Be Kind to Your Neighborhood Monsters

Gattis Straßen der Wut

© Rowohlt

Sie sind zu dritt. Sie überfallen ihn von hinten. Sie schlagen auf ihn ein. Ernesto Vera, der bis eben noch friedlich an der Straße Tacos verkaufte, der sich nie etwas hat zu Schulden kommen lassen, weiß nicht, was das vermummte, schwer bewaffnete Trio von ihm will. Aber er kann es ahnen. Sie wollen sich für etwas rächen, dass sein verrückter kleiner Bruder Ray, alias „Lil Mosco“, ihnen angetan hat. Doch ehe er sie danach fragen kann, ist er bereits tot. Als seine Schwester Lupe und die Mitglieder ihrer Gang seinen leblosen Körper kurze Zeit später auf der Straße finden, schwören sie Rache. Während ganz Los Angeles im Chaos versinkt, durchkämmen sie Lynwood, eines der gefährlichsten Viertel der Stadt, mit nichts im Sinn, als den Mördern von Ernesto ein paar Kugeln in den Kopf zu jagen. Doch sie sind bei weitem nicht die einzigen, die den allgegenwärtigen Ausnahmezustand nutzen wollen, um ein paar offene Rechnungen zu begleichen.

Die Stadt war zu sehr mit Brennen beschäftigt, schätze ich, seine Leiche lag nämlich immer noch in der Gasse, das schwarzweiß gestreifte Hemd seiner Schwester immer noch auf dem Gesicht wie diese traurigen Flaggen, die man über Soldatensärge hängt. Wenn dir das kein Loch in den Bauch reißt, dann weiß ich auch nicht, Mann.

So beginnt die Geschichte, die Ryan Gattis uns in seinem vielstimmigen Roman mit dem ebenso wunderschönen wie passenden deutschen Titel „In den Straßen die Wut“ erzählt. Wobei – so ganz stimmt das nicht. Denn die Ereignisse, diese unkontrollierbare Spirale der Gewalt, nimmt eigentlich woanders ihren Anfang. Im Gerichtssaal nämlich. Streng genommen zeichnet sich die Katastrophe sogar schon von dem Moment an ab, als Polizisten den Afroamerikaner Rodney Glen King auf offener Straße krankenhausreif schlagen. Doch erst als das zähe, einjährige Verfahren gegen vier der beteiligten Beamten in einem Freispruch mündet, bricht in L.A. die Hölle los. Fünf Tage lang befindet sich die Stadt daraufhin in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand. Was als Protest gegen die staatliche Willkür und die ungleiche Behandlung verschiedener Bevölkerungsgruppen in den USA beginnt, endet in sinnlosem Morden, Plündern und Brandschatzen durch Straßengangs, die alles angreifen, was eine Uniform trägt. Das Gesetz wird aus den Angeln gehoben und die Zivilisation bröckelt Kapitel für Kapitel etwas mehr.

[…] Feuer ist sowas wie Reinigung. Verwandelt den ganzen Dreck und schafft Platz für Neues. Putzmittel brennt ja auch, oder? Ist irgendwie das gleiche.

Es dauert eine Weile, bis einem das Alter der Protagonisten dämmert, bis man feststellt: Das sind ja noch Kinder. Kinder, die keine Perspektive haben, Kinder, die glauben, dass sie sich als Angehörige einer ethnischen Minderheit in der amerikanischen Gesellschaft nur Respekt verschaffen können, wenn sie eine Waffe tragen. Dabei haben sie durchaus auch andere Fähigkeiten. Apache zum Beispiel kann richtig gut zeichen, was jeodch kaum einer weiß. Dafür weiß jeder, dass er seinen Opfern gerne mal die Kopfhaut abzieht. Daher ist ist ihm genau wie seiner Katze, die er mit Alukugeln spielen ließ, bis die scharfen Kanten sie innerlich aufschlitzten, in dieser gefährlichen Stadt kein langes Leben bestimmt. Mit 26 Jahren auf dem Buckel zählt man in Gattis‘ Roman schon zu den Veteranen. Nicht nur Thomas Wörtche dürfte sich bei weiten Teilen von „In die Straßen der Wut“ an Paulo LinsCity of God“ erinnert fühlen – ein Buch, das auf ähnliche Weise von kriminellen Jugendbanden in Brasiliens Hauptstadt Rio de Janeiro erzählt, und die Vorlage für den gleichnamigen, etwas bekannteren Film lieferte. Dass „In den Straßen die Wut, wie der Klappentext behauptet, ein „Buch ohne Vorbild“ sei, lässt sich also durchaus anzweifeln.

