Im Nebel

Alias Toller

© Transit

Es gibt Verbrechen, angesichts derer alles, was einem sonst in Kriminalromanen begegnet, verblasst. Sie stellen, im Gegensatz zum alltäglichen Stehlen, Betrügen und Morden keinen Angriff auf das System dar, stören nicht dessen empfindliches Gleichgewicht, in dem sie an seinen Grundfesten rütteln, weil sie immer nur dann stattfinden, wenn jede gesellschaftliche Ordnung bereits außer Kraft gesetzt ist. In Zeiten der Barbarei. Im Krieg. Von einem solchen Kriegsverbrechen berichtet Ulrich Effenhauser in seinem für den Friedrich-Glauser-Preis nominierten Roman „Alias Toller“. Es ist eine Geschichte über die Zeit des Nationalsozialismus, erzählt im Schatten des RAF-Terorrs, die nur wenige Jahre von unserer Gegenwart entfernt ihr Ende findet. Der Historiker und Autor schickt seinen Protagonisten auf eine Reise ins Archiv der menschlichen Grausamkeit. Würde Effenhausers Sprache dabei nicht so leuchten – seine Leserinnen und Leser fänden aus dieser Düsternis nicht heil wieder heraus.

„Ich glaube, meine Welt ist eine Müllhaufenwelt“, sagt Heller, „es stinkt, und der Gegenstand, den man sucht, liegt irgendwo herum, meist woanders, als man denkt. Manchmal stolpert man über ihn, und manchmal findet man einen, den man gar nicht gesucht hat.“

Ende der siebziger Jahre wird ein Studiendirektor durch eine Autobombe getötet. Die Polizei hält einen Schüler dieses strengen, aber allseits geachteten Mannes für den Täter, bis sich die RAF öffentlich zu dem Anschlag bekannt. Kriminalkommissar Kolnik, der sonst nie sein Büro verlässt, reist daraufhin überraschend nach Prag ab, um in diesem Fall weitere Untersuchungen anzustellen. Wenige Zeit später ist er tot. Kolniks Assistent, Alwin Heller, versucht die Ermittlungen weiterzuführen. Zusammen mit der Tochter des Verstorbenen reist er nun ebenfalls nach Prag – und das ist bei weitem nicht die letzte Station, die er auf der Suche nach der Wahrheit durchlaufen muss. Wer war sein Chef wirklich? Was hat sein letzter Fall mit der ganzen Sache zu tun? Und was all die anderen Gräueltaten, auf die er bei seinen Nachforschungen stößt? Er kann diese Fragen nicht abschließend beantworten. Nach der Jahrtausendwende blättert deshalb ein desillusionierter Alwin Heller in der Akte, die sein Scheitern dokumentiert. Nach all dieser Zeit lässt ihm das darin verborgene Geheimnis immer noch keine Ruhe.

Er kam an den Ausgrabungen vor dem Theater vorbei, römische Fundamente wurden freigelegt, Heller schaute den Archäologen zu, wie sie mit Pinsel und Schäufelchen Schicht für Schicht abtrugen, gelegentlich steckten sie ein Fundstück in eine Plastiktüte, „wie bei uns“, murmelte er und schlenderte weiter.

Das Cover sagt eigentlich schon alles. Wir sehen einen Mann, der sich auf einer Straße in Richtung nebelverhangene Unschärfe befindet. Diese Unschärfe ist es, die den Roman von Anfang an bestimmt, sei es durch beiläufig gekennzeichnete Zeitsprünge, oder durch die schludrig gezogene Linie zwischen Realität und Fiktion, die erst im Nachwort nochmal nachgefahren wird. Der Blick in die Vergangenheit ist getrübt, verklärt, man kann den verschwommenen Erinnerungen der Beteiligten nicht trauen. Bezeichnend, dass es einen Kameramann braucht, um das Objektiv wieder scharf zu stellen – und damit eine Szene von markerschütternder Intensität auf die papierne Leinwand zu werfen. Ebenfalls bezeichnend, dass Wasser in diesem Buch eine zentrale Metapher darstellt. Denn Heller kämpft gegen den unaufhaltsamen Fluss der Zeit, und selbst wenn er diesem „Meer aus Einzelheiten“ einige Geheimnisse entreißen kann, so ist er doch machtlos angesichts dessen, was schon hinweggespült und abgetragen wurde. Stell dich in den Strom, und er fließt auf beiden Seiten an dir vorbei.

