Zugfahrt mit dem „Krimi“-Magazin

krimi_magazin_deckblatt

© Panini

Eigentlich bin ja selbst schuld an der ganzen Sache. Da hatte ich Unmengen ungelesener Bücher daheim und ging trotzdem aus dem Haus, ohne eins davon mitzunehmen – und das obwohl ich wusste, dass ich Zug fahren werde. Ziemlich dumm. Aber wofür hat man schließlich Bahnhofs-Buchhandlungen? Einen neuen Krimi wollte ich mir zwar nicht direkt kaufen (der Stapel neben dem Bett war schon mal weniger einsturzgefährdet), aber eine Zeitschrift, das war drin. Es lag also nahe, Krimi – Das Magazin zu erwerben. Ja, aus meiner damaligen Perspektive betrachtet machte es regelrecht Sinn.

Erste Ausgabe. Es geht um mein Lieblingsgenre. Neugier.

Wagemutig warf ich also die verlangten fünf Euro auf den Tresen. Die Zeitschrift hatte ich nicht mal aufgeschlagen, das Cover nicht länger als ein paar Sekunden betrachtet, die Verkäuferin kaum eines Blickes gewürdigt, sprich: Ich war in Gedanken woanders. Sowas rächt sich. Spätestens als ich im Zug die ersten paar Seiten meiner Reiselektüre überflogen hatte, verfluchte ich mich dafür, ein so verdammt schlecht organisierter Mensch zu sein. Da hatte ich Unmengen ungelesener Bücher daheim …

Man darf ja von der Zeitschrift Crime aus dem Hause Gruner+Jahr halten, was man will – mir persönlich gefällt sie bekanntermaßen nicht sonderlich –, aber in Sachen Design kann man sich vor so viel Geschmackssicherheit nur verneigen. Was sich von Krimi leider nicht sagen lässt. Im Gegenteil. „Das Magazin für den Krimi-Fan“ sieht aus, als hätte man unbedrucktes Papier mit wahllosen Fonts, farbigen Hintergrundbildern, Fotos, die teilweise aussehen wie Omas überbelichtete Urlaubserinnerungen und Anzeigen, deren Qualität von Werbeagentur bis Photoshop-Einsteigerkurs reicht, in einen Topf geworfen und vergessen, den Herd anzuschalten. Herausgekommen ist dabei eine Optik, die sich irgendwo zwischen Fernsehzeitschrift, Bravo und Panini-Stickeralbum einordnet. Letzteres ist dabei nicht mal verwunderlich: Der Panini-Verlag ist tatsächlich der Herausgeber dieser Zeitschrift.

Jetzt aber mal zum Wesentlichen. Los geht es, logisch, mit dem Editorial. Zu uns spricht ein Detektiv-Piktogramm, erkennbar am Trenchcoat, das den Namen „Mr. X“ trägt (Krimi als Titel, herausgegeben von „Mr. X“ – wow. Da war bestimmt ein think tank nächtelang beschäftigt). Den Zeilen dieses Phantoms ist zu entnehmen, dass sich beim Jungfernflug alles um Tatort (ich spar mir mal den Link) und die BBC-Serie Sherlock drehen wird. Jetzt muss man fairerweise sagen, dass ich mit dem Tatort so gar nichts anfangen kann, weshalb mich gut die Hälfte (!) des Hefts sowieso nicht interessiert. Und Sherlock ist zwar eine wirklich gut gemachte Serie, die ich auch gerne schaue, aber ich verspüre nicht das Bedürfnis, etwas über die Sonderfolge Braut des Grauens zu lesen, bevor ich diese überhaupt gesehen habe. Nicht die besten Voraussetzungen also, um mit dem neuen Magazin warm zu werden.

Ich habe alles gelesen. Alles. Wenn man mal davon absieht, dass ich mich der Optik wegen die ganze Zeit über fühlte, als wäre ich wieder 13 Jahre alt, sind einige Texte wirklich gut geschrieben. Die Qualität variiert aber derart stark, dass man sich schon fragen muss, wer eigentlich das Autorenteam zusammengestellt hat. Manche Rezensionen klingen, als hätte man sie mithilfe eines Automatismus erstellt, der sich aus den meistgenutzten Baukastensätzen in Amazon-Bewertungen spiest. Man findet ganze Absätze, die scheinbar versehentlich per copy and paste dupliziert wurden, ebenso wie haarsträubende Fehlinformationen. Oder seit wann ist es „schwierig bis unmöglich“, seinen E-Book Händler zu wechseln, wenn man einen „Tolino“ besitzt? In dem Artikel „Smartphone oder E-Book-Reader?“, der sich wohl an Leute richtet, die beides nicht besitzen und auch absolut keine Ahnung von der Materie haben, wird nämlich so getan, als gäbe es diesbezüglich keine Unterschiede zwischen dem offenen System des „Tolino“ und dem geschlossenen System des „Kindle“. Ist das noch schlechte Recherche oder schon Unternehmenspropaganda?

