Auf den Spuren von Bruen, McKinty & Co.

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Was habe ich mir nicht alles vorgenommen. Drei Bücher wollte ich während meines dreiwöchigen Aufenthalts in Irland lesen, weil ich davon ausging, dass mindestens die Hälfte aller Tage dem Regen zum Opfer fallen würden. „Jack Taylor liegt falsch“ von Ken Bruen, „In der Sackgasse“ von Gene Kerrigan und „The Big O“ von Declan Burke. Alle schön auf den neuen E-Reader geladen, dass ich nicht so schwer tragen muss. Die Erfindung des Rollkoffers habe ich bis heute eher unbeeindruckt zur Kenntnis genommen. Auf dem Hinflug benutzte ich das mir immer noch etwas fremde Gerät zum ersten Mal über einen längeren Zeitraum, Jungfernflug sozusagen, allerdings um ein bisschen in „Cops in the City“ zu schmökern. Noch waren wir ja nicht in Irland. 

2016-03-06-16h43m31Dublin ist eine große, verwinkelte, lärmende Stadt. Um das Dublin zu erleben, das Gene Kerrigan in „Die Wut“ beschreibt, muss man sich wahrscheinlich nördlich der Liffey, dem Fluss, der die Stadt in zwei Hälften teilt, aufhalten. Südlich davon gibt es nämlich vor allem betrunkene AmerikanerInnen und Pubs mit internationalem Publikum zu entdecken. Meine einzige Begegnung mit dem Krimigenre fand daher eher zufällig statt: Seit Wochen überlege ich schon, einen „Bald im Kino„-Beitrag über „Triple 9“ zu machen, woran mich ein vorbeifahrender Bus unnötig plakativ erinnern musste. Ich bin aber immer noch unschlüssig, ob der Film – trotz des großen Staraufgebtos – übers Mittelmaß hinauskommen wird. Ab dem 5. Mai lässt sich diese Frage im Kinosessel klären.

Galway war krimitechnisch schon interessanter. Die „irischste Stadt“ der Republik diente nicht nur als Schauplatz für die großartige schwarze Komödie „The Guard„, sondern auch für Ken Bruens Reihe um den versoffenen Privatermittler Jack Taylor. Hier wurde es allerdings etwas schwierig: Der Pub, in dem Taylor sich ans Pintglas schmiegt, heißt im ersten Band nämlich Grogan’s. Und den gibt es nicht. Die im Buch gegebene Wegbeschreibung führt zu einer Gasse, die nicht existiert. Eine Internetrecherche diesbezüglich ist mühsam, weil scheinbar kaum ein Journalist, der über die Bücher (oder die Fernsehfilme) berichtet, sich wirklich damit beschäftigt hat. Lediglich der Tagesspiegel weiß kompetent zu berichten, dass das Grogan’s in den späteren Romanen Bruens den Namen seines realen Vorbilds trägt: Garavan’s. Logisch, dass ich dort war. Und weil es mir so gut gefallen hat, war ich am nächsten Abend wieder dort. Vom übernächsten, dem St. Patrick’s Day, gar nicht zu reden.

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Wer sich in Galway aufhält, sollte übrigens unbedingt mal Charlie Byrne’s Bookshop aufsuchen, einen Laden, der von außen mit so hohen Regalwänden voller gebrauchter Bücher verkleidet ist, dass man eigentlich eine Leiter zum Stöbern bräuchte. Ken Bruen war leider nicht dabei, sonst hätte ich mir gerne einen weiteren Jack Taylor gekauft.

Von der tollen Landschaft und den einsamen Orten, die es zwischen den großen Städten zu entdecken gibt, schwärme ich jetzt mal nicht so ausführlich. Das ginge am Thema vorbei. Ich rate euch stattdessen, selbst mal hinzufahren/-fliegen, denn ich habe lange nicht mehr so über die Natur gestaunt wie in Irland. Zeit zum Staunen blieb auch genügend, denn regnen wollte es auch nach einenhalb Wochen immer noch nicht so recht. Mein E-Reader lag deshalb unangetastet in einem himmelblauen Waschlappen (ich hatte noch keine Zeit, mir eine artgerechte Hülle zu besorgen) und schmollte vor sich hin. Lesen? Wie ging das nochmal?

Nach zwei immer noch weitestgehend regenfreien Wochen hieß es dann: Tschüss, Republik und Hallo, Nordirland! Nach einem kurzen Aufenthalt in (London-)Derry sah der Plan vor, nach Carrickfergus weiterzufahren, um mal zu schauen, wo Sean Duffy eigentlich herkommt. Der Grenzübertritt geschah unbewusst, und doch spürte man bereits in Derry, dass sich das Klima veränderte. Hier, am Ort des Bloody Sunday, war die Geschichte spürbar. Es ist unmöglich, durch diese Stadt zu gehen, ohne auf Schritt und Tritt die Bilder des Nordirlandkonflikts vor Augen zu haben. Teilweise, weil sie in Form der People’s Gallery und anderer Denkmäler am Leben erhalten werden, teilweise, weil man auch heute noch überall „IRA“ und „Brits out“ Schmierereien findet.

