Jäger des verlorenen Schatzes

Goehre_Mayer_Cops_unplugged

© CulturBooks

Ein Themenblock über Polizeiromane ohne Ed McBain? Unmöglich. Der US-amerikanische Autor, der seinen Geburtsnamen Salvatore Lombino für eine Schriftstellerkarriere als Evan Hunter ablegte, schrieb unter diesem Pseudonym 54 cop novels und revolutionierte damit das Krimigenre. Grund genug für Frank Göhre und Alf Mayer, sich dessen Mammutwerk anzunehmen. In „Cops in the City. Ed McBain und das 87. Polizeirevier. Ein Report“ entführen sie uns ins pulsierende Isola (ital.: Insel), „das McBain erfunden hat, weil die Polizeivorschriften der Stadt New York sich zu oft änderten und weil der Autor sich auf eine stabilere Realität stützen wollte“ (Jean-Patrick Manchette), und stecken uns Seite um Seite mehr mit ihrer unverhohlenen Begeisterung an. Selten hat Sekundärliteratur stilistisch so sehr den Geist der Vorlage transportiert, selten hat sie so viel Spaß gemacht wie hier. Und das hat Gründe.

„Polizeiromane waren vorher auch schon geschrieben worden. Doch ich war mir sicher, dass es noch einen Polizeiroman gegeben hatte, in dem die Hauptrolle ein Team von Polizisten ist. Wo eigentlich der gesamte Bereitschaftsraum Held des Romans war.“ (Ed McBain)

Der Unterhaltungsfaktor rührt vor allem von der abwechslungsreichen Konzeption der einzelnen Kapitel her. Da werden zum einen extrem verknappt die Fälle des 87. Polizeireviers nacherzählt – mit Fokus auf der Entwicklung der verschiedenen Charaktere –, zum anderen kommen Weggefährten und Schriftstellerkollegen McBains in Form von teils persönlichen, teils werkbezogenen Kommentaren zu Wort. Und dann, ja dann gibt es da noch etwas für Romananfangs-Fetischisten wie mich: In „Cops in the City“ versammeln Göhre und Mayer den jeweils ersten Satz aus den Büchern um das 87. Polizeirevier. Ein Genuss! Zumal man ja nicht einfach in die nächstbeste Buchhandlung reinplatzen kann, um seinen Fetisch auszuleben, denn das Werk Mc Bains ist hierzulande leider längst vergriffen. Wer es dagegen mehr mit den abschließenden Sätzen hat: Auch an euch haben die beiden Autoren gedacht.  Diese beiden Eckpfeiler eines jeden Romans, der Anfang und der Schluss, die entscheiden, ob man weiterliest, entscheiden, wie man das Buch in Erinnerung behalten wird, zeugen im Fall McBain von großer Könnerschaft und machen neugierig auf die Person, die sich hinter einem Kokon aus Namen verbirgt. Auf den Menschen hinter dem Werk.

„Ich betrete mit den Cops den Tatort. Und meine Arbeit beginnt. Schritt für Schritt. Kapitel für Kapitel.“ (Ed McBain)

91 Romane und Erzählungen umfasst die „Comédie Humaine“ des französischen Schriftstellers Honoré de Balzac, der mit seinem Zyklus laut eigenen Angaben nicht weniger als „zugleich die Geschichte und die Kritik der Gesellschaft, die Analyse ihrer Übel und die Erörterung ihrer Prinzipien“ aufs Papier zu bringen versuchte. Sein Landsmann Émile Zola war da schon etwas bescheidener. Er begnügte sich mit läppischen zwanzig Romanen, in denen er die Geschichte der Familie Rougon-Macquart zur Zeit des Zweiten Kaiserreichs erzählt. Auch hierbei handelt es sich um den Versuch einer Gesellschaftsanalyse, die allerdings spürbar im Zeichen des damals populären Positivismus steht. Beide Reihen, die von Balzac und die von Zola, sind heute nicht nur wegen des Weltbilds beider Autoren eine eher zähe Lektüre. Aber dafür haben wir ja Ed McBain. Der erzählt zwar oberflächlich betrachtet nur von einer Horde Polizisten, doch die Hauptfigur seines Romanzyklus ist eigentlich – trotz ihres Decknamens – die Stadt New York. Über die Jahrzehnte hinweg gelingt es ihm, die sich verändernde Weltmetropole in all ihren Widersprüchlichkeiten abzubilden – und damit den Prozesscharakter menschlichen Lebens an sich einzufangen. Die cop novel als Nachfolger des Gesellschaftsromans, sozusagen.

