Auf Verbrecherjagd in NYC

Richard Price Die Unantastbaren

© S. Fischer

Detective Billy Graves, einst Mitglied der glorreichen „Wildgänse“, einer gefürchteten Gruppe von New Yorker Polizisten, muss Nachtschicht schieben. Er hält sich mit Energydrinks, hastig gerauchten Zigaretten und dem Hass auf jenen ganz speziellen Mörder wach, den er nie hatte hinter Gitter bringen können. Seinen ehemaligen Kollegen ergeht es nicht anders. Jeder von ihnen hat seinen eigenen „Unantastbaren“, einen Verbrecher, der ihnen während ihrer gemeinsamen Dienstzeit durch die Lappen ging und den sie unbedingt seiner gerechten Strafe zuführen möchten. Dann wird einer dieser Männer ermordet – und wie Brackwasser aus den Kanaldeckeln überfluteter Straßen werden die alten Geschichten wieder hochgespült.

Dass Richard Price es kann, darüber müssen wir nicht diskutieren. Sei es der fulminante Roman „Cash“, sei es „Clockers“, ein Buch, dass selbst Präsident Obama mit in die Ferien nahm oder seine preisgekrönten Drehbücher für die Erfolgsserie „The Wire“ – wo sein Name draufsteht, ist Qualität drin. Für seinen neusten Roman legte er diesen kurzzeitig ab und schmückte sich mit dem Pseudonym Harry Brandt. Ein Schritt, den er selbst bereits bereute, ein missglückter Marketing-Stunt, von dem der deutsche Leser überhaupt nichts mitbekommt und der dem Ergebnis außerdem keinen Abbruch tut. Mit gewohnt gestochen scharfen Sätzen hangelt sich der Autor mit den zwei Gesichtern an alten Tatortfotos entlang in die dunkelsten Stunden der Nacht.

So viel Leid, so viel Gewalt. Price bemüht nicht das überstrapazierte Klischee des gebrochenen Polizisten, er zeigt vielmehr, wie es Menschen verändert, tagtäglich mit dem Unmenschlichen konfrontiert zu werden. Irgendwann im Laufe der Geschichte nimmt man die unzähligen Gräueltaten, die Billy Graves mitansehen muss, nur noch als Regentropfen wahr, die auf der Scheibe seines Dienstwagens Schlieren ziehen, gebannt von der diffusen Gefahr, die den ausgemergelten Familienvater in immer kleiner werdenden Abständen umkreist. „Die Unantastbaren“ ist ein atemloser, grimmig-düsterer Cop-Thriller, eine intime Charakterstudie mit ebenso authentischen, humorvollen wie konkurrenzlosen Kreuzfeuerdialogen – und damit alles, was die zweite Staffel von „True Detective“ gerne gewesen wäre.

„Die Unantastbaren“ von Richard Price ist gerade bei Fischer als Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Miriam Mandelkow. Dieser Text ist bereits in ähnlicher Form im CrimeMag erschienen


Kreidemädchen

© btb

Detective Kathleen Mallory war so lange verschwunden, dass ihr Partner Riker sich bereits Sorgen machte. Jetzt ist sie jedenfalls wieder da, und mit ihr ein neuer Fall: Im Central Park regnet es Ratten. Was Albert Camus die reinste Freude gewesen wäre, sorgt bei den New Yorkern für Entsetzen. Eine Lehrerin, die mit einer Gruppe von Schülern unterwegs ist, wird von ihnen regelrecht  zerfleischt und im darauffolgenden Trubel geht ein kleines rothaariges Mädchen mit blutigen T-Shirt verloren, das sich heimlich der Schülergruppe angeschlossen hatte. Als die Polizisten das Mädchen nach einer ausgedehnten Suchaktion endlich finden, entdecken sie in der Nähe ihres Verstecks etwas Unglaubliches: In den Bäumen hängen zwei Säcke. In dem einen befindet sich die Leiche einer Frau, in dem anderen ein halb verdursteter Mann. Kurz darauf wird ein drittes Opfer lebendig aus einem solchen Gefängnis geborgen. Wer aber steckt hinter diesen Taten? Wer ist der Mann, den die Medien nach Kafka den „Hungerkünstler“ nennen?

Mein erster Gedanke: Nicht schon wieder ein Serienkiller-Krimi. Mein zweiter: Das ist ja mal verdammt gut geschrieben. Hut ab. Kathleen Mallory ist zudem eine fesselnde Hauptfigur, der Prototyp der soziopathischen Ermittlerin, eine Frauenfigur, wie man sie momentan in vielen Variationen auch im Fernsehen wiederfindet. Ich fühlte mich jedenfalls sofort an Detective Sarah Linden aus „The Killing“ (beziehungsweise Kommissarin Lund) erinnert – und das nicht nur wegen Mallorys Vergangenheit, in der sie zwischen Pflegefamilie und Obdachlosigkeit hin- und her pendelte. Die Wortgefechte und die langwierigen Scharmützel, die sich Mallory mit ihren Kollegen und Freunden liefert, lassen jede Seite zur Wundertüte werden. Hinter dem verkaufsfördernden „Thriller„-Aufdruck verbirgt sich nämlich eine waschechte cop novel.

Carol O’Connell ist eine Könnerin. Wie oft habe ich während der Lektüre gedacht, ein altgedientes Schema der Kriminalliteratur wiederzuerkennen, wie oft habe ich mich selbstzufrieden zurückgelehnt und darauf gewartet, dass meine Erwartungen erfüllt werden – und wie oft hat sie mich eines Besseren belehrt. Ein, zwei Wendungen mögen tatsächlich voraussehbar sein, insgesamt ist „Kreidemädchen“ jedoch ein undurchschaubares Rätsel, das mit so herrlichen Szenen aufwartet, dass ich nur jeden beglückwünschen kann, der sich dieses Buch anschafft. Mal humorvoll, mal zynisch, hochemotional und doch brutal, Seite um Seite bevölkert von liebenswürdigen, unverbraucht wirkenden Charakteren, lässt dieser Roman keine Wünsche offen und versetzt auch Skeptiker wie mich in ehrfürchtiges Schweigen. Lediglich die Auflösung wirkt etwas blutleer, aber darüber kann man angesichts der hohen Qualität des restlichen Romans getrost hinwegsehen. An das nächste Buch von O’Connell werde ich jedenfalls ganz anders rangehen: Mit riesiger Vorfreude und himmelhohen Erwartungen.

„Kreidemädchen“ von Carol O’Connell ist bei btb im Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Judith Schwaab.

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2 Gedanken zu “Auf Verbrecherjagd in NYC

  1. Pingback: Cops. Cops everywhere. | Der Schneemann

  2. Hmm… vielleicht muss ich es mit Carol O’Connell nochmal probieren. Ich wollte ja mal wieder am Anfang beginnen und hab mir Mallorys Orakel geschnappt, aber das nach ca. 100 Seiten sein lassen, weil ich keinen EIngang gefunden habe.

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