Im Gegensatz zur street art hierzulande, findet sich auf den zwölf Wandbildern, den sogenannten murals, entlang der Rossville Street nicht ein einziger Edding- oder Sprühdosenstrich. Hier herrscht großer Respekt vor der eigenen Geschichte und den Künstlern, die sie verewigen, und ich will mir gar nicht ausmalen (ha!), was mit denen passiert, die daran herumpfuschen. Im „benachbarten“ Belfast geht das sogar so weit, dass wen ein mural mit einem neuen übermalt wird, das alte in Form einer Fotografie im kleinen Bilderrahmen daneben platziert wird. Sie sind Teil der politischen Kultur und als solche überall im Norden sehr präsent, auch wenn viele davon oft nur Propagandazwecken dienen.

2016-03-22-14h40m41Ich hatte zwar im Vorfeld keinen Buchladen über die Google-Suche ausmachen können, aber Carrickfergus ist nicht gerade klein und daher war ich frohen Mutes, doch noch einen finden zu können. Denkste. Das Vorhaben, den dritten Roman von Adrian McKintys Reihe zu erwerben, scheiterte an den Strukturen vor Ort. Der einzige Laden, in dem man Bücher kaufen konnte, war die Touristeninformation, und die hatten keine zeitgenössische Literatur zu bieten. Kriminalromane? Vergiss es. Nicht mal den Wunsch einer Bloggerkollegin konnte ich erfüllen. Ich sollte ihr das Ortsschild von Carrickfergus fotografieren, doch da es so etwas wie ein Ortsschild im deutschen Sinne dort nicht gibt, blieb mir nur, einen Wegweiser zu knipsen. Fazit: Der Besuch hat sich so gar nicht gelohnt und ich kann auch nicht sagen, dass ich die Stadt Carrickfergus sonderlich spannend fand. Selbst für die-hard-fans gibt es hier wenig zu holen

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Die peace wall in Belfast

In Belfast sah es, was mein Vorhaben anging, nicht viel besser aus. Ich fand zwar einen gut sortierten Buchladen mit einer riesigen Krimiabteilung, und es stand auch der ein oder andere McKinty im Regal, nur eben nicht Sean Duffy #3. Trotzdem lohnt sich Belfast für die Fans der Reihe ungemein. Wer die Ausstellung über die Troubles im Ulster Museum besucht, wird die Bücher in einem anderen Licht sehen, wird mehr wissen wollen über die Welt, in der sich der Mann von der RUC bewegt – und wird gleichzeitig auch mehr wissen. Ebenso Pflicht: Eine black taxi tour zu den Schauplätzen des Konflikts. Wer einen kompetenten, erzählfreudigen Fahrer wie Pádraig abbekommt, wird ein paar unvergessliche Stunden erleben und das ein oder andere Mal mit den Tränen zu kämpfen haben. Auf solch einer Rundfahrt erfährt man beispielsweise, dass die Shankill Road, die auch in McKintys Romanen eine zentrale Rolle spielt, noch immer als die gefährlichste Straße der Stadt gilt. Zu beiden Seiten von Radikalen bewohnt, gibt es dort nach wie vor immer wieder abstruse Auseinandersetzungen. Die Unionisten zünden einmal im Jahr ein Signalfeuer an, das aus, auf mehrfache Haushöhe aufgetürmten, Paletten und Autoreifen besteht, und auf dem Irland-Flaggen und andere Symbole der politischen Gegner verbrannt werden. Im Wohngebiet, übrigens. Auf diesem Blog findet ihr ein Bild, dass eine ungefähre Vorstellung davon vermittelt, wie das aussieht. Was die Republikaner ihrereseits tun, nun, davon hatte der offensichtlich republikanische Fahrer wenig zu berichten, er gestand lediglich, dass sie sich auch nicht viel vernünftiger verhalten.

Ganz ohne Bezug zum Krimi ging es also nicht, auch wenn der berühmte Regen sich für die komplette Dauer meines Aufenthalts eine Auszeit nahm. Nicht nur für die kommende Lektüre war diese Rundreiese ein einprägsames Erlebnis, sondern auch, wie es immer so kitschig heißt, fürs Leben. Irland ist im Ganzen eines der schönsten Länder, die ich je habe besuchen dürfen, und ich werde wahrscheinlich schon nächstes Jahr wiederkehren, um meine Erfahrungen zu vertiefen. Wer weiß, vielleicht klappt es ja dann auch mit dem Lesen.

P.S.: Zu meiner Verteidigung: Für die erste Hälfte von „The Big O“ hat der Rückflug noch gereicht.

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2 Gedanken zu “Auf den Spuren von Bruen, McKinty & Co.

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