Vorschau 2016: Teil 7

Westlake Fünf schräge Vögel    pb    Greene Der dritte Mann    Ambler Die Maske des Dimitrios

Wenn es einen Trend in den letzten Jahren gab, dann den, Klassiker neu zu entdecken„, schrieb ich letztes Jahr in meiner Vorschau. Daran hat sich auch 2016 nicht viel geändert und erfreulicherweise wird ein immer breiteres Spektrum an Autoren neu übersetzt. Ich bin überzeugt davon, dass man als (Krimi-)Verlag auf diese Art langfristig Leserinnen und Leser binden kann, weil man sie durch die pure Auswahl und die damit verbundene Kontextualisierung für mehr als nur den Text eines Werkes, sondern für die Materie selbst, den großen, vielfältigen Krimi-Kosmos, begeistern kann. Die Betonung liegt natürlich auf „kann“. Von elementarer Bedeutung ist daher das Vorwort – eine der unterschätztesten literarischen Gattungen überhaupt.

Donald E. Westlake | Fünf schräge Vögel

Westlake Fünf schräge Vögel

© Atrium

Das sagt der Verlag: New York, 1970: John Dortmunder hat in seinem Leben noch keinen einzigen Cent auf ehrliche Weise erworben. Er ist ein Meisterdieb, bei dem man sich auf zwei Dinge verlassen kann: Erstens: Er bereitet seine Coups akribisch vor. Zweitens: Die Sache geht gründlich schief. Denn Dortmunder ist zwar ein brillanter Kopf, aber auch ein chronischer Pechvogel. Zusammen mit vier schrägen Kleinganoven plant Dortmunder den Raub eines afrikanischen Edelsteins, der im Rahmen einer Wanderausstellung in New York ausgestellt ist: hinter Panzerglas und schwer bewacht. Dortmunder schmiedet einen Plan, der ebenso verrückt wie genial ist und der eigentlich nur schiefgehen kann. Doch tatsächlich gelingt es den fünf Gangstern, den Stein in ihren Besitz zu bringen – zumindest für kurze Zeit, denn dann sind sie ihn auch schon wieder los. Es folgt eine haarsträubende Jagd zu Lande, zu Wasser und in der Luft nach einer Beute, die einfach nicht zu fassen ist.

Das sage ich: Westlake ist wahrscheinlich einer der vielseitigsten Krimi-Schriftsteller, die je gelebt haben. Seine Reihe um den Berufsverbrecher John Archibald Dortmunder, die mit „Fünf schräge Vögel“ (bereits 1971 unter dem Titel „Finger weg von heißem Eis“ bei Ullstein erschienen) ihren Anfang nimmt, ist aber der Legende nach aus Versehen entstanden. Eigentlich wollte Westlake nämlich eine neue Parker-Story schreiben, doch das Ergebnis passte nicht so recht zu dieser menschlichen Brechstange. Das Buch war schlicht zu witzig. Wem also die hardboiled-Welt der Romane von Richard Stark zu brutal ist, der dürfte hieran mehr Gefallen finden. Ebenfalls lohnend: Die Verfilmung von Regie-Legende Peter Yates, der nicht nur für „Bullitt„, sondern auch die eher unbekannte Higgins-Adaption „The Friends of Eddie Coyle“ verantwortlich ist.

Erscheinungsdatum: 21. März 2016

Léo Malet – Die Sonne scheint nicht für uns

pb

© Nautilus

Das sagt der Verlag: Der sechzehnjährige André wird wegen Vagabundierens ins Jugendgefängnis gesteckt und endet als jüngster Geköpfter Frankreichs unter der Guillotine. In diesem Roman hat Malet den Pariser Underdogs der zwanziger Jahre ein Denkmal gesetzt. Das »Paris von unten« mit seinen Spelunken, Quais und Elendsquartieren beschreibt Malet ohne romantische Verklärung. Glück existiert für die Herumtreiber nur als trügerische Hoffnung, auch wenn es den Namen Gina trägt und ein Entkommen aus dem Elend verspricht. Denn Gina wird an einen Araber verhökert, und das Unglück nimmt seinen Lauf. Nach einem Mord ihres eifersüchtigen Geliebten stirbt Gina auf der Flucht. André bestattet sie nach Indianerart auf einem Baum zwischen zwei dicken Ästen, durch die die aufgehende Sonne sie bescheinen kann.