Angesichts dieses halbgaren, oft lieblos wirkenden Produkts, vergeht mir jegliche Lust, mich über weitere Einzelheiten auszulassen. Den Vogel schießt jedenfalls der Rätselkrimi am Ende ab – Funk Uhr lässt grüßen. Der Gmeiner Verlag spendiert eine Denksportaufgabe, die allerhöchstens Grundschüler auf eine ernsthafte Probe stellen dürfte, und damit stellt sich auch auf der vorletzten Seite nochmal die Frage, für wen Krimi eigentlich gedacht ist. Für mich jedenfalls nicht. Zu oberflächlich die Themenauswahl, zu gefällig, zu bieder. Langweilig eben. Die Redaktion geht auf Nummer sicher und packt Mainstream-Literatur neben öffentlich-rechtliche Fernsehkrimis, heimelige Regio-Schwarten neben anerkannte Klassiker à la Arthur Conan Doyle. Das mag die Masse ansprechen, wird aber höchstwahrscheinlich trotzdem nicht funktionieren. Und ich verrate euch auch, warum:

Erstens kann diesen visuellen Brei kein Mensch ertragen. Geht doch einfach mal in die nächstbeste Zeitschriftenhandlung und schlagt die letzte Seite auf. Oder die davor. Oder irgendeine andere. Wer macht sowas?

Zweitens ist ein nicht unerheblicher Teil der Texte stilistisch wie inhaltlich so durchwachsen, dass man sich fragt, wer dafür Geld ausgeben soll. Inhaltsangaben bekommt man auch anderswo, Krimi-Kritiken sowieso, und was wann wo gesendet wird, das entnimmt man dann doch lieber einer Fernsehzeitung, als die gleiche Information unübersichtlicher und/oder unvollständiger diesem Heft zu entnehmen.

Zugunglück

Meine Wut über die verschwendeten fünf Euro und die verlorene Lebenszeit trieb mich noch während der Fahrt zu einer Kurzschluss-Reaktion. Passanten schossen davon dieses Foto für ihren Instagram-Account.

Im Editorial ruft die Redaktion in Gestalt von „Mr. X“ dazu auf, doch bitte Verbesserungsvorschläge und Anregungen an sie heranzutragen. Was ich nicht tun werde, weil ich keine Chance sehe, dass mir Krimi irgendwann gefallen könnte. Die thematische Schnittmenge ist dafür einfach zu klein. Wer sich jetzt aber denkt: „Hey, das ist eigentlich genau mein Ding!“, dem lege ich die Homepage der Zeitschrift ans Herz. Die ist nämlich nicht ganz so grauenvoll aufgemacht, wie das Produkt, das sie bewirbt, und es gibt obendrein die Chance, vielleicht etwas an der Qualität und Präsentation der Inhalte zu ändern. Nehmt an der Umfrage teil, sagt, was euch stört, es gibt sogar was zu gewinnen. Ich lasse in Zukunft aber definitiv die Finger von diesem Magazin.

„Krimi – Das Magazin“ erscheint im Panini Verlag. Die vorliegende Kritik bezieht sich auf die erste Ausgabe  April/Mai 2016.

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11 Gedanken zu “Zugfahrt mit dem „Krimi“-Magazin

  1. Ui ui, das klingt ja ganz furchtbar 😦 Da bringt mal endlich jemand ein Magazin zu unserem Lieblingsthema heraus und dann offenbar derart lieblos, kopfschüttel. Schon allein die Aufmachung… Da scheint eigentlich schon alles vertan. Aber ich werde mir selbst mal ein Bild machen – ohne viel Hoffnung allerdings.

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  2. * Und Sherlock ist zwar eine wirklich gut gemachte Serie, die ich auch gerne schaue, aber ich verspüre nicht das Bedürfnis, etwas über die Sonderfolge Braut des Grauens zu lesen, bevor ich diese überhaupt gesehen habe. *

    Sieh dir die Folge bloß nicht an! Ich habe selten einen solchen Schwachsinn gesehen, dagegen wirkt Die nackte Kanone hochintellktuell. Ich habe jetzt gar keine Lust mehr auf die nächsten Staffeln.

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  3. Sehr schöner Beitrag. Mir ging es übrigens genau wie dir: Zugfahrt, nix zu lesen dabei und in der Bahnhofsbuchhandlung dieses Magazin entdeckt. Aber ich hatte wohl meine Sinne beisammen und habe es nach kurzem Blick ins Innere wieder weggelegt…;-)

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    • Zu meiner Verteidigung: DIe Zeit war auch recht knapp 😉 Ich bin aber froh, dass ich nicht alleine mit meiner Meinung dastehe. Manchmal ist man ja einfach nicht in der richtigen Stimmung für etwas, und wenn man schon mal einen saftigen Verriss schreibt, dann soll der doch wenigstens gerechtfertigt sein.

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    • Jungs, mal ehrlich: ihr geht ohne Buch aus dem Haus und wisst, dass ihr gleich in einem Zug sitzen werdet? Irgendwie scheint mir da dieses Krimi-Magazin eine absolut gerechtfertigte Strafe zu sein! 😛 *schnell duck und wegrenn*

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  4. Pingback: Birds do it, bees do it… | Literatur-O-Meter

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