Das Gute an einem Ruf ist, man muss eine Sache nur einmal machen und dafür sorgen, dass es jemand sieht, damit der es erzählen kann. Ja, ich hab jemanden skalpiert, aber es war nicht so schlimm, wie die Leute denken. Ich meine, erst mal war der Idiot schon tot, ich hab nämlich erst angefangen, nachdem ich ihm meine .22er in die Nase gesteckt und abgedrückt habe.

Als „Experiment“, um mal bei den Etikettierungsversuchen des Klappentextes zu bleiben, geht das Buch schon eher durch. Denn Gattis hat sich bei seinen Recherchen größtenteils auf eine einzige Quelle verlassen: Einen Bandenchef. Vieles von dem, was im Buch geschildert wird, stammt sozusagen aus erster Hand, was dem Roman eine Aura der Authentizität verleiht, die sich nicht zuletzt aus einer Unmenge an kleinen Details und dem Sprachduktus seiner Protagonisten speist. Sourced fiction nennt der Autor das – und da hören die Innovationen auch schon auf. Macht aber nichts. Die Geschichte wird uns ganz klassisch in Form eines Episodenromans erzählt, was hervorragend funktioniert. Gleich 17 fiktive Personen (größtenteils Latinos) lässt er von den LA Riots berichten, und mit deren Augen betrachtet, sieht die Welt gleich ganz anders aus. Durch die weitestgehend wertfreien, überraschend reflektierten und selten glorifizierenden Schilderungen seiner Protagonisten gelingt Gattis etwas, was die meisten Nachrichtenbilder auch heute noch nicht schaffen: Er dringt zu uns durch. Nicht nur das Schicksal der Krankenschwester, des Feuerwehrmanns, des Sprayers, der einfach nur raus will aus dem ganzen Mist, nicht nur die Probleme der „Guten“, sondern auch die Eskapaden der gewaltbereitesten Gangmitglieder lassen einen plötzlich nicht mehr kalt. Weil wir sie vom Inneren ihrer Köpfe aus nicht mehr einfach so als Unmenschen abtun können.

Wir ziehen los, wir erteilen den Rowdys eine Lektion, damit sie wissen, wer größer und böser ist, dann ziehen wir wieder ab. Echtes Steinzeitverhalten, aber zufällig auch die einzige Sprache, die jede Gang versteht.

„In den Straßen die Wut“ ist ein wuchtiger, erschütternder Stoff. Ein Gewaltexzess, der uns eine Ahnung davon vermittelt, was passiert, wenn Teile der Gesellschaft über einen langen Zeitraum hinweg ausgegrenzt werden. Damit bleibt der historische Stoff aktuell – und das weit über die naheliegenden Parallelen zum Tod des schwarzen Jugendlichen Michael Brown im Jahr 2014 und den darauffolgenden Ausschreitungen in Ferguson hinaus. Nicht nur deshalb hat sich wahrscheinlich der amerikanische Bezahlsender HBO die Rechte an Gattis‘ Roman gesichert. „All Involved“ wird von Alan Ball als Miniserie produziert, und wer die ebenfalls unter seiner Anleitung entstandenen Serien „Six Feet Under“ oder „Banshee“ gesehen hat, weiß, dass man sich bezüglich der Qualität keine Sorgen machen muss. Wer also nicht gespoilert werden will, der mache lieber einen Bogen um die literarische Vorlage und die folgenden Sätze dieser Rezension. Der Schluss  dürfte jedoch weder Leser, noch Nicht-Leser überraschen. Die Geschichte endet, wie solche Geschichten zwangsläufig immer enden. Der Staat lässt seine eigene Gang von der Leine. Polizei und Militär wüten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion unter den bewaffneten Kindern und Jugendlichen um ein für alle Mal klarzustellen: Das ist unser Revier. Wir dulden euch hier nur. Wenn wir wollen, knipsen wir euch einfach aus.

„In den Straßen die Wut“ von Ryan Gattis ist gerade bei Rowohlt in der Reihe Polaris als Broschur erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Ingo Herzke.

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6 Gedanken zu “Be Kind to Your Neighborhood Monsters

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