Sonntagsfrühstück mit dem Krimi-Spezial vom Freitag (3)

IMG_0871

Jetzt ist es fast schon Tradition. Zum dritten Mal habe ich das Krimi-Spezial des Freitag zum Anlass genommen, ein besonders ausgedehntes Frühstück abzuhalten. Wie schon die letzten Male war es eine Freude, derart viele gut geschriebene Krimi-Kritiken auf einem Haufen versammelt zu sehen. Trotzdem wurde ich irgendwie wehmütig, denn mir wurde bei der Lektüre bewusst, wie wenig ich dieses Frühjahr bisher an aktuellen Titeln gelesen habe. Gut also, dass schon mal jemand vorsortiert hat.

Steinhauer Der Anruf

© Blessing

Den Anfang macht Katharina Schmitz mit ihrer Besprechung zu dem Spionageroman/Kammerstück „Der Anruf“ von Olen Steinhauer. Es ist ein Lobgesang, der aus drei Stophen besteht. Zuallerlerst lobt Schmitz den US-amerikanischen Autor mit dem skandinavisch klingenden Namen dafür, das Thema „Terror“ nicht nur für billigen Nervenkitzel auszuschlachten, sondern nach den Ursprüngen, den Gründen für selbigen zu fragen. Zweitens transportiere der Roman die Atemlosigkeit von Steinhauers Schreibprozess, der die Geschichte innerhalb eines Monats zusammengeklöppelt haben soll. Zuguterletzt hebt die Autorin die unaufdringliche Aktualtät von „Der Anruf“ hervor. Hier spinne jemand klammheimlich reale Bezüge, ohne die Realität nacherzählen zu wollen, hier werde die große, komplexe Welt mithilfe unscheinbarer Dinge  und beiläufigem namedropping lebendig. Große Kunst also, und mit Sicherheit einen Blick wert.

pb

© Nautilus

Vor einem halben Jahr, beim letzten Sonntagsfrühstück, schrieb ich: „Aktuell lese ich ‚Der Spion, der Jazz liebte‘ von Bill Moody und musste daher die ganze Zeit nicken, während ich Joachim Feldmanns Besprechung dazu gelesen habe“. Was soll ich sagen? Gerade erst habe ich „The Big O“ von Declan Burke beendet und muss festellen, dass Joachim Feldmann und ich erneut nicht nur ähnliche Lesegewohnheiten, sondern auch eine ähnliche Meinung über das Gelesene zu haben scheinen. Da ich selbst noch nichts zu dieser feinen screwball-Komödie geschrieben habe, mache ich es also kurz: Feldmann vergleicht Burkes Roman über eine gescheiterte vorgetäuschte Entführung mit „Fargo“ – und besser kann man das abstruse Geschehen in einem Wort auch gar nicht zusammenfassen. Hinter dem ganzen Klamauk, dem mit-popkulturellen-Referenzen-um-sich-schmeißen und den unzähligen Peniswitzen entdeckt der Kritiker auch eine ernsthaft-realistische Ebene, die jedoch, wie der ganze Roman, ein bisschen im luftleeren Raum hängen bleibt. Fazit: Höllisch gute Hommage, aber Abzüge in der B-Note aufgrund der „Sterilität“.

Schünemann Volic Pfingstrosenrot

© Diogenes

Magdalene Geisler hat sich mit „Pfingstrosenrot“, dem zweiten Roman des deutsch-serbischen Autorenduos Schünemann & Volić auseinandergesetzt. Der spielt, wie schon Teil Eins, in Belgrad, und wenn man Geislers Text liest ist das auch das schlagende Kaufargument. Hier wird, so die Kritikerin, viel wert darauf gelegt, Land, Leute und politische Realität möglichst authentisch zu schildern. Was auch gelingt. Der eigentliche Kriminalfall gerate darüber aber ins Hintertreffen, bilde mehr den Aufhänger für die Geschichte, als selbst Teil davon zu sein. Gerne gelesen hat sie das Buch trotzdem. Bei mir ist der Funke durch diesen Text zwar nicht übergesprungen, das kann aber durchaus an den vielen hymnischen Besprechungen von Geislers Kolleginnen und Kollegen liegen, die ihrer eher nüchternen Kritik ein wenig das Wasser abgraben.

Als Alf Mayer mir auf der letztjährigen Frankfurter Buchmesse erzählte, er würde bald nach Australien fliegen, nahm ich naiverweise an, es handle sich um eine Erholungsreise. Stattdessen (zumindest legt sein Beitrag im Krimi-Spezial das nahe) scheint er als eine Art Deutscher Krimibotschafter down under gewesen zu sein. Zutück kam er mit einem Lagebericht in doppelter Hinsicht. In seinem Text geht es nämlich nicht nur um die Autoren, die er dort getroffen, die Krimis, die er dort gelesen hat, sondern auch um die Frage, wie diese sich in die Geschichte eines Landes einfügen, das viele nur mit Kängurus und Backpackern verbinden. Dabei bleibt festzuhalten: Der Australien-Krimi mag, schaut man sich die Zahl der Veröffentlichungen hierzulande und anderswo an, nicht der neue Schweden-Krimi sein. Die Qualität dessen, was rüberschwappt ist aber ungleich höher. Und auch am anderen Ende der Welt ist der Krimi das Medium, in dem sich die gesellschaftlichen Missstände offenbaren.