Das sage ich: Malet wurde, wie auch Westlake, vor allem durch eine Krimireihe berühmt. Seine Romane um Privatdetektiv Nestor Burma sind auch heute noch vielen Lesern ein Begriff. Weniger bekannt, dafür jedoch krimihistorisch bedeutsamer, ist seine „Schwarze Trilogie“, die gerade bei Nautilus in einer überarbeiteten Neuausgabe erscheint. Band Eins, „Das Leben ist zum Kotzen„, liegt noch ungelesen hier herum, und daran wird sich vermutlich auch bis zum Erscheinen vom zweiten Band nicht viel ändern. Vielleicht warte ich einfach, bis alle drei Bücher verfügbar sind, und lese sie dann in einem Rutsch. Die großartigen Cover sind jedenfalls alleine fast schon Anreiz genug, sich diese Werke ins Regal zu stellen.

Erscheinungsdatum: Anfang März 2016

Eric Ambler | Die Maske des Dimitrios

Ambler Die Maske des Dimitrios

© Hoffmann und Campe

Das sagt der Verlag: Istanbul in den 1930ern: Auf seiner Reise sucht der englische Kriminalschriftsteller Charles Latimer nach Inspiration. Als er von der Polizei erfährt, dass gerade eine Leiche aus dem Bosporus gefischt wurde ? entstellt bis zur Unkenntlichkeit ?, wittert er den Stoff für sein nächstes Buch. Doch wie nah darf er dem Verbrechen kommen? Bei dem Toten handelt es sich um niemand geringeren als Dimitrios, den berüchtigten und seit langem gesuchten Betrüger und Mörder. Latimer ist fasziniert und macht sich daran, Dimitios‘ Spuren zu folgen. Es beginnt eine Jagd durch ganz Europa, bei der er sich mit jedem Hinweis, dem er nachgeht, tiefer in Gefahr begibt. Als Latimer schließlich erkennt, mit welchen Mächten er sich angelegt hat, steht sein eigenes Leben bereits auf dem Spiel.

Das sage ich: Hoffmann und Campe belebt Eric Ambler wieder. So erscheint neben dieser Hardcoverausgabe beim zugehörigen Atlantik-Verlag zeitgleich „Ungewöhnliche Gefahr“ in einer Taschenbuchausgabe – und im Juni „Nachruf auf einen Spion„. Alle drei Romane dieses Autors, der bei der Aufzählung der einflussreichsten Krimischreiberlinge gerne mal in Vergessenheit gerät, wurden von Matthias Fienbork übersetzt (wobei die Übersetzungen der Taschenbuchausgabe, wenn mich nicht alles täuscht, schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben) und hinterher mit quietschbunten Covern versehen. Die sollen anscheinend das selbe Klientel ansprechen sollen, das sonst zu Agatha Christie greift.

Erscheinungsdatum: 16. April 2016

Graham Greene | Der dritte Mann

Greene Der dritte Mann

© Zsolnay

Das sagt der Verlag: Wien in der Nachkriegszeit: Die vier Besatzungsmächte haben die Stadt aufgeteilt, der Schwarzmarkt blüht. Einer der mysteriösesten Schieber ist Harry Lime, der seinen Jugendfreund und Schriftsteller Rollo Martins nach Wien einlädt. Doch bei seiner Ankunft kommt er nur noch rechtzeitig zu Limes Bestattung. Angeblich ist dieser Opfer eines Autounfalls geworden. Martins beginnt nachzuforschen und stellt fest, dass Harry kein Kleinganove war, sondern der Kopf einer skrupellosen Schmugglerbande. Und immer wieder kreuzt ein ominöser dritter Mann seine Wege …

