse Frauen klammerten sich an doppelt so alte Verehrer und lächelten mit den Schenkeln.

Nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht. Die Lektüre dieses Debüts lohnt sich absolut. Ben Atkins sticht aus der Masse heraus, weil er lieber grandios am eigenen Anspruch scheitert, als etwas Durchschnittliches zu erschaffen. Seine himmelhohen Ambitionen und sein Gefühl für Sprache machen aus ihm einen Autor, von dem wir noch Großes erwarten dürfen. Was ihn bei seinen ersten Gehversuchen auf dem literarischen Parkett letztlich aus dem Tritt bringt, ist der Wille, zu jeder Zeit besonders geistreich erscheinen zu wollen. Man könnte das jetzt gönnerhaft-herablassend als jugendliche Überheblichkeit abtun, doch weder trifft es das, noch ist das besonders hilfreich. Am Ende fehlt Ben Atkins nämlich lediglich die Erfahrung und die damit einhergehende Abgebrühtheit, die es braucht, um Akzente nur an die Stellen zu setzen, an denen sie ihre größtmögliche Wirkung entfalten können. Das Talent dazu hat er, das steht nach der Lektüre seines Erstlings außer Frage. Nicht nur die Literaturagenten dieser Welt sollten ihn daher unbedingt im Auge behalten.

„Stadt der Ertrinkenden“ von Ben Atkins ist bei Polar als Klappenbroschur erschienen. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Laudan und Szelinski.

Advertisements

Diesen Artikel kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s