Don Winslow Germany

© Droemer

Marcus Müntefering hatte da schon weniger Glück. Während sein Kollege sich im Ausland angeregt mit Leuten wie Michael Robotham, Garry Disher und Candice Fox unterhalten durfte, wurde ihm ein pikierter, kurz angebundener und in scheinbar auswendig gelernten Sätzen sprechender Don Winslow zur abendlichen Betreuung überlassen. Der hat mit seinem Rotlicht-Krimi „Germany“ gerade die (scheinbar miserable) Fortsetzung des bereits eher durchschnittlichen „Missing. New York“ vorgelegt.  So zäh das Gespräch auch gewesen sein muss – Müntefering macht einen spannenden Artikel draus und offenbart kurz, knapp und mit Zitaten belegt, warum der Großmeister momentan auf Amateurniveau herumkrebst. Und weil er seinen Text als Hommage an Winslow mit einer Liste beginnt, fasse ich diesen Teil ebenfalls in einer solchen zusammen. Grob gesagt gibt es nur zwei Gründe:

  1. Der Mann recherchiert nicht mehr, was mal sein Markenzeichen war.
  2. Er ist nicht mehr mit Herz bei der Sache, sondern will „nur einen Krimi schreiben“.

Schön, dass Müntefering am Ende des Abends doch noch dem „alte[n] Winslow“ begegnet. Die Diskrepanz zwischen Können und aktuellem Anspruch des Autors schien selten so greifbar, wie in den letzten Bildern dieses Textes. Die Originalfassung davon gibt es hier zu lesen.

Ambler Ungewöhnliche Gefahr

© Atlantik

Mit einem anderen Großmeister hat sich Ekkehard Knörer befasst. In „Ungewöhnliche Gefahr“ ließ Eric Ambler den Journalisten Kenton in eine Geschichte von internationaler Tragweite stolpern und avancierte damit zur neuen Lichtgestalt des Spionageromans. Sein Glanzstück sei zwar, so Knörer, „Die Maske des Dimitrios“, doch ließe sich auch an diesem Roman, dem noch der Zauber des Anfangs innewohne, zeigen, wie Ambler dieses Subgenre nachhaltig beeinflusst hat. Was der Kritiker dann auch tut. Vieles von dem, was Knörer beschreibt und was damals revolutionär gewesen sein mag, ist für uns heute natürlich ein alter Hut. Aber ein spanneder Roman bleibt nun mal ein spannender Roman. Die Ambler-Renaissance unter dem Dach von Hoffmann und Campe ist daher nicht nur für Genre-Theoretiker interessant.

Luther Blissett Q

© Assoziation A

Die Krimi-Krtiken von Thekla Dannenberg sind immer ein persönliches Higlight von mir, weil sie es meisterhaft versteht, ihre Leser anzufixen. So ist auch „Q“ von Luther Blisset aka Wu Ming aka dem schrägen Autorenkollektiv aus Bologna ab sofort auf meiner mostwanted-Liste anzutreffen. Ein mittelalterlicher Krimi, ein ominöser Mann mit vielen Namen, der sich in der Nähe von Personen und Orten mit revolutionärem Potential herumtreibt, eine mystisch-symbolische Schnitzeljagd durch Deutschland, Italien und die Niederlande. Warum man Thomas Müntzer einem Martin Luther vorziehen und wieso das „Neue Jerusalem“ im beschaulichen Münster errichtet werden sollte – das alles erfährt man laut Dannenberg in diesem Roman. Und noch mehr. Denn unter der Kapuze des historischen Kriminalromans verberge sich beißende Kritik am Status Quo. Damit das auch jeder mitbekommt, ist „Q“ mit einer sogenannten creative common Lizenz erschienen, was nichts anderes bedeutet, als dass man den Text kostenlos herunterladen (und vervielfältigen) darf – zum Beispiel auf der Homepage des Kollektivs. Für die deutsche Übersetzung gilt das allerdings nicht.

Lehmann Allesfresser

© Argument

Mit Christine Lehmann und ihrer Lisa Nerz hatte ich bereits mehrfach das Vergnügen – in- und außerhalb der Reihe. Umso gespannter war ich also, was Helena Neumann zum neusten Streich zu sagen hat. „Allesfresser“ spielt in der Veganer-Szene, und alleine für die Idee, dass im Roman das Fleisch eines Fernsehkochs im Supermarkt verkauft wird, sollte man das Ding in die Hand nehmen. Das sage ich jetzt, nicht Helena Neumann. Die ist aber nicht minder begeistert von der Autorin, die der Unscheinbarkeit der schwäbischen Provinz immer wieder Obskuritäten wie ebendiese entgegensetzt. Das eigentliche Faszinosum bleibt, da sind sich die Kritikerin und ich einig, aber die Protagonistin Lisa Nerz, die auch im neuen Fall keine Anstalten macht, sich in eine Schublade stecken zu lassen. Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und sage: Eine vielschichtigere, ambivalentere Hauptfigur lässt sich im Bereich der Krimi-Reihen schwerlich finden.