Das sage ich: Kein Geheimtipp, vielmehr eines der bekanntesten Bücher des Genres, das nicht nur durch die kongeniale Verfilmung nahezu jedem ein Begriff ist. Hier lohnt sich daher ein Blick ins Kleingedruckte: Ins Deutsche übertragen wird die Neuausgabe dieses Klassikers von Nikolaus Stingl, den ich vor allem für seine Übersetzungen der Werke von Cormac McCarthy und Thomas Pynchon schätze, und der darüber hinaus Krimiautoren wie – so ein Zufall – Richard Stark und Eric Ambler im Portfolio hat. Meine hauseigenes, auf einem Flohmarkt erstandenes Exemplar von „Der dritte Mann“ stammt übrigens vom Europäischen Jugendbuch-Verlag aus dem Jahre 1952. Es handelt sich dabei, und das ist noch so ein Zufall, um eine Lizenausgabe von Zsolnay.

Erscheinungsdatum: 14. März 2016

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7 Gedanken zu “Vorschau 2016: Teil 7

  1. Eine Renaissance der Klassiker.mit Christie und Ambler bei Hoffmann & Campe, Greene und Malet bei anderen Verlagen. Zum Teil in neuen/neueren Übersetzungen. Zeit, die alten zerfledderten Ausgaben zu ersetzen. Möglichkeit, Übersetzungen zu vergleichen – vielleicht auch mit dem Original. Schauen, ob/wie Zeitgeist Übersetzungen beeinflußt. Ich habe mir – nur die Übersetzungen im Blick – bei Salingers „Der Fänger im Roggen“ Gedanken gemacht:https://philipp1112.wordpress.com/2010/02/16/j-d-salinger-der-fanger-im-roggen/

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  2. Auch wenn ich die Covergestaltung bei Eric Ambler grausig finde, ist es doch eine gute Nachricht, dass dieser Autor wieder neu aufgelegt wird. Dass man die jahrzehntealte Übersetzung nicht nochmal überarbeitet, kann man so oder so sehen. Im Fall von Fienbork wäre ich auch nach dem Motto vorgegangen: Warum etwas reparieren, was nicht kaputt ist?

    Ich hadere jetzt zudem mit der Frage: Komplettiere ich meine nicht ganz vollständige Ambler-Sammlung mit den Atlantik-TBs oder hole ich sie mir alle nochmal neu? 😉

    Da ich den Malet-Titel im Schule und Greene bereits im HC besitze, wird dann letztlich vor allem Westlake ins Regal wandern. Auch wenn ich den Preis – wie schon in meinem Vorschau-Ticker betont – arg stattlich finde. Zumal ich insgeheim eher hoffe, dass sich Zsolnay vllt. doch noch irgendwann die anderen Parker-Titel vornimmt.

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  3. Das Klassiker-Revival gefällt mir auch sehr gut. Bei Ambler werde ich definitiv am Ball bleiben, nachdem mir „Dimitrios“ sehr gefallen hat. Von Westlake alias Stark habe ich schon einen Parker bereitliegen. „Der dritte Mann“ kam übrigens vor kurzem erst auf ARTE als Wiederholung, aber Greene müsste man tatsächlich auch mal wieder lesen. Habe auch noch ein Dutzend Bücher der SZ Krimibibliothek auf dem SuB…;-)

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  4. Ich bin angesichts des Klassiker-Revivals ein wenig skeptischer – auf der einen Seite freue ich mich, dass viele Autoren nun abermals entdeckt werden können und gewissermaßen eine zweite Chance bekommen, auf der anderen Seite befürchte ich, dass dadurch für zu viele neue Autor_innen in den Verlagsprogrammen kein Platz mehr bleibt und sie quasi übersehen werden.

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