„Ed McBain hat den Polizeiroman nicht erfunden, aber er hat ihn zu einem zentralen Teil der Kriminalliteratur gemacht.“ (Thomas Wörtche)

Auch wenn der Titel explizit auf die Reihe um das 87. Polizeirevier verweist, finden auch McBains (bzw. Hunters) andere Werke im Buch Erwähnung. Da geht es beispielsweise um seinen Durchbruch mit dem später verfilmten Roman „Die Saat der Gewalt“, um seine damit verbundenen ersten Erfahrungen als Drehbuchautor, seine Zusammenarbeit mit Alfred Hitchcock, die Gründe für ihr Zerwürfnis und die ungewöhnliche, überaus gelungene McBain-Adaption des japanischen Kultregisseurs Akira Kurosawa. Zwischendurch kommt der Meister immer wieder selbst zu Wort, berichtet, wie er zum Schreiben kam (gute Geschichte!), wie es ihm damit erging und was er alles noch mit seinem Leben vorhatte. Vom Ende allerdings, kann er nicht mehr selbst erzählen. Anrührend wird in „Cops in the City“ geschildert, wie der an Kehlkopfkrebs erkrankte Autor seine Stimme verliert und langsam entschwindet. Evan Hunter stirbt am 6. Juli 2005. Das Krankenhauspersonal kannte ihn vor allem unter seinem Pseudonym, als den, der die vielen Polizeiromane schrieb. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

„Jeden Morgen, wenn er aufwacht, kann er sich nicht sicher sein, ob er noch reden kann. Er stellt fest, dass es ihm beinahe unmöglich wird, den Namen Hunter verständlich auszusprechen. McBain geht viel, viel besser.“

Eine Hommage. Ein Lesebuch. Ein Mosaik. Was Frank Göhre und Alf Mayer hier vorlegen, ist alles andere als trockene, theoriegeladene Sekundärliteratur. Es ist ein Buch, das Lust macht, aufs Lesen, aufs Schauen, aufs Damit-Auseinandersetzen. Wer Ed McBains Romane vor der Lektüre von „Cops in the City“ nicht gelesen hat, der wird das spätestens nach der Hälfte ändern wollen. Denn hier schreiben zwei Fans, das ist unverkennbar, und sie tun dies mit einer Leidenschaft und Hingabe, die auch ein vergnügter Plauderton nicht kaschieren kann. Man will einfach wissen, was die beiden Herren so sehr begeistert hat. Ein bisschen ist die Qualität dieses Buches natürlich auch der Verdienst von Ed McBain selbst, dessen Handschrift sich nicht nur in Form von Zitaten wiederfindet. Für den größten Lacher meinerseits sorgte jedoch der Ullstein Verlag im normalerweise nicht sehr unterhaltsamen Literaturverzeichnis, der 1974 aus dem unspektakulären Originaltitel „Hail to the Chief“ die aberwitzige Verkehrsregel „Fahr langsam übers Massengrab“ ableitete. Da wird ja selbst Manchette neidisch.

„Cops in the City. Ed McBain und das 87. Polizeirevier. Ein Report” ist mit einem Vorwort von Thomas Wörtche bei CulturBooks sowohl als E-Book, als auch im Taschenbuchformat erschienen. Außerdem veröffentlicht der Verlag zurzeit einige Romane von McBains Erfolgsreihe in digitaler Neuauflage.

Übersicht aller Beiträge des Themenblocks “Cops. Cops everywhere.”

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4 Gedanken zu “Jäger des verlorenen Schatzes

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