Chloe Hopper Der große Mann

© Liebeskind

Unbedingt lesen möchte ich auch „Der große Mann. Leben und Sterben auf Palm Island“ von Chloe Hopper. Michael Duszat hat es getan – und ist begeistert. Anhand von Gerichtsdokumenten versucht die australische Autorin in ihrem neusten Roman den Mord an einem Aboriginie aufzuklären, der tot in einer Gefängniszelle aufgefunden wurde. Das veranlasst nicht nur Duszat zu einem Truman Capote Vergleich. An Bedeutung gewinne der Roman aber vor allem durch die verhandelte Thematik des Alltagsrassismus (der Hauptverdächtige ist ein Cop) und die Schilderungen des Elends, das der anfangs naiven Chloe Hopper auf ihrer Spurensuche begegnet. Die Textbeispiele, die Duszat dazu heranführt, erinnern stark an das Bild des dirty south, wie wir es aus dem US-amerikanischen country noir kennen. Was wieder einmal beweist, dass Elend überall auf der Welt gleich aussieht.

Mourad Vertigo

© Lenos

Um „Vertigo“ von Ahmed Mourad schleiche ich schon lange unschlüssig herum. Da musste erst Eva Erdmann daherkommen, die mich in meiner Tendenz, das Buch liegen zu lassen, so weit bestärkte, dass ich nun endlich damit abschließen kann. Dabei weiß ich nach dem Lesen ihrer Kritik nicht mal, was sie davon hält. Zumindest nicht wirklich. Im Label „Thriller aus Kairo“ und der damit verbundenen Erwartungshaltung sieht sie, das interpretiere ich mal so frei, nichts weiter als ein Äquivalent zum altmodischen Diavortrag. Dieser Logik folgend findet sie im Roman jede Menge Klischees, welche eben jene Leser in eine fremde Welt entführen sollen, die früher die mit Urlaubsbildern gespickten Leinwände in den Gemeindehallen anglotzten. So weit, so ironisch-distanziert. Doch wenige Zeilen später kritisiert sie den Autor für seine Bildsprache, die leider zu selten an „die Fabulierlust orientalischer Märchen“ erinnere. Das lasse ich mal so stehen.

Cooper Wes Trench

© Ullstein

Den Abschluss macht Thomas Wörtche mit seinem Text über „Das zerstörte Leben des Wes Trench“ von Tom Cooper. Und der hat sich gewaschen. Wörtche erkennt in Cooper einen Autor, der es nicht nur schafft, den Genrekonventionen, sondern gleich den Konventionen modernen Erzählens an sich zu entgehen. Das gelingt ihm, indem er eine Riege von Figuren aufführt, deren Wege sich nicht – wie sonst üblich – kreuzen. Simpel, ja, aber ganz schön frech. Und wenn ein Autor es einem dann noch schwer macht, seinem Südstaaten-Roman das Label country noir aufzudrücken, weil das noir nicht so recht haften bleiben will, dann muss man sich schon fragen, warum das Teil ungelesen auf dem Nachttisch herumliegt. Thomas Wörtche trifft jedenfalls keine Schuld, der schreibt nämlich darüber, dass einem das Wasser nur so im Mund zusammenläuft. Man könnte glatt Garnelen darin ansiedeln.

Ich bringe das jetzt mal in Ordnung. Und ihr rennt am besten zum Kiosk eures Vertrauens, oder schaut, dass ihr euch die Artikel online zusammenklaubt. Es lohnt sich schon der großartigen Bilder wegen, welche diesmal von der Berliner Illustratorin Lisa Rock stammen. Die Tuschezeichnung eines Streifenwagens ist beispielsweise derart großartig, dass ich sie mir sofort an die Wand hängen würde. Aber genug geredet, den Rest kriegt ihr auch ohne mich hin. Jetzt ist schon fast wieder Zeit fürs Abendessen.

Advertisements

2 Gedanken zu “Sonntagsfrühstück mit dem Krimi-Spezial vom Freitag (3)

  1. Die Krimibeilage der SZ habe ich noch mitbekommen, die vom Freitag habe ich mal wieder verpasst. Daher danke für deine Zusammenfassung. Ich freue mich, dass ich noch einige gute Bücher vor mir habe.
    „Q“ kann ich nur empfehlen, ich habe es damals in der Piper-Auflage gelesen, ein grandioses Buch.

    Gefällt 2 Personen

  2. Dem Gunnar schließe ich mich an, Q ist wohl der beste Roman zum Thema Reformation und vielleicht einer der besten historischen Romane überhaupt. Schade, das der Verlag da so ein fragwürdiges Cover gebastelt hat.
    Und auch den Wes Trench kann ich nur empfehlen – tolles Buch!

    Gefällt 1 Person

Diesen Artikel kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s