Einmal hatte sie den Vater gefragt, ob er lieber Eintopf oder Suppe zu Mittag haben wollte. „Da hat er mit der Faust auf den Tisch geknallt und ist laut geworden. Mach, was du willst! Ich habe über die Zukunft Deutschlands nachzudenken, hat er mich angeschrien. Von da an habe ich ihn nicht mehr mit solchen Kleinigkeiten behelligt.“

Im Zentrum der Geschichte steht ein Dreiergespann: Kriminalkommissar Theodor Kolnik repräsentiert die Kontinuität, das Verdrängen der NS-Zeit und die Verweigerung deren Aufarbeitung. Er sieht sich die Fälle, mit denen er betraut wird, nicht direkt an, besucht in seiner Zeit bei der Polizei nicht einen einzelnen Tatort und befragt auch niemals einen Zeugen. Stattdessen löst er jedes Verbrechen auf abstrakt-mathematische Weise vom Schreibtisch aus, nur anhand der jeweiligen Akten und mithilfe seiner literarischen Dreifaltigkeit, bestehend aus Kafkas „Process“, Dostojewskis „Schuld und Sühne“ (bzw. „Verbrechen und Strafe“) und dem Alten Testament. Wäre „Alias Toller“ etwas heiterer, man könnte Kolnik glatt mit einer Figur von Fred Vargas verwechseln. Ihm unterstellt ist sein Assistent und späterer Nachfolger Alwin Heller, der nicht zufällig die Initialen des „Führers“ trägt. Ein emphatischer, besonnener, etwas spießiger Charakter, der mit der Zeit immer mehr in sich zusammenfällt, weil ihm die Last dessen, was er weiß, zu viel wird. Und dann wäre da noch die Dritte im Bunde, Kolniks Tochter Charlotte. Eine selbstbewusste junge Frau, ein Wirbelwind. Sie verkörpert den Neuanfang, das Sich-von-den-Fesseln-befreien, doch ihre Impulsivität verpufft im Angesicht der harten Realität.

Das Verbrechen ist eine Ratte. Eine schwangere Ratte, die durch die Welt schleicht.

„Alias Toller“ ist ein unaufgeregtes Buch, voll von zurückhaltender Poesie, das sich nur schwer in eine Schublade stecken lässt. Ein Spionageroman, irgendwie, ein historischer Thriller, manchmal aber auch derart noir, dass man die Hand vorm inneren Augen nicht mehr erkennt. Man merkt, dass Ulrich Effenhauser lange genug unter dem Radar der Leseraufmerksamkeit flog, um in Ruhe seine eigene Stimme finden zu können – mit der er nun, durch die Veröffentlichung im kleinen, aber renommierten Transit-Verlag, bei einer breiteren Öffentlichkeit Gehör findet. Das, was er zu erzählen hat, hallt jedenfalls noch lange Zeit nach. Mit melodischen Sätzen schiebt er sein Publikum langsam, aber bestimmt auf die Abgründe zu, die uns umgeben, und uns immer schon umgeben haben. Ob wir sie nun wahrnehmen wollen, oder nicht.

„Alias Toller“ von Ulrich Effenhauser ist im Transit-Verlag als Hardcover erschienen.

P.S.: Eine Fortsetzung dieses Romans ist, sofern ich die Infos auf der Homepage des Autors richtig deute, bereits in Planung. Wie genau Ulrich Effenhauser an diese Geschichte anknüpfen will – davon lasse ich mich gerne überraschen.

 

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